Friedensreich Hundertwasser: Unterschied zwischen den Versionen
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[[File:HundertwasserFachetti.jpeg|thumb|Hundertwasser vor der Eröffnung seiner Ausstellung im Studio Facchetti, Paris, 1954 (Foto: Augustin Dumage) © 2024 Hundertwasser Archiv, Wien]] | |||
Das Werk von Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt (geb. 15. Dezember 1928 in Wien, † 19. Februar 2000 an Bord der ''Queen Elizabeth 2''), Künstlername von Friedrich Stowasser, ist facettenreich. Als emblematischer Künstler Österreichs im 20. Jahrhundert, als Maler mit einem einzigartigen Stil, der auf lebendigen Farben und auf der Form der Spirale beruht, setzt er sich für den Natur- und Umweltschutz ein. Er entwickelt visionäre Konzepte und setzt diese in seiner humanistischen Architektur um. Seine zahlreichen Schriften (Lyrik, Prosa, theoretische Texte, Pamphlete, Manifeste usw.) begleiten seine Werke. Seine kreative Dynamik wurzelt in seinen Verbindungen mit französischen Künstlern und Avantgardisten sowie in seinen regelmäßigen Aufenthalten in Frankreich, insbesondere in seinem kleinen Bauernhaus in La Picaudière bei Nogent-le-Rotrou (Perche). | |||
==Biografie== | |||
[[File:HundertwasserDumage.png|left|thumb|Hundertwasser mit seinen Werken vor der Eröffnung seiner Ausstellung im Studio Facchetti, Paris, 1954 (Foto: Augustin Dumage) © 2024 Hundertwasser Archiv, Wien]] | |||
1948, als Student an der Akademie der bildenden Künste Wien, sagte Hundertwasser seinem Kommilitonen Ernst Fuchs<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Fuchs_(Maler)</ref>] (1930–2015): „[…] Ja, ja, wir müssen unbedingt nach Paris, weißt du, dort wird man uns verstehen.“<ref>Koschatzky et al., 1974, 23-24</ref>. Er unterbricht seine Ausbildung und unternimmt eine Reise nach Italien, die in mehrfacher Hinsicht wegweisend ist, denn neben den künstlerischen Entdeckungen kommt es 1949 zu einer für ihn entscheidenden Begegnung: „Ich war nur ein unbedeutender kleiner Österreicher, als ich Brô, Micheline und Bernard in der Toskana traf.“<ref>Hundertwasser 1996</ref> Der Künstler bemerkt, dass sie „sich absolut von allen anderen Sterblichen unterschieden […]“. Ihr Aussehen „hatte an sich nichts vom malerischen Bohème-Leben, sondern die Ernsthaftigkeit der Pioniere einer besseren, unendlich schöneren und gerechteren Welt.“<ref>Fürst 2002, 165</ref> Eine sehr starke Freundschaft verbindet Hundertwasser und René Brault, genannt Brô<ref>https://explore.gnd.network/gnd/120400367</ref> (1930–1986), von Anfang an. Dieser französische Maler mit „einem Reichtum an kreativer, modischer, malerischer, philosophischer und literarischer Phantasie sowie [mit] menschlichen Leistungen“<ref>Ebd.</ref> übt einen beträchtlichen Einfluss auf Hundertwassers Lebensphilosophie aus. Dies manifestiert sich insbesondere in dem sparsamen Einsatz der verwendeten Materialien und in seinem Bekenntnis zu einem bescheidenen Lebensstil. Dieser Einfluss erstreckt sich auch auf seine Kunst: „Denn in diesem Augenblick hat mein Leben erst richtig begonnen. Ihnen verdanke ich meine Geburt als Maler.“<ref>Hundertwasser 1996</ref> | |||
Hundertwasser entscheidet sich dann für seinen Künstlernamen und folgt seinem neuen Freund nach Paris. Sieben Jahre lang beherbergt die Familie Dumage, mit Brô befreundet, Hundertwasser kostenlos auf ihrem Grundstück in Saint-Mandé-sur-Seine. Unter dem Einfluss der in der Toskana bewunderten Fresken schaffen die beiden Freunde dort gemeinsam zwei große Wandgemälde. 1955 malt Hundertwasser dort sein emblematisches Werk ''Der große Weg'' (Österreichische Galerie, [[Belvedere]], Wien). Er arbeitet auch im Atelier von Brô in der Impasse des Sureaux in Saint-Maurice. Um zu den Kunstgalerien zu gelangen, leiht sich Hundertwasser ein Fahrrad von den Dumages: „Ich mag Fahrräder, denn in Paris bin ich vier Jahre lang überall mit dem Fahrrad herumgefahren.“<ref>Hundertwasser 1983, 103</ref> Dieses Fortbewegungsmittel wird seine ästhetisch-philosophischen Überlegungen anregen. | |||
Zu dieser Zeit sorgt Hundertwasser in den Avantgarde-Kreisen von Saint-Germain-des-Prés für großes Aufsehen und feiert in den großen Galerien unbestreitbare Erfolge. Für den Katalog seiner Ausstellung im Studio Facchetti<ref>https://explore.gnd.network/gnd/129708534</ref> (1954) verfasst er, im Anschluss an die Fahrrad-Metapher, ein Manifest, dessen Thematik als Eckpfeiler seines Werks betrachtet werden kann: Die gerade Linie führt zum Zusammenbruch.<ref>Hundertwasser 1983, 64-65</ref> 1954 lernt er zusammen mit Brô und Yves Klein<ref>https://explore.gnd.network/gnd/118562967</ref> (1928–1962) Pierre Restany<ref>https://explore.gnd.network/gnd/119175142</ref> (1930–2003) kennen, Kritiker und Theoretiker des „Neuen Realismus“. Dieser leitet 1957 den Katalog zu seiner Ausstellung in der Galerie Kamer, bevor er später mehrere Standardwerke über Hundertwasser veröffentlicht. Die Beziehung des Künstlers zu seinem „lieben Restany“<ref>Brief von Hundertwasser an Pierre Restany, 1990</ref> hält bis über die 1990er Jahre hinaus an. | |||
[[File:Picaudiere1.jpeg||thumb|La Picaudière © Foto von Marie-Hélène Hérault Bibault, 31. Juli 2012]] | |||
[[File:Picaudiere2.jpeg||thumb|La Picaudière © Foto von Marie-Hélène Hérault Bibault, 31. Juli 2012]] | |||
Im Frühjahr 1957, durch seine ersten Erfolge gestärkt, insbesondere in der Galerie Kamer, erwirbt Hundertwasser gemeinsam mit Brô „La Picaudière“ in Saint-Jean-de-la-Forêt (Orne). Bald wird er alleiniger Eigentümer dieses abgelegenen, einfachen Bauernhäuschens aus Stein, das er seinen Überzeugungen gemäß nicht renoviert. Er trennt sich nie davon und kehrt regelmäßig dorthin zurück, da es mit seiner Lebensphilosophie im Einklang steht: „Nach Jahren habe ich wieder mehrere Monate in La Picaudière verbracht – innerhalb der dicken Mauern des alten Bauernhauses, am Holzofen und am Kamin. Ein Hohlweg inmitten der Kastanien, Eichen und Hainbuchen führt vom Haus meines Nachbarn Goudet zu meinem Haus. Über die Felder gelangt man bis zum Dorf Saint-Jean-de-la-Forêt, um frische Milch zu holen, die man dort auch heute noch in einem Milchkännchen bekommt. Ein Frankreich ist es, wie es eines vielleicht nirgendwo sonst mehr gibt.“<ref>Pessey-Lux 2001, 5</ref> La Picaudière ist eng mit Hundertwassers Kreativität verbunden: Er malt dort 114 Werke, verfasst Manifeste und organisiert Aktionen zum Schutz der Umwelt. Er testet dort, wenn schon nicht die „Baummieter“, so doch zumindest begrünte Dächer. In seiner Abwesenheit kümmern sich seine Nachbarn, die Goudets, seine „französische Familie“, um die 10.000 Bäume, die er dort gepflanzt hat. | |||
Noch im Jahr 1957 verfassen Yves Klein und Hundertwasser gemeinsam das Manifest „Gegen den Stil“. Sie betreiben gleichzeitig ihre Forschungen als Koloristen. Yves Klein entdeckt 1960 sein berühmtes ''International Klein Blue (IKB)'', während er mit Brô und Hundertwasser zusammenarbeitet. Letzterer ist die treibende Kraft, da er ihm die Lehren aus seinem „Lieblingsbuch“ vermittelt: ''Malmaterial und seine Verwendung im Bilde'' des deutschen Malers Max Doerner<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd129825425.html#ndbcontent</ref> (1870–1939).<ref>Biografie von Brô [o.D.]</ref> So widmen sich die Künstler der Zerkleinerung reiner Pigmente, die sie im Laden des industriellen Drogisten Carbonel gegenüber von Notre-Dame<ref>Fleck 2005, 53, 76, 99</ref> kaufen. Die wichtigsten Schriftsteller der ''Beat Generation'' lassen sich bald in Paris nieder und diskutieren 1958 mit dem Dichter, Schriftsteller und Maler Henri Michaux<ref>https://explore.gnd.network/gnd/118582089?term=118582089&rows=25&pos=1</ref> (1899–1984) über die Auswirkungen von Meskalin auf die Psyche. Parallel dazu versuchen Neuropsychiater des Hôpital Sainte-Anne, die kreativen Prozesse zu erforschen, indem sie an Malern mit Psilocybin, einer neuen therapeutischen Substanz, experimentieren. Hundertwasser ist nicht offiziell eingeladen, aber Alain Jouffroy<ref>https://explore.gnd.network/gnd/118989723</ref> (1928–2015), ein Dichter und Avantgarde-Autor, schlägt ihm vor, unter dem Einfluss des Produkts zu malen. Das Experiment soll in dem Krankenhaus stattfinden, in dem der Psychiater, Regisseur und Drehbuchautor Enrico Fulchignoni<ref>https://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb119037235</ref> (1913–1988) 1950 ''Bilder des Wahnsinns''<ref>https://www.canal-u.tv/chaines/cerimes/images-de-la-folie</ref> dreht. Ende 1952 erlebt der Künstler an der Universität Wien die Offenbarung der Spirale, als er diesen Dokumentarfilm sieht, der ihn auf sich selbst und auf das Universum verweist. Das ist zweifellos der Grund, warum er darauf eingeht: „Er würde dann eine Ausstellung mit Gemälden berühmter Maler veranstalten, die unter dem Einfluss dieser neuen Droge entstanden wären – unter anderem von Michaux, Picasso und mir. Ich willigte ein, da dies unter ärztlicher Aufsicht stattfinden sollte, und er brachte mich sofort ins Krankenhaus Sainte Anne (dort, wo Fulchignoni den Film über die Spirale gedreht hatte, der mich so sehr beeinflusst hat).“<ref>Fürst, 2002, 371</ref> Der Künstler schafft während dieses Experiments, das ihm in schlechter Erinnerung bleiben sollte, zwei Aquarelle. | |||
Im Jahr 1960 laden der bildende Künstler und Schriftsteller Jean-Jacques Lebel<ref>https://explore.gnd.network/gnd/11899851X</ref> (*1936) und Jouffroy im Rahmen des „Antiprocès“ Hundertwasser ein, gegen den Algerienkrieg und Folter zu demonstrieren. In der Galerie des Quatre Saisons veranstaltet der Künstler unter rund fünfzig Malern und Schriftstellern ein Happening, bei dem er seine Theorien darlegt und dabei seine berühmte Brennnesselsuppe verteilt. Georges Pompidou<ref>https://explore.gnd.network/gnd/118792792</ref> (1911–1974), ein großer Liebhaber zeitgenössischer Kunst, interessiert sich für sein Werk: „Raymond Cordier, mein Pariser Kunsthändler, hatte zwei Gemälde an Georges Pompidou verkauft, noch bevor dieser Premierminister wurde. […] Mit dem Erlös aus dem Weiterverkauf eines Werks [kauften die Pompidous] ein Landgut im Departement Lot, wohin ich eingeladen wurde.“<ref>Fürst 2002, 420</ref> Pompidou empfängt ihn später „im Präsidentenpalast, [wo] zu den Kunstwerken noch Künstler wie Hundertwasser hinzukamen, der mit seinem sehr ‚ökologischen Künstler’-Aussehen die Elysée-Wachbeamten ein wenig erschreckte.“<ref>Autour d’une collection 1994, [25]</ref> Auch wenn Hundertwasser danach zahlreiche Reisen um die Welt unternimmt, verbringt er den Sommer 1980 auf der Insel Porquerolles mit Malen. | |||
Hundertwasser, der durch einen französischen Maler zu sich selbst gefunden hat, freut sich darüber, dass seine Kunst in der Pariser Kunstszene Anerkennung findet. Seine Verbundenheit mit Frankreich zeigt sich in seinen regelmäßigen Besuchen und seinen treuen Freundschaften. Sie spiegelt sich auch in seiner Beherrschung der französischen Sprache wider: in Texten, Werktiteln und Interviews. Das Interesse ist gegenseitig: 1975 ist das Musée d’art moderne de la Ville de Paris die erste Station seiner Weltwandermuseumsausstellung ''Österreich zeigt den Kontinenten Hundertwasser''. | |||
==Quellen und externe Links== | |||
<references /> | |||
==Bibliografie== | |||
===Littérature primaire=== | |||
*Fürst, Andrea Christa: Hundertwasser – Werkverzeichnis – Catalogue Raisonné, Bd. II. Köln, London, Madrid, New York, Paris, Tokyo: Taschen Verlag 2002. | |||
*Hundertwasser, Brô, 1996, abgerufen am 11.03.2018:<br>http://hundertwasser.com/de/haeute/identitaet/55-kuenstler-freunde-und-weggefaehrten/128-bro</br> | |||
*Hundertwasser, Friedensreich: Hundertwasser – Schöne Wege. Gedanken über Kunst und Leben, 35 Tage Schweden (1964), Walter Schurian (Hrsg.), München: dtv-kunst 1983. | |||
*Lettre de Hundertwasser à Pierre Restany au sujet de l’exposition de Séoul, 1990, Archives de la critique d’art (ACA, Rennes), Fonds RESTANY XVII-2. | |||
===Sekundärliteratur=== | |||
*« Autour d’une collection » - Le Président et Madame Georges Pompidou - à l’occasion de la commémoration du XX<sup>e</sup> anniversaire de la mort du Président Georges Pompidou, Maison des arts Georges Pompidou, Cajarc/Lot, juillet-août 1994. | |||
*Biographie de Brô, [o.D.], abgerufen am 10.06.2024:<br>http://bro.chez-alice.fr/Biographie.htm.</br> | |||
*Fleck, Robert : Hundertwassers malerische Aktualität. In : Ingeborg Flagge (dir.) : ''Friedensreich Hundertwasser : ein Sonntagsarchitekt : gebaute Träume und Sehnsüchte''. Frankfurt am Main : Die Galerie, Deutsches Architekturmuseum 2005, p. 98-99. | |||
*Koschatzky, Walter, Fuchs, Ernst, Brauer, Erich: Friedrich Stowasser, 1943-1949. Wien, Stuttgart, Albertina: Cicero 1974. | |||
*Pessey-Lux, Audrey: Hommage à Hundertwasser 1928-2000, Joram Harel (Hrsg.). Alençon: Éditions du Musée des beaux-arts et de la dentelle d’Alençon 2001. | |||
==Autorin== | |||
Marie-Hélène Hérault Bibault | |||
Übersetzung aus dem Französischen: Marc Lacheny | |||
Onlinestellung: 11/06/2026 | |||
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Version vom 11. Juni 2026, 12:07 Uhr

Das Werk von Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt (geb. 15. Dezember 1928 in Wien, † 19. Februar 2000 an Bord der Queen Elizabeth 2), Künstlername von Friedrich Stowasser, ist facettenreich. Als emblematischer Künstler Österreichs im 20. Jahrhundert, als Maler mit einem einzigartigen Stil, der auf lebendigen Farben und auf der Form der Spirale beruht, setzt er sich für den Natur- und Umweltschutz ein. Er entwickelt visionäre Konzepte und setzt diese in seiner humanistischen Architektur um. Seine zahlreichen Schriften (Lyrik, Prosa, theoretische Texte, Pamphlete, Manifeste usw.) begleiten seine Werke. Seine kreative Dynamik wurzelt in seinen Verbindungen mit französischen Künstlern und Avantgardisten sowie in seinen regelmäßigen Aufenthalten in Frankreich, insbesondere in seinem kleinen Bauernhaus in La Picaudière bei Nogent-le-Rotrou (Perche).
Biografie

1948, als Student an der Akademie der bildenden Künste Wien, sagte Hundertwasser seinem Kommilitonen Ernst Fuchs[1]] (1930–2015): „[…] Ja, ja, wir müssen unbedingt nach Paris, weißt du, dort wird man uns verstehen.“[2]. Er unterbricht seine Ausbildung und unternimmt eine Reise nach Italien, die in mehrfacher Hinsicht wegweisend ist, denn neben den künstlerischen Entdeckungen kommt es 1949 zu einer für ihn entscheidenden Begegnung: „Ich war nur ein unbedeutender kleiner Österreicher, als ich Brô, Micheline und Bernard in der Toskana traf.“[3] Der Künstler bemerkt, dass sie „sich absolut von allen anderen Sterblichen unterschieden […]“. Ihr Aussehen „hatte an sich nichts vom malerischen Bohème-Leben, sondern die Ernsthaftigkeit der Pioniere einer besseren, unendlich schöneren und gerechteren Welt.“[4] Eine sehr starke Freundschaft verbindet Hundertwasser und René Brault, genannt Brô[5] (1930–1986), von Anfang an. Dieser französische Maler mit „einem Reichtum an kreativer, modischer, malerischer, philosophischer und literarischer Phantasie sowie [mit] menschlichen Leistungen“[6] übt einen beträchtlichen Einfluss auf Hundertwassers Lebensphilosophie aus. Dies manifestiert sich insbesondere in dem sparsamen Einsatz der verwendeten Materialien und in seinem Bekenntnis zu einem bescheidenen Lebensstil. Dieser Einfluss erstreckt sich auch auf seine Kunst: „Denn in diesem Augenblick hat mein Leben erst richtig begonnen. Ihnen verdanke ich meine Geburt als Maler.“[7]
Hundertwasser entscheidet sich dann für seinen Künstlernamen und folgt seinem neuen Freund nach Paris. Sieben Jahre lang beherbergt die Familie Dumage, mit Brô befreundet, Hundertwasser kostenlos auf ihrem Grundstück in Saint-Mandé-sur-Seine. Unter dem Einfluss der in der Toskana bewunderten Fresken schaffen die beiden Freunde dort gemeinsam zwei große Wandgemälde. 1955 malt Hundertwasser dort sein emblematisches Werk Der große Weg (Österreichische Galerie, Belvedere, Wien). Er arbeitet auch im Atelier von Brô in der Impasse des Sureaux in Saint-Maurice. Um zu den Kunstgalerien zu gelangen, leiht sich Hundertwasser ein Fahrrad von den Dumages: „Ich mag Fahrräder, denn in Paris bin ich vier Jahre lang überall mit dem Fahrrad herumgefahren.“[8] Dieses Fortbewegungsmittel wird seine ästhetisch-philosophischen Überlegungen anregen.
Zu dieser Zeit sorgt Hundertwasser in den Avantgarde-Kreisen von Saint-Germain-des-Prés für großes Aufsehen und feiert in den großen Galerien unbestreitbare Erfolge. Für den Katalog seiner Ausstellung im Studio Facchetti[9] (1954) verfasst er, im Anschluss an die Fahrrad-Metapher, ein Manifest, dessen Thematik als Eckpfeiler seines Werks betrachtet werden kann: Die gerade Linie führt zum Zusammenbruch.[10] 1954 lernt er zusammen mit Brô und Yves Klein[11] (1928–1962) Pierre Restany[12] (1930–2003) kennen, Kritiker und Theoretiker des „Neuen Realismus“. Dieser leitet 1957 den Katalog zu seiner Ausstellung in der Galerie Kamer, bevor er später mehrere Standardwerke über Hundertwasser veröffentlicht. Die Beziehung des Künstlers zu seinem „lieben Restany“[13] hält bis über die 1990er Jahre hinaus an.


Im Frühjahr 1957, durch seine ersten Erfolge gestärkt, insbesondere in der Galerie Kamer, erwirbt Hundertwasser gemeinsam mit Brô „La Picaudière“ in Saint-Jean-de-la-Forêt (Orne). Bald wird er alleiniger Eigentümer dieses abgelegenen, einfachen Bauernhäuschens aus Stein, das er seinen Überzeugungen gemäß nicht renoviert. Er trennt sich nie davon und kehrt regelmäßig dorthin zurück, da es mit seiner Lebensphilosophie im Einklang steht: „Nach Jahren habe ich wieder mehrere Monate in La Picaudière verbracht – innerhalb der dicken Mauern des alten Bauernhauses, am Holzofen und am Kamin. Ein Hohlweg inmitten der Kastanien, Eichen und Hainbuchen führt vom Haus meines Nachbarn Goudet zu meinem Haus. Über die Felder gelangt man bis zum Dorf Saint-Jean-de-la-Forêt, um frische Milch zu holen, die man dort auch heute noch in einem Milchkännchen bekommt. Ein Frankreich ist es, wie es eines vielleicht nirgendwo sonst mehr gibt.“[14] La Picaudière ist eng mit Hundertwassers Kreativität verbunden: Er malt dort 114 Werke, verfasst Manifeste und organisiert Aktionen zum Schutz der Umwelt. Er testet dort, wenn schon nicht die „Baummieter“, so doch zumindest begrünte Dächer. In seiner Abwesenheit kümmern sich seine Nachbarn, die Goudets, seine „französische Familie“, um die 10.000 Bäume, die er dort gepflanzt hat.
Noch im Jahr 1957 verfassen Yves Klein und Hundertwasser gemeinsam das Manifest „Gegen den Stil“. Sie betreiben gleichzeitig ihre Forschungen als Koloristen. Yves Klein entdeckt 1960 sein berühmtes International Klein Blue (IKB), während er mit Brô und Hundertwasser zusammenarbeitet. Letzterer ist die treibende Kraft, da er ihm die Lehren aus seinem „Lieblingsbuch“ vermittelt: Malmaterial und seine Verwendung im Bilde des deutschen Malers Max Doerner[15] (1870–1939).[16] So widmen sich die Künstler der Zerkleinerung reiner Pigmente, die sie im Laden des industriellen Drogisten Carbonel gegenüber von Notre-Dame[17] kaufen. Die wichtigsten Schriftsteller der Beat Generation lassen sich bald in Paris nieder und diskutieren 1958 mit dem Dichter, Schriftsteller und Maler Henri Michaux[18] (1899–1984) über die Auswirkungen von Meskalin auf die Psyche. Parallel dazu versuchen Neuropsychiater des Hôpital Sainte-Anne, die kreativen Prozesse zu erforschen, indem sie an Malern mit Psilocybin, einer neuen therapeutischen Substanz, experimentieren. Hundertwasser ist nicht offiziell eingeladen, aber Alain Jouffroy[19] (1928–2015), ein Dichter und Avantgarde-Autor, schlägt ihm vor, unter dem Einfluss des Produkts zu malen. Das Experiment soll in dem Krankenhaus stattfinden, in dem der Psychiater, Regisseur und Drehbuchautor Enrico Fulchignoni[20] (1913–1988) 1950 Bilder des Wahnsinns[21] dreht. Ende 1952 erlebt der Künstler an der Universität Wien die Offenbarung der Spirale, als er diesen Dokumentarfilm sieht, der ihn auf sich selbst und auf das Universum verweist. Das ist zweifellos der Grund, warum er darauf eingeht: „Er würde dann eine Ausstellung mit Gemälden berühmter Maler veranstalten, die unter dem Einfluss dieser neuen Droge entstanden wären – unter anderem von Michaux, Picasso und mir. Ich willigte ein, da dies unter ärztlicher Aufsicht stattfinden sollte, und er brachte mich sofort ins Krankenhaus Sainte Anne (dort, wo Fulchignoni den Film über die Spirale gedreht hatte, der mich so sehr beeinflusst hat).“[22] Der Künstler schafft während dieses Experiments, das ihm in schlechter Erinnerung bleiben sollte, zwei Aquarelle.
Im Jahr 1960 laden der bildende Künstler und Schriftsteller Jean-Jacques Lebel[23] (*1936) und Jouffroy im Rahmen des „Antiprocès“ Hundertwasser ein, gegen den Algerienkrieg und Folter zu demonstrieren. In der Galerie des Quatre Saisons veranstaltet der Künstler unter rund fünfzig Malern und Schriftstellern ein Happening, bei dem er seine Theorien darlegt und dabei seine berühmte Brennnesselsuppe verteilt. Georges Pompidou[24] (1911–1974), ein großer Liebhaber zeitgenössischer Kunst, interessiert sich für sein Werk: „Raymond Cordier, mein Pariser Kunsthändler, hatte zwei Gemälde an Georges Pompidou verkauft, noch bevor dieser Premierminister wurde. […] Mit dem Erlös aus dem Weiterverkauf eines Werks [kauften die Pompidous] ein Landgut im Departement Lot, wohin ich eingeladen wurde.“[25] Pompidou empfängt ihn später „im Präsidentenpalast, [wo] zu den Kunstwerken noch Künstler wie Hundertwasser hinzukamen, der mit seinem sehr ‚ökologischen Künstler’-Aussehen die Elysée-Wachbeamten ein wenig erschreckte.“[26] Auch wenn Hundertwasser danach zahlreiche Reisen um die Welt unternimmt, verbringt er den Sommer 1980 auf der Insel Porquerolles mit Malen.
Hundertwasser, der durch einen französischen Maler zu sich selbst gefunden hat, freut sich darüber, dass seine Kunst in der Pariser Kunstszene Anerkennung findet. Seine Verbundenheit mit Frankreich zeigt sich in seinen regelmäßigen Besuchen und seinen treuen Freundschaften. Sie spiegelt sich auch in seiner Beherrschung der französischen Sprache wider: in Texten, Werktiteln und Interviews. Das Interesse ist gegenseitig: 1975 ist das Musée d’art moderne de la Ville de Paris die erste Station seiner Weltwandermuseumsausstellung Österreich zeigt den Kontinenten Hundertwasser.
Quellen und externe Links
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Fuchs_(Maler)
- ↑ Koschatzky et al., 1974, 23-24
- ↑ Hundertwasser 1996
- ↑ Fürst 2002, 165
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/120400367
- ↑ Ebd.
- ↑ Hundertwasser 1996
- ↑ Hundertwasser 1983, 103
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/129708534
- ↑ Hundertwasser 1983, 64-65
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118562967
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/119175142
- ↑ Brief von Hundertwasser an Pierre Restany, 1990
- ↑ Pessey-Lux 2001, 5
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd129825425.html#ndbcontent
- ↑ Biografie von Brô [o.D.]
- ↑ Fleck 2005, 53, 76, 99
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118582089?term=118582089&rows=25&pos=1
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118989723
- ↑ https://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb119037235
- ↑ https://www.canal-u.tv/chaines/cerimes/images-de-la-folie
- ↑ Fürst, 2002, 371
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/11899851X
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118792792
- ↑ Fürst 2002, 420
- ↑ Autour d’une collection 1994, [25]
Bibliografie
Littérature primaire
- Fürst, Andrea Christa: Hundertwasser – Werkverzeichnis – Catalogue Raisonné, Bd. II. Köln, London, Madrid, New York, Paris, Tokyo: Taschen Verlag 2002.
- Hundertwasser, Brô, 1996, abgerufen am 11.03.2018:
http://hundertwasser.com/de/haeute/identitaet/55-kuenstler-freunde-und-weggefaehrten/128-bro - Hundertwasser, Friedensreich: Hundertwasser – Schöne Wege. Gedanken über Kunst und Leben, 35 Tage Schweden (1964), Walter Schurian (Hrsg.), München: dtv-kunst 1983.
- Lettre de Hundertwasser à Pierre Restany au sujet de l’exposition de Séoul, 1990, Archives de la critique d’art (ACA, Rennes), Fonds RESTANY XVII-2.
Sekundärliteratur
- « Autour d’une collection » - Le Président et Madame Georges Pompidou - à l’occasion de la commémoration du XXe anniversaire de la mort du Président Georges Pompidou, Maison des arts Georges Pompidou, Cajarc/Lot, juillet-août 1994.
- Biographie de Brô, [o.D.], abgerufen am 10.06.2024:
http://bro.chez-alice.fr/Biographie.htm. - Fleck, Robert : Hundertwassers malerische Aktualität. In : Ingeborg Flagge (dir.) : Friedensreich Hundertwasser : ein Sonntagsarchitekt : gebaute Träume und Sehnsüchte. Frankfurt am Main : Die Galerie, Deutsches Architekturmuseum 2005, p. 98-99.
- Koschatzky, Walter, Fuchs, Ernst, Brauer, Erich: Friedrich Stowasser, 1943-1949. Wien, Stuttgart, Albertina: Cicero 1974.
- Pessey-Lux, Audrey: Hommage à Hundertwasser 1928-2000, Joram Harel (Hrsg.). Alençon: Éditions du Musée des beaux-arts et de la dentelle d’Alençon 2001.
Autorin
Marie-Hélène Hérault Bibault
Übersetzung aus dem Französischen: Marc Lacheny
Onlinestellung: 11/06/2026
