Nelly Marmorek

Nelly Marmorek (* 13. Mai 1877 in Wien, † 11. März 1944 in Cannes), österreichische Malerin, Grafikerin und Kunstpädagogin. Ausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst), bei Franz von Lenbach[1] in München und bei Henri Matisse in Paris und Cannes.
Biografie, Œuvre, Ausstellungen
Nelly Marmorek (Cornelia Schwarz) wird als älteste von drei Töchtern in Wien geboren. Die Mutter, Hermine Schwarz-Brüll, ist die Schwester des bekannten Pianisten und Komponisten Ignaz Brüll[2] und selber Sängerin. Der Vater, Julius Schwarz, ist Mitinhaber des renommierten Wiener Bankhauses Strisower & Schwarz, welches er gemeinsam mit seinem Schwager Bernhard Strisower führt. Die Familie lebt an der Berggasse 13 in Wien und in der 1889 erworbenen Sommerresidenz, dem Berghof, in Unterach am Attersee. Der Landsitz wird schon bald zu einem Treffpunkt der Elite des kulturellen Wiens der damaligen Zeit. Johannes Brahms[3], Karl Goldmark[4] und Gustav Mahler sind Gäste im Berghof.[5] Nelly wird in den verschiedensten Fächern und von unterschiedlichen Lehrern zuhause unterrichtet. Unter anderen ist auch Rudolf Steiner eine Zeit lang als Hauslehrer bei den Familien Schwarz und Strisower tätig.[6]. Nellys künstlerische Fähigkeiten finden schon früh Anerkennung und werden gefördert.

Im Jahr 1896 verlobt sich Nelly mit dem bekannten Wiener Architekten und Zionisten Oskar Marmorek[7]. Am 17. Januar 1897 findet die Heirat im Wiener Tempel an der Seitenstettenstraße statt. Im von Julius Schwarz finanzierten und von Oskar Marmorek im Jahr 1898 erbauten Nestroyhof an der Praterstraße 34 im zweiten Wiener Bezirk ist ein Maleratelier für Nelly eingeplant.[8] Ab 1901 ist Nelly als Studentin an der Kunstgewerbeschule in Wien eingeschrieben. Sie besucht vorerst die Vorbereitungsklasse Figurale Abteilung bei Prof. Alfred Roller und anschließend die Allgemeine Abteilung Figurales Zeichnen bei Prof. Carl Otto Czeschka und die Abteilung für figürliches Modellieren bei Prof. Franz Matzner. In denselben Klassen studieren zu dieser Zeit unter anderen der Illustrator Moriz Jung[9], der Expressionist Rudolf Kalvach[10], die Holzschnittkünstlerin Emma Schlangenhausen[11], die Bildhauerin und Malerin Agnes Speyer[12], der Modedesigner Eduard Wimmer[13], der später für seine Tierholzschnitte bekannte Ludwig Jungnickel[14], die Emaillekünstlerin und spätere Gründerin einer eigenen Malschule Marie Cyrenius[15], Mileva Stoisavljevic[16], die beiden Cousinen Hilde und Nora Exner und die heute vor allem für ihre Kunstsammlung berühmte Magda Mautner von Markhof[17].[18] Die Ausgaben der Wiener Fachzeitschrift für Graphik Die Fläche von 1902 zeigt neben Werken von Moritz Jung, Mileva Stoisaljevic, Johanna Hollmann, Emma Schlangenhausen, Agnes Speyer und Eduard Wimmer auch Zierleisten und Entwürfe zu Plakaten von Nelly Marmorek.[19] Das Werk Drei Puppenspiele von Joseph August Lux[20] mit der Umschlaggestaltung von Josef Hoffmann[21] enthält Buchillustrationen von Moritz Jung, Emma Schlangenhausen, Agnes Speyer, Milena Stoisavljevic und Nelly Marmorek.

1902 baut Oskar Marmorek den Rüdigerhof an der Hamburgerstraße 20, im vierten Wiener Bezirk. Sein Architekturstil wandelt sich vom Historismus zum Wiener Jugendstil. Nelly entwirft ein Plakat für ein Nikolo-Fest im Kursalon im Stadtpark. In Neues Wiener Tagblatt am 4. Dezember 1902: “Die Künstler Wiens haben viel für das Fest gethan; den Clou hat, wie erwähnt, Architekt Marmorek mit seinem Alt-Wiener-Platz geschaffen, und Frau Nelly Marmorek hat in einem modernst secessionistischen Placat den Widerpart gehalten.”[22]
Am 6.4.1909 nimmt sich Oskar Marmorek das Leben. Nelly zieht nach dem Freitod ihres Mannes vorerst zu ihren Eltern an die Berggasse, wo sie bis 1928 offiziell gemeldet ist, lebt aber nach eigenen Angaben bereits zwischen 1912 und 1914 in Paris, wo sie dann nach Ende des Ersten Weltkriegs festen Wohnsitz nimmt. Im ruhigen Hinterhof eines eleganten Bürgerhauses an der Avenue d’Orléans 110, im sechzehnten Pariser Arrondissement, bewohnt sie einen kleinen zweistöckigen Backsteinpavillon, der ihr vermutlich gleichzeitig als Atelier dient. In der Zeit zwischen 1926 und 1936 ist Nellys Name immer wieder in Ausstellungskatalogen und Zeitungsberichten über Ausstellungen zu finden. In der Zeitung Le Temps vom 24. Oktober 1926, über eine Ausstellung im Salon du Franc im Palais Galliera[23], ist zu lesen: „Les cent quarante-deux morceaux qui figurent à cette exposition ne sont pas seulement, comme on pouvait s’y attendre, de la plus curieuse variété, mais les notes personnelles y abondent. L’Espagne est représentée à cette manifestation par un très beau portrait de femme de Picasso, [...], l’Autriche par Bondy, Egger, Eisenschitz, Floch, Harta, Nelly Marmorek.“[24] Im Catalogue des artistes indépendants aus dem Jahr 1926 stehen zwei Bilder von Nelly zum Verkauf: L’heure ancienne und Les arbres de Saint Ronan. Als Adresse gibt Nelly hier 159, boulevard du Montparnasse an.[25] In einem weiteren Zeitungsbericht in der Revue littéraire, artistique, théâtrale et sportive vom Juli 1926 wird Nellys Portrait des Romanciers Jean de la Hire lobend erwähnt.[26] Ihre Studien setzt Nelly in Paris bei Henri Matisse fort, unterrichtet zu dieser Zeit auch selber. In der Zeitschrift Excelsior vom 22. Dezember 1934 ist zu lesen, dass die österreichische Malerin Nelly Marmorek eine neue Methode des visuellen Unterrichts entwickelt habe und in einer Pariser Galerie einen Vortrag über die Ergebnisse ihrer Forschung halte. Der Titel des Vortrags lautet: Nous faut-il un don artistique pour comprendre la peinture? „Le langage étant un langage visuel il nous faut l’apprendre pour comprendre la peinture, c’est-à-dire, détailler le processus du travail du peintre en autant d’exercices visuels.“[27] Über ihren Freundeskreis und ihre Kontakte in Paris ist bisher wenig bekannt. Mit Rainer Maria Rilke verbindet sie eine kurze Freundschaft, wie ein Briefwechsel aus dem Frühling 1925 dokumentiert.[28]
Zwischen 1920 und 1932 hält sich Nelly immer öfter in Cannes auf, wo sie sich schließlich um 1932 niederlässt. Als Adresse gibt sie Villa Molinari, Avenue de Californie, in Cannes an. Nachdem der Süden Frankreichs im Jahr 1942 vom italienischen Militär besetzt wird, stellt Nelly mit Hilfe ihres bereits 1940 nach New York ausgewanderten Schwagers Schiller Marmorek und der Schwägerin Henriette Nathalie (Nina) Marmorek, beide Geschwister ihres verstorbenen Gatten Oskar, einen Ausreiseantrag in die Vereinigten Staaten von Amerika. Am 1. Oktober 1942 wird ein Affidavit ausgestellt. Die Reise findet dennoch nicht statt, da die Visaabteilung der Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt bereits keine Einwanderungsanträge aus Frankreich mehr bearbeitet.[29] Am 11. März 1944 stirbt Nelly im Hôpital civil, an der Rue Dizier in Cannes. Auf ihrem Totenschein steht die Wohnadresse Villa Baron, Avenue Isola Bella, Cannes. Todesursache wird keine vermerkt. Am 14.3.1944 wird sie auf dem Cimetière du Grand Jas in Cannes als Einheimische auf gemeinsamem Grund mit einer Konzession auf 5 Jahre beigesetzt. Ihre Gebeine ruhen im Beinhaus des Friedhofes in Cannes.
Quellen und externe Links
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118571516.html#ndbcontent
- ↑ https://kulturstiftung.org/biographien/brull-ignaz-2
- ↑ https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_B/Brahms_Johannes.xml
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd119527995.html#ndbcontent
- ↑ Schwarz 1922
- ↑ Steiner 2021
- ↑ https://www.architektenlexikon.at/de/385.htm
- ↑ Kristan 1996
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl_3/148.pdf
- ↑ https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Rudolf_Kalvach
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Emma_Schlangenhausen
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Speyer_Agnes_1875_1942.xml
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118769170
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd119531526.html#ndbcontent
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_C/Cyrenius_Maria_1872_1959.xml
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Mileva_Roller
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/1353077535
- ↑ Katalog der Kunstgewerbeschule des k. k. österr. Museums für Kunst und Industrie
- ↑ Myrbach et al. 1902
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_L/Lux_Josef-August_1871_1947.xml?frames=yes
- ↑ https://austria-forum.org/af/AEIOU/Hoffmann,_Josef
- ↑ Neues Wiener Tagblatt, 4. Dezember 1902, S. 6
- ↑ https://bibliotheque-numerique.inha.fr/collection/item/64626-salon-du-franc-organise-par-paris-midi-au-musee-galliera-du-22-au-31-octobre-1926-vente-du-29-octobre-1926?offset=1
- ↑ Le Temps, 24. Oktober 1926.
- ↑ Catalogue des artistes indépendants 1926
- ↑ Revue littéraire, artistique, théâtrale et sportive, Paris, Juli 1926
- ↑ Excelsior: journal illustré quotidien. Paris, 22. Dezember 1934
- ↑ Briefe von Nelly Marmorek an Rainer Maria Rilke, Rilke-Archiv, Bern.
- ↑ The World Jewish Congress Collection, Marmorek Rachel and Cornelia (Nelly) 1942–1945. Box D25
Bibliographie
- Briefe von Nelly Marmorek an Rainer Maria Rilke, Rilke-Archiv, Bern.
https://ead.nb.admin.ch/html/rilke.html - Catalogue des artistes indépendants 1926.
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9656486d/f224.item.texteImage - Erb, Ingrid: Nelly Marmorek, Malerin, Mäzenin oder Muse? In: Shapira, Elana (Ed.): Design Dialogue: Jews, Culture and Viennese Modernism / Design Dialog: Juden, Kultur und Wiener Moderne, Wien: Böhlau Verlag 2018, S. 247-261.
- Excelsior: journal illustré quotidien: informations, littérature, … Paris, 22. Dezember 1934.
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k4610665x/f2.image.r=Nelly%20marmorek?rk=922751;2 - Katalog der Kunstgewerbeschule des k. k. österr. Museums für Kunst und Industrie, Wien.
https://kunstsammlungundarchiv.at/universitaetsarchiv/schueler-innen-datenbank/ - Kristan, Markus: Oskar Marmorek, 1863–1909, Architekt und Zionist, Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1996.
- Le Temps, 24. Oktober 1926.
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k2464088/f3.item.r=Nelly%20Marmorek%20le%20temps%201926.zoom - Myrbach, Felician, Hoffmann, Josef, Moser, Koloman, Roller, Alfred (Hrsg.): Die Fläche I., Wien: Anton Schroll Verlage 1902.
- Neues Wiener Tagblatt, 4. Dezember 1902, S. 6.
https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=19021204&seite=6&zoom=33 - Revue littéraire, artistique, théâtrale et sportive, Paris, Juli 1926.
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k10390424/f14.image.r=Nelly%20Marmorek?rk=64378;0 - Schwarz, Hermine: Ignaz Brüll und sein Freundeskreis, Erinnerungen an Brüll, Goldmark und Brahms, Berlin, Leipzig, München: Rikola Verlag Wien 1922.
- Steiner, Rudolf: Sämtliche Briefe. Basel: Rudolf Steiner Verlag, 2021. Band 2: Weimarer Zeit, 30. September 1890 –4. Juni 1897. 1. Auflage, Seite 32-35.
- The World Jewish Congress Collection, Marmorek Rachel and Cornelia (Nelly) 1942–1945. Box D25.
Autorin
Ingrid Erb
Onlinestellung: 15/01/2026
