Adalbert Stifter

Adalbert Stifter (Oberplan, 23. Oktober 1805 – Linz, 28. Jänner 1868) zählt zu jenen deutschsprachigen Autoren, die in Frankreich als „,inexportables‘“[1] gelten. Gleichwohl setzt die Übersetzung ausgewählter Texte bereits zu seinen Lebzeiten ein und ist bis heute nicht abgeschlossen. So steht etwa die französische Version des Witiko noch aus. Die Rezeption des österreichischen Schriftstellers, dessen Ästhetik je nach Lesart als romantisch oder realistisch erachtet wird, erfolgt außerhalb der universitären Germanistik äußerst zaghaft, gilt doch Stifter immer noch als Geheimtipp im literarischen Feld Frankreichs.
Übersetzung
In historischer Perspektive lässt sich die Übersetzung von Stifters Werk in drei Phasen mit unterschiedlicher Intensität und Dauer gliedern. Die erste Welle französischer Versionen setzt bereits 1857 mit der Veröffentlichung von Le vieux garçon (Der Hagestolz) im Verlag Auguste Schnée in Brüssel und Leipzig ein. Als Übersetzerin firmiert Germaine de Prez-Mahauden, die 1860 im Verlag A.-N. Lebègue ebenfalls in der belgischen Hauptstadt die Erzählungen Camille et Marie (Zwei Schwestern) und La forêt haute (Der Hochwald) veröffentlicht.[2] Stifter bemängelt die translatorische Qualität von Le vieux garçon, die er, auch weil sie eine Adaptation darstelle, für „verwässert“[3] hält. Der französisch-deutsche Stifter-Verehrer Léon Jaunez legt 1859 eine französische Übersetzung der Narrenburg vor, die im Pariser Hachette-Verlag unter dem deutschsprachigen Originaltitel herauskommt. Ebenfalls 1859 publiziert die Revue germanique eine anonyme Übersetzung des Abdias, dessen Titel unverändert bleibt. 1860 taucht im Band 11 der gleichen Zeitschrift die Erzählung Les deux sœurs (Zwei Schwestern) ebenfalls ohne namentliche Nennung des Übersetzers auf. Im gleichen Jahr tritt Thérèse Alphonse Karr mit Les soirées germaniques offertes à la jeunesse. Contes et nouvelles tirés d’auteurs allemands (M. Hartmann, A. Stifter, B. Auerbach), einer Anthologie, in Erscheinung. Unter den in diesem Band versammelten Übersetzungen der Herausgeberin figuriert auch eine Kurzfassung des dritten Kapitels von Stifters Abdias mit dem Titel Ditha, die wie die oben genannten Übertragungen als Adaptationen betrachtet werden muss.[4]
Während des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einer zweiten Phase translatorischer Auseinandersetzung mit dem Stifter’schen Œuvre. Zu Propagandazwecken fördert das Deutsche Institut in Paris ab 1940 die Übersetzung ideologisch unbedenklicher Autoren, darunter Stifter. Im Rahmen dieser Aktion übernimmt der französische Schriftsteller Henri Thomas die Übersetzung von drei Texten aus dem Frühwerk des österreichischen Prosaisten, und zwar Der Hochwald, Abdias und Der Waldsteig, die 1943 als Les grands bois & autres récits überschriebene Anthologie vom renommierten Gallimard-Verlag ediert werden. Thomas trägt dabei wesentlich zur Verbreitung Stifters in Frankreich nicht zuletzt durch die heute noch gültige Übertragung des Hochwalds (Les grands bois) bei.[5] Ebenfalls 1943 erscheint Le cristal de roche et autres contes in der von Germaine Guillemot-Magitot besorgten Übersetzung, wobei der Band neben der titelgebenden Erzählung Bergkristall auch Der Hagestolz, Brigitta sowie Der Waldsteig enthält.
Nach diesem kriegsbedingten Stifter-Frühling in Frankreich kommt die einschlägige Übersetzungstätigkeit für mehr als drei Jahrzehnte zum Erliegen. Erst 1978 betritt Stifter mit L’Homme sans postérité (Der Hagestolz) dank der Übersetzung durch den Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt wieder die französische Verlagslandschaft und läutet damit eine dritte Ära der Stifter-Übersetzung ein. Fast jährlich kommen nun weitere Stifter-Übertragungen auf den Markt, wobei die Jahrtausendwende diesbezüglich einen Höhepunkt markiert. 2000 wird nämlich dem französischen Publikum zum ersten Mal Der Nachsommer (L’arrière-saison) in der Übertragung von Martine Kayser zugänglich.[6] Weitere Neuübersetzungen folgen, darunter jene der Bunten Steine, deren beide Bände, Cristal de roche. Pierres multicolores 1 und Tourmaline. Pierres multicolores 2, 2020 bzw. 2021 erscheinen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Der Hagestolz mit vier französischen Fassungen am öftesten übertragen worden ist: Le vieux garçon (1857, übersetzt von Germaine De Prez-Mahauden), Le Célibataire (1943, übersetzt von Germaine Guillemot-Magitot), L’Homme sans postérité (1978, übersetzt von Georges-Arthur Goldschmidt) und Le Vieux Garçon (2014, übersetzt von Marion Roman).
Rezeption
Ein erster Beleg der Stifter-Rezeption durch einen französischen Leser liegt in Form eines Briefes vor, den Léon Jaunez am 15. Jänner 1859 an den österreichischen Autor richtet. In diesem Schreiben moniert der Verfasser die schlechte Qualität der Hagestolz-Übertragung von Germaine De Prez-Mahauden und trifft damit Stifters Einschätzung.[7] Nachdem der Schriftsteller offenbar in Frankreich in Vergessenheit geraten ist, führt eine neue Rezeptionsspur in die Zwischenkriegszeit. Samuel Beckett, der ab den späten dreißiger Jahren dauerhaft in Paris lebt, erwirbt am 12. März 1937 während einer mehrmonatigen Deutschlandreise Urban Roedls Biografie Adalbert Stifter. Geschichte seines Lebens sowie den Nachsommer und macht in der Folge in seinem Bekanntenkreis auf den in Frankreich weitgehend unbekannten Österreicher aufmerksam. Mit dem Romancier Thomas, der sich mit Les grands bois & autres récits unter den französischen Stifter-Übersetzern einen Namen macht, tritt ein profunder Kenner von Stifters Schriften auf den Plan. Nach einem kurzen französischen Stifter-Frühling während des Zweiten Weltkriegs wird es in den kommenden Jahrzehnten wieder still um den Verfasser des Nachsommers.
1978 markiert indes den Beginn einer neuen Ära der Stifter-Rezeption in Frankreich dank der von Goldschmidt besorgten Übersetzung des Hagestolzes (L’Homme sans postérité). Der Publizist Mathieu Lindon, der für die renommierte Tageszeitung Libération als Feuilletonist tätig ist, stößt Ende der siebziger Jahre durch Zufall auf diesen Text, der ihn begeistert und ihn dazu veranlasst, seinen Freundeskreis zu missionieren. Der Philosoph Michel Foucault wird von Lindons Stifter-Begeisterung ebenso infiziert wie der Schriftsteller Hervé Guibert[8],[9] der den österreichischen Prosaautor in seinem Werk zumindest namentlich erwähnt.[10] Lindon setzt Stifter in seiner Autobiografie Ce qu’aimer veut dire, die als Bildungsroman gelesen werden kann, ein schwärmerisches Denkmal[11] und steigert als häufiger Rezensent französischer Stifter-Neuerscheinungen den bescheidenen Bekanntheitsgrad dieses Schriftstellers.
Die Rezeption von Stifter findet parallel dazu, wenn auch in bescheidenem Umfang, in Literaturzeitschriften statt. Die Monatsschrift europe widmet in der November-Dezember-Ausgabe von 2019 zwei Österreichern ein Porträt, und zwar Joseph Roth und Adalbert Stifter, während die Quartalschrift L’Atelier du roman im Dezember 2022 den österreichischen Autor in einer Sondernummer würdigt.
Ein ähnliches Bild ergibt die französische Germanistik, die bis dato lediglich mit einer Monografie aufwarten kann. Es handelt sich hierbei um die 1974 veröffentlichte Arbeit von Jean-Louis Bandet, der sich mit Adalbert Stifter. Introduction à la lecture de ses nouvelles als bedeutendster französischer Stifter-Experte hervortut. Das germanistische Periodikum Austriaca rückt Stifter in einer Sonderausgabe vom Juni 1999 (Nr. 48) ins Zentrum seines Interesses. Aus dem Bereich der einschlägigen Dissertation wäre jene von Anne Lambrecht aus dem Jahr 1996 zu nennen, die in Le portrait d’un homme: Der Nachsommer d’Adalbert Stifter den großen Erziehungsroman untersucht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stifter außerhalb der französischen Germanistik trotz aller Naturalisierungsversuche ein großer Unbekannter geblieben ist. Zwar haben ihn einige happy few mit großer Begeisterung aufgenommen, doch die Markenzeichen seines Stils, nämlich die Langsamkeit des Erzählens und seine Detailverliebtheit, haben sich auch in Frankreich als gewöhnungsbedürftig erwiesen.
Quellen und externe Links
- ↑ Goldschmidt 1978, 137
- ↑ vgl. Kienesberger 1971, 85
- ↑ Stifter 2021, 332
- ↑ vgl. Kienesberger 1995, 53–55
- ↑ vgl. Wagner 2020, 53–66
- ↑ vgl. Wagner 2024, 65–73
- ↑ vgl. Stifter 1939, 231–232
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/pnd118997637.html
- ↑ vgl. Lindon 2011, 223
- ↑ vgl. Wagner 2015: 35–47; vgl. Guibert 1992: 85 und Guibert 2001: 42
- ↑ vgl. Lindon 2011, 222–233
Bibliografie
Primärliteratur
- Goldschmidt, Georges-Arthur: Postface. L’écriture comme regard. In: Adalbert Stifter: L’Homme sans postérité. Roman. Übers. v. Georges-Arthur Goldschmidt. Paris: Éditions Phébus 1978, S. 137–147.
- Guibert, Hervé: L’homme au chapeau rouge. Paris: Gallimard 1992.
- Guibert, Hervé: Le mausolée des amants. Journal 1976-1991. Paris: Gallimard 2001.
- Lindon, Mathieu: Ce qu’aimer veut dire. Paris: P.O.L. 2011, S. 222–233.
- Stifter, Adalbert: Sämmtliche Werke. Dreiundzwanzigster Band. Briefwechsel. Siebenter Band. Hg. von Gustav Wilhelm. Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1939, S. 231–233.
- Stifter, Adalbert: HKG. Werke und Briefe. Bd. 11,3. Hg. von Alfred Doppler und Hartmut Laufhütte. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2021, S. 324–332.
Sekundärliteratur
- Kienesberger, Konrad: Die erste Stifter-Übersetzung ins Französische. Zur Hagestolz-Version von Germaine De Prez-Mahauden. In: VASILO 20/3–4 (1971), S. 85–101.
- Kienesberger, Konrad: Zu einigen frühen Stifter-Übersetzungen ins Englische und Französische. In: Adalbert Stifter. Studien zu seiner Rezeption und Wirkung I: 1868–1930. Kolloquium I. Hg. von Johann Lachinger. Linz: Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 1995, S. 39–65.
- Wagner, Walter: Stifter-Lektüren in der französischen Gegenwartsliteratur. In: Jahrbuch Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 22 (2015), S. 35–47.
- Wagner, Walter: Henri Thomas, ein französischer Stifter-Übersetzer. In: Jahrbuch Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 27 (2020), S. 53–66.
- Wagner, Walter: Der späte französische Nachsommer. In: Jahrbuch Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 31 (2024), S. 65–73.
Autor
Walter Wagner
Onlinestellung: 21/01/2026
