Ludwig van Beethoven

Aus decaf-de

Erzherzog Maximilian Franz von Österreich, der jüngste Sohn von Kaiser Franz I. Stephan und Maria Theresia, war ab 1784 Kurfürst und Erzbischof von Köln und Dienstherr des jungen Ludwig van Beethoven (1770-1827) am Bonner Hof. Kulturbeziehungen zu Wien bestanden lange, bevor Beethoven zum Studium dorthin gehen und schließlich zu einem der wichtigsten Komponisten der Donaumonarchie werden sollte.

Frankreichs Bedeutung für Beethoven

Für Ludwig van Beethoven, der im Rheinland aufwuchs und schon in seiner Jugend mit dem Gedankengut der französischen Aufklärung und der Revolution in Berührung kam, war der französische Kulturraum eine wesentliche Inspirationsquelle. Werke wie die Klaviersonate in As-Dur op. 26 (mit der Marcia funebre sulla morte d’un Eroe) als drittem Satz oder die Dritte Symphonie, die Sinfonia Eroica op. 55 (mit einem Trauermarsch als zweitem Satz), wären ohne die Kenntnis französischer Kompositionen wie François-Joseph Gossecs[1] Marche lugubre (1790) oder Luigi Cherubinis[2] Hymne funèbre sur la mort du Général Hoche (1797) undenkbar. Das wurde in Frankreich so verstanden und gewürdigt. Als Beethoven, der in einer Zeit nach Wolfgang Amadé Mozart und noch lange vor Carl Maria von Weber[3] auf der Suche nach einem neuen Weg in der deutschsprachigen Oper war, ein Libretto suchte, ließ er sich von Léonore, ou L’amour conjugal von Pierre Gaveaux[4] nach einem Libretto von Jean Nicolas Bouilly[5], inspirieren. Diese Opéra-comique erlebte ihre Uraufführung am 19. Februar 1798 in Paris im Théâtre Feydeau. Am 4. Januar 1804 schrieb Beethoven an Johann Friedrich Rochlitz[6] nach Leipzig über den Schauspieler, Sänger, Theaterdirektor und Librettisten Emanuel Schikaneder, „dessen Reich denn wirklich durch das Licht der gescheiden und Sinnigen französischen Opern gänzlich aus ist,“ und er teilte mit: „ich habe mir nun geschwind ein altes französisches Buch bearbeiten laßen, und fange jezt daran an zu arbeiten“ (BGA 176). Das war der Anfang seiner Oper Leonore bzw. Fidelio op. 72. Im Frühjahr 1798 machte Beethoven die Bekanntschaft des großen Geigers Rodolphe Kreutzer[7], der sich im Gefolge des französischen Gesandten General Jean-Baptiste Bernadotte[8] in Wien aufhielt. 1803 entschied sich der Komponist, Kreutzer seine Violinsonate op. 47 zu widmen. Seine letzte Violinsonate op. 96 komponierte er 1812 für Pierre Joseph Rode[9]; das ist eine Verneigung vor der französischen Violinschule des Pariser Conservatoire, zu der auch Pierre Marie François de Sales Baillot[10] zählte, der sich sehr für Beethovens Werk einsetzte.

Frankreich blieb für Beethoven ein Ziel seiner Sehnsucht. Ferdinand Ries[11] schrieb am 6. August 1803 aus Wien an Nikolaus Simrock[12] in Bonn: „Beethoven wird nun höchstens noch 1 1/2 Jahre hierbleiben. Er geht dann nach Paris“ (BGA 152). Noch am 25. Februar 1824 schrieb Beethoven aus Wien an den Verleger Maurice Schlesinger nach Paris: „Künftigen [Winter] bringe ich im Südlichen Frankreich vielleicht zu, wo ich auch Paris sehe[n wer]de“[13]. Tatsächlich war er nie in Frankreich, aber Französisch war die Fremdsprache, die Beethoven am besten beherrschte, und in der er selbstverständlich von Großbritannien bis Russland international korrespondierte.[14]

Beethovens Bedeutung für Frankreich

Zwar waren Kompositionen Beethovens schon relativ früh in Frankreich erhältlich, zumal er in Zeiten ohne Urheberrecht danach strebte, seine Werke jeweils mehrfach an Verleger für den deutschen, englischen und französischen Mark zu verkaufen, doch die wahre Bedeutung des Komponisten entwickelte sich nach dessen Tod. Die Gründung der Société des Concerts du Conservatoire durch François-Antoine Habeneck 1828 sollte Beethovens Werken eine besondere Erfolgsgeschichte ermöglichen. Dieses Orchester pflegte Beethoven mit ca. 400 Aufführungen allein der Symphonien bis 1870 auf hohem professionellen Niveau regelrecht als seinen Hausgott und prägte Generationen von Musikern und Zuhörerenden, darunter z.B. Hector Berlioz[15], der auch als Autor zahlreicher Artikel und Konzertkritiken, etwas in der Revue et Gazette musicale de Paris, zum Verständnis von Beethovens Musik beitrug. So manches Werk wurde in Frankreich anders interpretiert als im deutschen Sprachraum, darunter die Fünfte Symphonie, die eben nicht als „Schicksalssymphonie“ von ihrem Anfang her verstanden wurde, sondern als Finalsymphonie mit der fulminanten C-Dur-Fanfare als Siegessymphonie galt. Diese Beethoven-Kultur[16] hatte Auswirkungen auf weitere Orchestergründungen, aber auch auf die Pflege der Kammermusik in Frankreich. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Paris als internationale Musikmetropole Europas auf andere Länder wirkte; etwa Richard Wagner[17] und Franz Liszt[18] waren zutiefst von ihren Pariser Beethoven-Erfahrungen beeindruckt und trugen ihr französisches Beethoven-Bild gleichsam zurück in den deutschen Kulturraum.

Deutsch oder Österreichisch?

Problematisch bleibt die Frage, ob Beethoven als Deutscher oder als Österreicher zu sehen ist[19]. Im Dezember 1770 in Bonn geboren, verbrachte er dort die ersten 22 Jahre seines Lebens. Als hochbegabter junger Musiker ging er mit kurfürstlichem Stipendium zum Studium nach Wien. Dass er dort bis zum Lebensende im März 1827 blieb, war nicht absehbar, und immer wieder bemühte er sich vergeblich um eine Festanstellung. Als Beethoven erwog, das vor dem 1. November 1808 eingegangene Angebot anzunehmen, als erster Kapellmeister von Jérôme Bonaparte nach Kassel zu ziehen, schrieb er am 7. Januar 1809 an Breitkopf & Härtel in Leipzig, er sei „gezwungen, das noch einzige Deutsche Vaterland zu verlaßen auf einen Antrag Seiner koniglichen Majestät von Westphalen gehe ich als Kapellmeister mit einem jährlichen Gehalt von 600 Dukaten in Gold dahin ab.“[20] In seinen Briefen verwendet Beethoven den Begriff „deutsch“ fast immer auf die Sprache und Kultur bezogen. Im Entwurf eines Briefs an Luigi Cherubini in Paris, geschrieben um den 12. März 1823 in Wien, würdigt er dessen Schaffen für das Musiktheater und stellt fest: „Nur muß die schöne Kunstwelt bedauern, daß seit längerer Zeit, wenigstens in unserm Deutschland kein neues theatral. Werk von Ihnen erschienen ist“[21].

In der Adresse von Wiener Kunstfreunden an Beethoven von Februar 1824 mit dem Ziel, insbesondere die als Auftragswerk für London komponierte Neunte Symphonie in Wien zur Uraufführung zu bringen, wird dem Bedauern Ausdruck gegeben, dass Beethoven als „der Mann, den wir in seinem Gebiete vor Allen als den Höchsten unter den Lebenden nennen müssen, es schweigend ansah, wie fremdländische Kunst sich auf deutschen Boden, auf den Ehrensitz der deutschen Muse lagert, deutsche Werke nur im Nachhall fremder Lieblingsweisen gefallen“[22]. Eine österreichische kulturelle Identität sucht man hier vergeblich. Allerdings müssen wir uns bewusst machen, dass ein Denken in der Kategorie nationaler Zugehörigkeit der Zeit fremd war. Man war nicht Bürger, sondern Untertan oder Subjekt eines Landesherrn, der die Herrschaft über ein Territorium und dessen Bewohner besaß. Der Begriff des Citoyen setzt das Denken der Aufklärung und der französischen Revolution voraus, indem der oder die einzelne als eigenverantwortliches Mitglied eines Gemeinwesens dieses mitgestalten kann. Dieses Konzept ist unvereinbar mit der Realität der habsburgischen Donaumonarchie zu Beethovens Zeit, einem Vielvölkerstaat mit Wien als Kultur- und Machtzentrum.

Beethoven verwendet in seiner Korrespondenz den Begriff „Österreich“ eher negativ. Berühmt ist sein Urteil aus Wien vom 2. August 1794 im Brief an Nikolaus Simrock in Bonn, verbunden mit dem Bericht über revolutionäre Tendenzen: „aber ich glaube, so lange der österreicher noch Braun’s Bier und würstel hat, revoltirt er nicht“[23]. Auf sich selbst bezogen benutzt Beethoven, den Begriff „Österreich“ mehrfach eher ironisch und schreibt, vor allem wenn es um Geld geht, „ich bin ein armer österreichischer Musikant.“[24]

Mit der Unterzeichnung des Rentenvertrags am 26. Februar 1809 war Beethoven faktisch eine Art Staatskomponist, denn sein Jahresgehalt von insgesamt 4000 Gulden, finanziert von drei Vertretern des Hochadels (Erzherzog Rudolph von Habsburg[25], Fürst Ferdinand Kinsky[26] und Fürst Franz Joseph Lobkowitz[27]), war nur an die Bedingung geknüpft, dass er das Angebot aus Kassel ablehnt und in Wien bleibt. Auf der Höhe seines Ruhmes feierte Beethoven große Erfolge während des Wiener Kongresses, u.a. mit Aufführungen der dritten Fassung seiner Oper Fidelio op. 72, von Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria op. 91, der Siebten Symphonie op. 92 und der Kantate Der glorreiche Augenblick „op. 136“ vor internationalem Publikum. Am 16. November 1815 erhielt Beethoven vom Magistrat der Stadt Wien den Ehrenbürgerbrief und somit „das Bürgerrecht dieser Haupt und Residenzstadt als ein Beweis der Anerkennung seiner Verdienste und der Werthschätzung dieser guten Gesinnungen taxfrey verliehen“[28]. Damit war er gleichsam ein Wiener, aber kein Österreicher.

In der Rezeptionsgeschichte wird Ludwig van Beethoven zwar neben Joseph Haydn und Wolfgang Amadé Mozart der Trias der Wiener Klassiker zugerechnet, gilt aber wesentlich als deutscher Komponist – und wird als solcher durchaus nationalistisch instrumentalisiert, insbesondere als Gegenpol zur italienischen Musikkultur. Den Grundstein dazu legte Raphael Georg Kiesewetter[29], der eine „Epoche Beethovens und Rossini’s“[30] so benannte; später schrieb Carl Dahlhaus[31] gar von einem „Stildualismus“[32]. Später, insbesondere bedingt durch die Reihe deutsch-französischer Kriege 1870/71, 1914-1918 und 1939-1945, kommt es zu einer weiteren Polarisierung (dabei sollte nicht vergessen werden, dass es immer Menschen gab, die die deutsch-französischen bzw. österreichisch-französischen Kulturbeziehungen auf persönlicher Ebene weiter pflegten). So veranstaltete beispielsweise in Paris am 13. November 1870 der Dirigent Jules-Etienne Pasdeloup[33] als Mitglied des 9. Bataillons der Nationalgarde ein großes Benefizkonzert, in dem Musik Beethovens erklang. Der Erlös war für den Guss einer Kanone bestimmt, die den Namen „Beethoven“ tragen sollte. Und Camille Mauclair[34] stellte 1916 die Frage, wie man mit deutschen Komponisten und insbesondere mit Beethoven in Frankreich umgehen solle. Er nannte Beethoven einen Deutschen, aber „un Allemand d’avant l’Allemagne horrible“[35]. Er kommt zu dem Schluss, dass die Neunte Symphonie nach dem Sieg der Alliierten und angesichts der Befreiung als Gesang der Brüderlichkeit den angemessenen Dankgottesdienst abgeben würde. Mauclair betont, dass ein Deutscher die Neunte geschrieben hat, aber ganz Deutschland das Recht verloren habe, sie zu besitzen.[36] Das internationale Forschungsprojekt „Claiming History. Beethoven and His Music in Nazi-Occupied European Countries“ unter der Leitung von Michael Custodis, Universität Münster, befasst sich aktuell mit der Rolle Beethovens in den während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten; auch hier spielt Frankreich eine große Rolle, war doch Beethoven längst als Komponist mit französischer Aufführungstradition etabliert, bevor deutsche NS-Propaganda ihn missbrauchte.

Quellen und externe Links

  1. ↑ https://dezede.org/individus/gossec/
  2. ↑ https://dezede.org/individus/cherubini/
  3. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Carl_Maria_von_Weber
  4. ↑ https://dezede.org/individus/gaveaux/
  5. ↑ https://dezede.org/individus/bouilly/
  6. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118601644.html#adbcontent
  7. ↑ https://dezede.org/individus/kreutzer/
  8. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jean_Baptiste_Bernadotte
  9. ↑ https://musiklexikon.ac.at/ml/musik_R/Rode_Pierre.xml
  10. ↑ https://dezede.org/individus/baillot/
  11. ↑ https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_R/Ries_Ferdinand.xml
  12. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd117398810.html#adbcontent
  13. ↑ BGA 1782, Textverlust der in eckigen Klammern zugefügten Buchstaben in der Mittelfalte durch Brandschaden.
  14. ↑ Kraus 2016
  15. ↑ https://dezede.org/individus/berlioz/
  16. ↑ Kraus 2001; Gaboriaud 2017
  17. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118594117.html#ndbcontent
  18. ↑ https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_L/LIszt_Franz.xml
  19. ↑ Scholz 1984; Caillez 2021; Picard 2021
  20. ↑ BGA 350
  21. ↑ BGA 1611
  22. ↑ BGA 1784
  23. ↑ BGA 17
  24. ↑ Vgl. BGA 545 oder auch BGA 588, BGA 879, BGA 925, BGA 959, BGA 1233 und BGA 1439
  25. ↑ https://musiklexikon.ac.at/ml/musik_R/Rudolph_Erzherzog.xml
  26. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/137544731
  27. ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_L/Lobkowitz_Josef-Franz-Maximilian_1772_1816.xml
  28. ↑ BGA 853
  29. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Raphael_Georg_Kiesewetter
  30. ↑ Kiesewetter 1834, 97
  31. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118523341
  32. ↑ Dahlhaus 1980, 7
  33. ↑ https://dezede.org/individus/pasdeloup/
  34. ↑ https://dezede.org/individus/mauclair/
  35. ↑ Mauclair 1928, 288
  36. ↑ Ebd., 289

Bibliografie

Primärliteratur

  • Beethoven, Ludwig van: Briefwechsel. Gesamtausgabe, im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn hg. von Sieghard Brandenburg, 7 Bde., München 1996, 1998 [abgekürzt als BGA, mit Angabe der Brief-Nr.].
  • Kiesewetter: R.[aphael] G.[eorg] Geschichte der europäisch-abendländischen oder unserer heutigen Musik. Darstellung ihres Ursprunges, ihres Wachsthumes und ihrer stufenweisen Entwickelung; Von dem ersten Jahrhundert des Christenthumes bis auf unsre Zeit. Für jeden Freund der Tonkunst, Leipzig 1834.
  • Mauclair, Camille : La religion de la musique, Paris 1928, insbesondere das Kapitel La musique de la douleur (S. 281–289), mit dem Zusatz „Écrit en 1916, au moment où l’on n’osait pas encore rejouer Beethoven!“

Sekundärliteratur

  • Caillez, Matthieu: Beethoven, un compositeur autrichien dans l’Europe du XIXe siècle?, in: Austriaca 93/2021, S. 69–98.
  • Dahlhaus, Carl: Die Musik des 19. Jahrhunderts (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, 6), Wiesbaden 1980.
  • Gaboriaud, Marie: Une vie de gloire et de souffrance. Le mythe de Beethoven sous la Troisième République (Études de littérature des XXe et XXIe siècles, 65), Paris 2017.
  • Kraus, Beate Angelika: Beethoven liest international. Wege aus der Sprach(en)losigkeit, in: Beethoven liest, hg. von Bernhard R. Appel und Julia Ronge (Schriften zur Beethoven-Forschung, 28), Bonn 2016, S. 73–104.
  • Kraus, Beate Angelika: Beethoven-Rezeption in Frankreich. Von ihren Anfängen bis zum Untergang des Second Empire (Schriften zur Beethoven-Forschung, 13), Bonn 2001.
  • Picard, Sophie: Les commémorations du centenaire de 1927 à Vienne. Beethoven l’Universel vs. Beethoven l’Autrichien, in: Austriaca 93/2021, S. 131–149.
  • Scholz, Gottfried: Wer gilt als österreichischer Komponist? Der „Österreich“-Begriff im Wandel der Geschichte als Problem nationaler Musikgeschichtsschreibung, in: Bericht über den Internationalen Musikwissenschaftlichen Kongress Bayreuth 1981, hg. von Christoph-Hellmut Mahling und Sigrid Wiesmann, Kassel, Basel und London 1984, S. 445–449.

Autorin

Beate Angelika Kraus

Onlinestellung: 14/09/2026