Marcel Dunan
In Frankreich ist Marcel Dunan (eigentlich Louis Marie Marcel Adolphe D., Paris, 1. Januar 1885 – 7. Oktober 1978) in erster Linie als Historiker und Mitglied der Académie Française bekannt: Er war Professor für Geschichte an der Sorbonne (1947–1955), Leiter der École pratique des hautes études (EPHE), Mitglied der « Académie des sciences morales et politiques (eine der fünf « Sektionen » des « Institut de France », der Dachorganisation der staatlichen Akademien), verantwortlicher Redakteur der Revue d’études napoléoniennes und gilt dank seiner 1942 abgeschlossenen Dissertation Napoléon et l’Allemagne, le système continental et les débuts du royaume de Bavière als einer der Pioniere der Napoleon-Forschung; von 1947–1974 war er Präsident des « Institut Napoléon ». Vor seiner akademischen Laufbahn war er aber als Journalist und Kulturattaché an der Französischen Botschaft in Wien maßgeblich am kulturellen Austausch zwischen Frankreich und Österreich beteiligt. Der Historiker Pierre George, Nachfolger auf dem Sessel Dunans in der « Académie », spricht in seiner Lobrede auf Dunan (5. Mai 1981) von zwei « Perioden » in dessen Leben : zuerst der des diplomatischen Beobachters Mitteleuropas, Journalisten und Österreich-Spezialisten, dann der des Napoleon-Spezialisten und « Akademikers ».
Marcel Dunans Österreich-Erfahrungen
Nach Absolvierung der École normale supérieure ist Dunan zuerst kurz als Geschichtsprofessor in Mâcon tätig, hegt aber auch bereits den Plan, eine Dissertation über das Napoleon-Bild in deutschsprachigen Quellen zu schreiben. 1912 führt ihn eine « Mission » erstmals nach Wien, wo er bis 1914 bleibt und u.a. den Balkankrieg mit Interesse verfolgt. Während des Ersten Weltkriegs wird Dunan nach einer in Lothringen erlittenen Kriegsverletzung in den Generalstab an der Ostfront versetzt, wovon sein 1917 erschienenes Buch L’Été bulgare, notes d’un témoin (juillet-octobre 1915) Zeugnis ablegt, dem später, 1932, L’Automne serbe, le drame balkanique de 1915 folgen wird. Von 1919 bis 1939 ist Wien dann der Mittelpunkt seiner ersten beruflichen Karriere, die Pierre George als « période viennoise » bezeichnet: Er ist Kulturattaché, Leiter des « Centre français d’études supérieures » und Generalsekretär des im November 1931 eröffneten Französischen Kulturinstituts (« Institut Français de Vienne »), sowie Korrespondent der Tageszeitungen Le Temps und Journal des Débats und Mitarbeiter mehrerer französischer Zeitschriften (La Revue des Deux Mondes; La Revue de France; Mercure de France; La Revue de Paris). In Wiener Archiven legt er auch den Grundstein zu seiner Dissertation über Napoleon und Deutschland am Beispiel des Königreichs Bayern.
Nach einem am 15. Mai 1920 in der Revue de Paris erschienenen Aufsatz « La nouvelle Autriche », veröffentlicht er 1921 in der Sammlung « Les États contemporains » der éditions Rieder L’Autriche, ein 125-Seiten umfassendes Buch über das aus den Trümmern der Donaumonarchie enstandene Österreich der Ersten Republik (die deutsche Übersetzung erscheint ein Jahr später bei Manz in Wien). Ihm folgen in den nächsten zwanzig Jahren zahlreiche Artikel in französischen Periodika und Vorträge über Österreich, z. B. « Le problème autrichien », ein in Paris gehaltener Vortrag, der 1934 in den Cahiers du redressement français veröffentlicht wird. Dunan schätzt Wien als Ort, von dem aus er die Entwicklung Mitteleuropas genau beobachten und analysieren kann, aber auch als kulturelle Metropole, die seinen literarischen und künstlerischen Interessen entgegenkommt.
Dunan ist dezidiert « austrophil ». In seinem « Österreich-Buch » zeichnet er zuerst in großen Zügen die Geschichte Österreichs vom Ende des 10. Jahrhunderts (das Buch beginnt 996 mit der ersten Nennung von « Ostarrichi ») bis zu den Anfängen der Ersten Republik nach. Als roten Faden in der österreichischen Geschichte sieht Dunan den Kampf um die Vormachtstellung im deutschen Sprachraum und in Osteuropa. Seine Sympathien gehören dabei eindeutig Österreich und den Habsburgern, denen er klar den Vorzug gegenüber Preussen und den Hohenzollern gibt. Dabei muss er eingestehen, dass die Habsburger im Laufe der Jahrhunderte (und vor allem im 18. und 19.) sukzessive Gebiete verloren und immer mehr an ihrer Herrschaft eingebüßt haben. Dunan geht davon aus, dass diese Entwicklung den französischen Lesern durch die napoleonischen Kriege bekannt sei und übt scharfe Kritik an Metternich, der weder die Rolle der Habsburger in/für Österreich noch die Österreichs in/für Europa erkannt habe. Die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt er in erster Linie den Magyaren und der « Verblendung » von Kaiser Franz Joseph, seiner « Gefangenheit » in der Bündnispolitik. Zur Illustration der Lage am Beginn der Ersten Republik zitiert er Kanzler Karl Renner (« Vereinsamt und zu Bode geschlagen […] angewiesen, um jedes Stück Kohle und jeden Bissen Brot zu betteln »)[1] und beschreibt eine Situation, die die Österreicher zwangsläufig in die Hände Deutschlands treibe, eine Situation, die « besonders Frankreich niemals aus dem Auge verlieren darf »[2] und die für ihn eine « tödliche Gefahr » darstellt.
Im ausführlichen, gut dokumentierten Kapitel « Literatur, Kunst, Wissenschaften »[3] bejaht Dunan die Existenz einer spezifisch österreichischen Kultur: Grillparzer, Lenau[4], Schnitzler oder Hofmannsthal als deutsche und nicht als österreichische Schriftsteller zu bezeichnen, hieße für ihn hundertzwanzig Jahre (Kultur-)Geschichte zu ignorieren. Den spezifischen Charakter der österreichischen Literatur gegenüber der deutschen erklärt er unter anderem mit dem Einfluss, den die französische Kultur (die Sprache, die Geistesgeschichte und die Lebensform) auf die österreichischen Schriftsteller ausgeübt habe; damit trägt er auch zur Bildung des Topos vom romanischen Einschlag der österreichischen Kultur bei. Österreich, und besonders Wien, spielt er gegen Deutschland aus; im Gegensatz zu dem auf sich selbst bezogenen, von seiner eigenen Größe überzeugten Deutschland gäben die vielen in Wien lebenden « Rassen » (Deutsche, Slawen, Romanen, Magyaren, etc.) der österreichischen Kultur ihre besondere Prägung.
In seinen zahlreichen Beiträgen in verschiedenen französischen Periodika wie in seinem Vortrag von 1934 bringt er neben seiner Wertschätzung der österreichischen Kultur aber auch seine Befürchtungen über die wirtschaftlich prekäre und politisch aufgeheizte Situation des Landes und den zunehmenden Einfluss des Nationalsozialismus zum Audruck, der schließlich zum Anschluss führt. Sein Blick dafür ist auch dadurch geschärft, dass er für die Tageszeitung Le Temps als Korrespondent aus München und Stuttgart über Hitlers Wahlkampf und seine Machtübernahme berichtet hat.
« Nebenbei » war Dunan auch als Übersetzer tätig, wobei seine wenigen Übersetzungen wohl (indirekt) mit seiner Funktion als Kulturattaché zusammenhängen. Sie sind insofern von Interesse, als sie nicht-kanonisierte Autoren betreffen wie Raoul Auernheimer: Le Marchand de secrets (Plon-Nourrit et Cie, 1924, [Der Geheimniskrämer], 1919), Paul Zifferer: La Ville impériale. Roman (Plon, 1924, [Die Kaiserstadt], 1924), und Operetten-Libretti wie Leo Stein et Belá Jenbach: La Mazourka bleue, opérette en trois actes von Franz Lehar[5] (1929, [Die Blaue Mazur], 1920).
Dunan, der Napoleon-Forscher
Der zweite Lebensabschnitt Dunans, die wissenschaftliche Laufbahn, ist von der Napoleon-Forschung geprägt, der er als Universitätsprofessor für Geschichte zuerst in Nancy (1941–1946), dann bis 1955 an der Pariser Sorbonne, neue Impulse verleiht.
Seine persönlichen Arbeiten betreffen die Französische Revolution, besonders die Periode des « Consulat » (1799–1804), und vor allem das Thema Napoleon. Angefangen von seiner Dissertation, beschäftigt er sich besonders mit Napoleons Europa-Vision, u.a. mit dem Problem der staatlichen Organisation Deutschlands, bzw. des deutschen Sprachraums – und Napoleons Willen diese zu beherrschen – als wesentliches Mittel zur Blockade Englands. Der Verbindung Napoleons mit dem Habsburgerreich und den Machenschaften von Talleyrand und Metternich steht er kritisch gegenüber (Napoléon et l’Europe). Napoleon assoziiert für ihn das Drama eines außergewöhnlichen Menschen mit dem Drama Europas (« associe[nt] le drame d’un homme exceptionnel et celui de l’Europe », Pierre George). Wesentlich zur Napoleon-Forschung hat auch seine (text-)kritische Edition der Originalfassung des Mémorial de Saint-Hélène beigetragen.
Quellen und externe Links
- ↑ deutsche Fassung, S. 27
- ↑ S. 7
- ↑ S. 111–156
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Nikolaus_Lenau
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Franz_Leh%C3%A1r
Bibliografie
Werke von Marcel Dunan (Auswahl)
- L’Été bulgare, notes d’un témoin, juillet-octobre 1915. Paris: Imhaus et Chapelot 1917.
- L’Autriche. Paris: Rieder 1921 (Prix Montyon de l’Académie française en 1922), dt.: Österreich. Wien: Manzsche Verlagsbuchhandlung 1922.
- Le Drame balkanique de 1915. L’Automne serbe. Notes d’un témoin. Paris, Nancy, Strasbourg: Berger-Levrault 1932.
- Le Problème autrichien, conférence de M. Marcel Dunan. Paris: Cahiers du redressement français, 2e série, n° 13, 1934.
- Napoléon et l’Allemagne, le système continental et les débuts du royaume de Bavière 1806-1810. Paris: Plon 1942 (Prix Durchon-Louvet de l’Académie française).
Herausgebertätigkeit
- Histoire universelle. Paris: Larousse 1960/61 (zwei Bände).
- Napoléon et L’Europe, Travaux de la Commission internationale pour l’enseignement de l’histoire (Cannes, 1960). Paris, Bruxelles: Brepols 1961.
- de Las Cases, Emmanuel: Le Mémorial de Saint-Hélène, édition établie et annotée par Marcel Dunan. Paris: Flammarion 1951 (rééd. 1983).
- Metternich-Sándor, Pauline: Souvenirs de la princesse Pauline de Metternich, traduit de l’allemand par H. Pernot, préface et notes de Marcel Dunan. Paris: Plon 1922 (rééd. 1935).
Sekundärliteratur
- George, Pierre: Notice sur la vie et les travaux de Marcel Dunan (1885-1978). Lue dans la séance du 5 mai 1981, Académie des sciences morales et politiques. Paris: Institut de France 1981.
- Tulard, Jean: Marcel Dunan : un pionnier des études napoléoniennes. Le Monde, 11 octobre 1978 (lire en ligne [archive]).
Autor
Karl Zieger
Onlinestellung: 26/08/2026
