Wiener Werkstätte

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Die 1903 von dem Architekten Josef Hoffmann, dem Maler, Grafiker und Kunsthandwerker Koloman Moser sowie dem Unternehmer Fritz Waerndorfer[1] gegründete Produktionsgemeinschaft bildender Künstler Wiener Werkstätte eröffnete schon bald Verkaufsstellen in Karlsbad (1909), Marienbad und Zürich (1917), New York und Velden (1922) sowie Berlin (1929).[2] Die dokumentierten Beziehungen zwischen der Wiener Werkstätte und Frankreich beruhten jedoch nicht auf der Eröffnung einer Niederlassung in der französischen Hauptstadt, sondern vor allem auf den Beziehungen zu dem französischen Modeschöpfer Paul Poiret sowie auf der Teilnahme der Wiener Werkstätte an der Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes de Paris im Jahr 1925.

Paul Poiret und die Wiener Werkstätte

Die Beziehungen zwischen Paul Poiret und der Wiener Werkstätte gründeten zunächst auf persönlichen Kontakten. Poiret kannte Josef Hoffmann, den Leiter der Modeabteilung Eduard Josef Wimmer-Wisgrill[3] und Otto Lendecke[4], der für den Pariser Modeschöpfer gearbeitet haben soll.[5]. Berta Zuckerkandl-Szeps behauptete sogar, sie habe das Treffen zwischen Josef Hoffmann und Paul Poiret vermittelt.[6]

Poirets Interesse an den Stoffen und Modeentwürfen der Wiener Werkstätte zeigte sich anlässlich seiner drei Wien-Besuche in den Jahren 1911, 1923 und 1924.[7] Die Modeschauen und „Conférences artistiques“, die im Rahmen seines ersten Besuchs veranstaltet wurden, erregten die Aufmerksamkeit der lokalen Presse, die ausführlich über Poirets Aktivitäten in Wien berichtete.[8] Während seines Aufenthalts besuchte Poiret auch die Wiener Werkstätte und bekundete großes Interesse an deren Erzeugnissen, insbesondere an ihren Textilien, die er später für seine eigenen Modekreationen verwendete. Daraus entwickelte sich eine für beide Seiten fruchtbare Beziehung: Die Modeabteilung der Wiener Werkstätte erfuhr Anerkennung durch einen der bedeutendsten Modeschöpfer aus Paris, dem unbestrittenen Zentrum der Mode; Poiret wiederum bezog Stoffe von der Wiener Werkstätte und trug zu deren Verbreitung in Frankreich bei.

Zwischen Poirets erstem Besuch im November 1911 und seinem zweiten im Jahr 1923 unterbrach der Erste Weltkrieg diesen Austausch und schnitt Österreich von der Pariser Mode ab. Die Beziehungen zwischen der Wiener Werkstätte und Frankreich waren nun von Spannungen und Ablehnung geprägt. Unter dem Slogan „Los von Paris“ beteiligte sich die Wiener Werkstätte aktiv an dem Diskurs, der auf eine Loslösung von der Pariser Mode und die Schaffung einer eigenständigen Mode für den deutschsprachigen Kulturraum abzielte. In diesem Zusammenhang veranstaltete sie zahlreiche Modeschauen und Ausstellungen in deutschen Städten und in neutralen Staaten. Mit einem Mode Wien 1914/15 betitelten Mappenwerk wirkte die Wiener Werkstätte an der Entwicklung einer deutschen Mode mit, die in Konkurrenz zur französischen Mode treten sollte.

Bei Poirets Besuchen in den Jahren 1923 und 1924 ermöglichte das politische Klima die Wiederaufnahme der fruchtbaren Beziehungen. 1923 soll der Modeschöpfer sogar 64 Millionen Kronen für Stoffe und andere Erzeugnisse der Wiener Werkstätte ausgegeben haben.[9] Über diesen materiellen und kulturellen Austausch hinaus wurde allerdings die Behauptung infrage gestellt, die Wiener Werkstätte habe als Vorbild für die 1911 von Poiret gegründete École Martine gedient.[10]

Das anhaltende Interesse an diesem Austausch veranschaulicht die Ausstellung Modern Fashion. Wiener Werkstätte & Paris, die 2027 im Leopold Museum gezeigt wird.

Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes de Paris 1925

Titelblatt des Katalogs zur österreichischen Beteiligung an der Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes Paris 1925

1925 trug die Wiener Werkstätte maßgeblich zum österreichischen Beitrag zur Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes in Paris bei. Nach Auffassung der österreichischen Organisatoren sollte die Teilnahme auch dazu beitragen, die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg wiederherzustellen.[11] Sie bot den Künstlerinnen und Künstlern der Wiener Werkstätte die Möglichkeit, ihre Werke in Paris zu präsentieren. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Frauen, deren Mitwirkung durch neuere Forschungen stärker in den Blick gerückt worden ist.[12] Die österreichischen Arbeiten waren an drei Ausstellungsorten zu sehen: im Grand Palais, in den Galeries des Invalides und in dem von Josef Hoffmann entworfenen Pavillon an der Seine.

Mehrere Wiener Künstlerinnen wurden bei der Ausstellung ausgezeichnet. Camilla Birke[13] erhielt den Grand Prix, Maria Likarz[14] und Hilda Polsterer wurden jeweils mit einer Goldmedaille geehrt.[15] Die Teilnahme an der Ausstellung ermöglichte es einigen Künstlerinnen zudem, dauerhafte Kontakte nach Frankreich zu knüpfen. Dies zeigt etwa das Beispiel Hilda Polsterers, die vom Atelier Primavera des Pariser Kaufhauses Grands Magasins du Printemps engagiert wurde.[16]

Trotz der Erfolge einzelner Künstlerinnen und Künstlers wurde die Beteiligung der Wiener Werkstätte an der Ausstellung insgesamt negativ aufgenommen.[17] In den darauffolgenden Jahren geriet die Wiener Werkstätte erneut in finanzielle Schwierigkeiten, die 1932 zu ihrem Konkurs und ihrer Liquidation führten.

Quellen und externe Links

  1. https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_W/Waerndorfer_Fritz_1868_1939.xml
  2. Kallir 1986, S. 29–30; Neiß 2004, S. 264
  3. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Special:URIResolver/?curid=11513
  4. https://explore.gnd.network/gnd/139435603
  5. Steinhäußer 2019, S. 62 und 76; Neiß 2004, S. 80
  6. Steinhäußer 2019, S. 64
  7. Steinhäußer 2019, S. 63; Neiß 2004, S. 136
  8. Steinhäußer 2019, S. 66; Neiß 2004, S. 136
  9. Steinhäußer 2019, S. 94
  10. Steinhäußer 2019, S. 10
  11. Secklehner 2023, S. 10–11
  12. Secklehner 2023; Rossberg 2025
  13. https://www.biografia.at/biografie/birke-camilla/
  14. https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Maria_Likarz
  15. Rossberg 2025
  16. Secklehner 2023, S. 21
  17. Rossberg 2025; Kallir 1986, S. 40

Bibliografie

Literatur

  • Brandstätter, Christian: Design der Wiener Werkstätte 1903–1932. Wien: Brandstätter, 2003.
  • Kallir, Jane: Viennese Design and the Wiener Werkstätte. New York: Galerie St. Etienne/George Braziller, 1986.
  • Neiß, Herta: Wiener Werkstätte. Zwischen Mythos und wirtschaftlicher Realität. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2004.
  • Secklehner, Julia: “Feminine Horror” or “Eminent Viennese Specialty”? Vienna’s Kunstgewerblerin in Paris, 1925. In: Art East Central 2023, S. 13–36.
  • Steinhäußer, Lara Sophia: Die Wiener Werkstätte und Paul Poiret: Kooperationen, Einflüsse und Differenzen der Wiener und Pariser Mode und ihrer medialen Repräsentation zwischen 1903 und 1932. Masterarbeit, Universität Wien, 2019.
  • Thun-Hohenstein, Christoph, Rossberg, Anne-Katrin, Schmuttermeier, Elisabeth und Österreichisches Museum für Angewandte Kunst (Hg.): Die Frauen der Wiener Werkstätte / Women Artists of the Wiener Werkstätte. Ausstellungskatalog. Basel: Birkhäuser, 2020.

Internetquellen

Autor

Philipp Jonke

Onlinestellung: 04/08/2026