Mariette Lydis

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Mariette Lydis 1936 in Paris, fotografiert von Willem van de Poll

Mariette Lydis (* 24. August 1887 in Baden, + 26. April 1970 in Buenos Aires) lebte ab 1926 in Paris. Bis zu ihrer Emigration 1938 war die Malerin, Zeichnerin, Illustratorin und Graphikerin ein fixer Bestandteil der Künstlerinnen-Boheme von Montparnasse und stellte regelmäßig in Pariser Galerien aus.

Biografie

Mariette Lydis wurde als Marietta Ronsperger in eine großbürgerliche jüdische Familie in Baden bei Wien als Tochter des Uhrenhändlers Franz Ronsperger (1845–1918) und Eugenie Ronspergers, geb. Fischer (1861–1934), geboren und wuchs in Wien auf. Ihre Schwester war die Dichterin Edith Ronsperger (1880–1921). Im Jahr 1909 trat sie aus der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) aus und ließ sich im Jahr darauf unter dem Namen Maria Paula katholisch taufen. Ende 1910 heiratete sie in der Lutherischen Stadtkirche in Wien Julius Koloman Pachhofer-Karny (1877–1922).

Um 1915 besuchte sie kurz die Kunstschule von Emmy Zweybrück und bildete sich ansonsten autodidaktisch fort. In diesem Jahr wurden auch ihre ersten bekannten, von der Wiener Werkstätte beeinflussten künstlerischen Arbeiten (Federzeichnungen und Linolschnitte) in der Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration[1] veröffentlicht.

Nach ihrer Scheidung heiratete sie 1917 in zweiter Ehe den griechischen Unternehmer Jean Lydis und übersiedelte nach Athen, trennte sich aber bereits 1923 wieder von ihm und übersiedelte 1924 nach Florenz. In jenen Jahren erschienen ihre ersten orientalisch inspirierten Illustrationen und buchkünstlerischen Arbeiten zu literarischen Stoffen. Stilistisch am Spektrum chinesischer bzw. orientalisch-esoterischer Bildwelten orientiert, wie ihre an die chinesische Zeichenkunst gemahnenden Farblichtdrucke für das Buch Der Mantel der Träume (1922), zu dem Béla Balász über Vermittlung von Eugenie Schwarzwald Nachdichtungen schuf, oder ihre 42 Miniaturen zum Koran (1924). Ihre Reisen nach Marokko, Ägypten und in die Türkei waren ihr dazu eine Inspirationsquelle. 1924 stellte sie in der Galeria Bottega di Poesia in Mailand aus. 1925 lernte sie in Florenz den Schriftsteller Massimo Bontempelli kennen, mit dem sie eine Liaison einging. Von dieser Beziehung haben sich mehr als 240 Liebesbriefe (1925–1928) im Getty Museum in Los Angeles erhalten.

Pariser Jahre (1926-1939)

Im September 1926 übersiedelte Lydis nach Paris, wo sie sich als Malerin und Graphikerin in der boomenden Kunstszene am Montparnasse rasch etablieren konnte. Noch im selben Jahr wurden ihre Arbeiten in den renommierten Galerien Bernheim-Jeune und Girard sowie im Salon d’automne der Pariser Avantgarde gezeigt, weiters gab sie ihr erstes Mappenwerk Lesbiennes heraus. Lydis, eher den Frauen zugeneigt, lebte inmitten der Pariser Boheme der 1920er- und 1930er-Jahre. Dort war sie ein fixer Bestandteil der Künstlerinnen-Zirkel vom Montparnasse in den Années folles und war u.a. mit Hermine David[2], Robert Desnos[3], Jean Dufy[4], Foujita[5], Charlotte Gardelle (1879–1953), Kiki de Montparnasse[6], Moise Kisling[7], Per Krohg[8], Jules Pascin[9], André Salmon[10], Marie Vassilief[11] oder Ossip Zadkine[12] befreundet. Sie ließ sich von renommierten Fotografinnen und Fotografinnen wie Madame d’Ora, Germaine Krull[13], Laure Albin Guillot[14], Gaston Paris[15] porträtieren.

Lydis setzte ihre Tätigkeit als Illustratorin für bibliophile Ausgaben von Klassikern und zeitgenössischer Literatur in limitierten Liebhaberausgaben fort, v. a. mit erotischen Motiven und ab 1928 häufig im Verlag des italienischen Kunstverlegers Giuseppe Conte Govone (1886–1948) etwa mit Baudelaires Les Fleurs du mal. Gleichzeitig vollzog sich in ihren Arbeiten ein Wandel ihrer Mal- und Zeichentechniken. Waren es bis dahin v. a. farbige Zeichnungen und Aquarelle, setzte sie nun verstärkt die Techniken der Radierung und der Lithographie ein und begann Ölbilder zu malen. Auch die Inhalte änderten sich. Sie porträtierte nun fast ausschließlich Frauen (Lesben, Prostituierte, Frauen im Zuchthaus oder in Nervenheilanstalten) und zeichnete an Orten der Zerstreuung wie in Nachtlokalen, Revuetheatern und im Zirkus und wurde damit als offen queere Person zu einer „Reporterin“ des „anderen“ Paris. Enge Freundschaften verbanden sie mit den Schriftstellern Joseph Delteil und Henry de Montherlant. 1928 war Lydis auch wieder in Wien präsent. In der von Hugo Heller[16] gegründeten Buchhandlung Bukum stellte sie Aquarelle und Radierungen aus, v. a. ihren Zyklus Criminelles mit Porträts von Gefängnisinsassinnen;[17] im Folgejahr war sie auf der Jahresausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) vertreten. Außerdem nahm sie regelmäßig an den Schauen der 1931 gegründeten Société des Femmes Artistes Modernes teil, häufig gemeinsam mit Tamara de Lempicka, Suzanne Valadon und Marie Laurencin. 1934 heiratete sie in dritter Ehe den italienischen adeligen Verleger Giuseppe Conte Govone. Für das New Yorker Museum of Modern Art wurde Lydis 1936 als eine von nur drei Frauen für die wegweisende Ausstellung Modern Painters and Sculptors as Illustrators ausgewählt.

Knapp vor Kriegsausbruch reiste sie gemeinsam mit ihrer Freundin, der Verlegerin Erica Marx, im August 1939 ins englische Winchcombe. Im Juli 1940 emigrierte sie nach Buenos Aires und lebte dort bis zu ihrem Tod. Nach 1945 kam sie noch einige Male nach Europa, v. a. bis zum Tod ihres dritten Mannes, der in Paris geblieben war. In Argentinien setzte sie erfolgreich ihre künstlerische Karriere fort, allerdings sind im Spätwerk häufig Arbeiten zu finden, die die Grenze zum Süßlich-Kitschigen überschreiten. Ihr malerisches Werk war eine gelungene Verbindung von Pariser Esprit mit Wiener Charme, wie es ein Kritiker formulierte.[18] Ihre Arbeiten befinden sich u. a. in folgenden Institutionen: Jüdisches Museum Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Albertina, MAK (alle Wien), Museum der bildenden Künste Leipzig, British Museum (London), Bibliothèque nationale de France, Galerie nationale Jeu de Paume (beide Paris), Gallerie degli Uffizi (Florenz), Art Gallery (Manchester), Stedelijk Museum (Amsterdam), Vancouver Art Gallery.

Gemälde

  • Orientalin, 1926 – Jüdisches Museum Wien
  • Verkäuferinnen, 1928
  • Kakteen, 1930 – Jüdisches Museum Wien
  • Schwestern, 1930
  • Selbstporträt, 1931 – Uffizien, Florenz
  • Les Nuages, 1934
  • Music-Hall, 1937
  • La partie de Dames, 1937
  • From Malice and Hatred, 1940
  • Nachlass: Museo Sívori, Buenos Aires

Wohnorte in Paris

  • ab 1928: 125 Avenue de Versailles
  • ab 1932: 178 Quai d’Auteil (heute Quai Louis Blériot)
  • ab 1936: 55 Rue Boileau

Illustrierte Werke bis 1939

  • Béla Balázs: Der Mantel der Träume. München: D. &R. Bischoff 1922.
  • Persische Miniaturen. Potsdam: Müller & Co 1924.
  • 42 Miniaturen zum Koran. Berlin: Brandus 1924.
  • Le Coran. Paris: Soc. du livre d‘art moderne et ancien 1924.
  • Orientalisches Traumbuch. Potsdam: Müller & Co 1925.
  • Albert Adès et Albert Josipovici: Le Livre de Goha le Simple. Paris: La Connaissance 1926.
  • Henry de Montherlant: Lettre sur le serviteur châtié. Paris: Cahiers Libres 1927 – 5 Illustrationen.
  • Criminelles. Paris: Chez l’auteur 1927 – 24 Radierungen.
  • A. de Richaud: Vie de Saint Delteil. Paris: La Nouvelle société d’édition 1927 – Frontispiz.
  • Joseph Delteil: Le Petit Jésus. Paris: Ed. Delta 1928 – 5 Radierungen.
  • Baudelaire: Les Fleurs du Mal. Paris: Govone 1928 – 10 Radierungen.
  • Jane Régny: Le Zodiaque. Paris: Govone 1928.
  • Armand Godoy: Le Colloque de la joie. Paris: Émile Paul 1928.
  • Edgar Allan Poe: Le Corbeau. Paris: Émile-Paul Frères 1928 – Frontispiz.
  • Lucian: Dialogues des courtisanes. Paris: Govone 1929 – 12 Lithografien.
  • D'Ariane à Zoé. Alphabet galant et sentimental. Paris: Librairie de France 1930 – 25 Lithografien.
  • Henry de Montherlant: Le Chant des Amazones. Paris: Govone 1931 – 8 Lithografien.
  • Ovide: L’Art d’aimer. Paris: Govone 1931 – 14 Lithografien.
  • Piere Louÿs: Contes et romans (7 Bände). Paris: Union Lat. d’Éditions 1933.
  • Sappho. Paris: Édition privée 1933 – 15 Radierungen.
  • Le livre de Marco Polo. Paris: Les Cent Une 1933 – 8 Radierungen.
  • La Vie de Sainte Thaïs. Vallée aux Loups: M. Darantière 1933 – 1 Radierung.
  • Armand Godoy: Les Litanies de la vierge. Paris: Blaizot 1933 – 48 Lithografien.
  • The Greek Portrait. London: Nonesuch Press 1934 – 3 Illustrationen.
  • Contes de Boccace (3 Bände). Paris: Le Vasseur & Cie 1935.
  • Burnat-Provins: Le Livre pour toi. Paris: Cent Femmes Amies du Livre 1935 – Radierungen.
  • Baudelaire: Les Fleurs du mal. Paris: Govone 1935 – 33 Illustrationen.
  • André Lichtenberger: Angomar et Priscilla. Paris: Calmann-Lévy 1935.
  • Ronsard: Une Jeune pucelette. Paris: Les Indifférents 1936 – 2 Radierungen.
  • Mariette Lydis: Le Trèfle à quatre feuilles ou La Clef du bonheur. Paris: Govone 1936 – 16 Lithografien.
  • André Demaison: Bêtes sur la terre et dans le ciel. Paris: Calmann-Lévy 1936.
  • John Gay: The Beggar’s Opera. New York: Limited Editions Club 1937 – 15 Lithografien.
  • Henry de Montherlant: Pitié pour les femmes. Paris: Grasset 1937 – 5 Lithografien.
  • Henry de Montherlant: Les Jeunes filles. Paris: Govone 1938 – 12 Lithografien.
  • Colette: Claudine à l’école ; Claudine à Paris ; Claudine en ménage ; Claudine s’en va (4 Bände). Paris: Éditions de Cluny 1939.
  • Molière: Le Tartuffe. Paris: Govone 1939 – 7 Radierungen.

Quellen und externe Links

Bibliografie

  • Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Band 86, 2015, S. 56.
  • Ankwicz-Kleehoven, Hans: Mariette Lydis, in: Die Graphischen Künste 55, 1931, S. 65–68.
  • A. W. [André Warnod?]: L’Exposition Mariette Lydis. In: Comoedia, 9.6.1926, S. 3.
  • Barotte, René: Une exposition aux Champs-Élysées de l’artiste Mariette Lydis. In: Le Matin, 7.4.1937.
  • Beucler, André: De nouvelles illustrations pour les „Fleurs du Mal“. In: Arts et métiers graphiques, Mai 1932, S. 38f.
  • Birnbaum, Paula J.: Women Artists in Interwar France. Framing Femininities, Ashgate 2011, S. 208ff.
  • Born, Wolfgang: Mariette Lydis. Eine Wiener Malerin in Paris. In: Die Bühne 6, 1929, H. 264, S. 17, 48.
  • Cordelier, Susanne: Dessins récents et quelques peintures de Mariette Lydis. In: L’Essor féminin, 14.7.1935, o.S.
  • Correa, Jorge Luis: En busca de Mariette Lydis. Buenos Aires: Ministerio de Cultura del Gobierno de la Ciudad Autónoma 2019.
  • Delteil, Joseph: Peinture sur Seine. In: La Fronde, März 1927.
  • Dessauer, Walter: Kunstausstellung Mariette Lydis. In: Neue Freie Presse, 7.5.1928, S. 6.
  • Handloser, E.: Pariser Plaudereien. Besuch bei Mariette Lydis. In: Philobiblon 9, 1936, S. 30–34.
  • Hofmann, Else: Von der XV. Jahresausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs. In: Die Österreicherin, Nr. 8, 1929, S. 4f.
  • Janstein, Elisabeth: Mariette Lydis. Die Malerin der Frauen. In: Das Leben, August 1932, Nr. 2, S. 69–72.
  • La Tour, M.: L’Exposition de Mariette Lydis. In: L’Esprit français. Hebdomadaire littéraire et artistique, 10.1.1931, S. 306–308.
  • Lissim, Simon: Les lithographies de Mariette Lydis. In: Mobilier & décoration, 1932, S. 121–125.
  • Lydis, Mariette: Mes modèles. In: Allo Paris, Februar 1934, Nr. 9.
  • Mariette Lydis. 55 illustrations. Texte par Henry de Montherlant, Paris : Éditions des Artistes d'aujourd'hui 1938.
  • Mariette Lydis. Avec une introduction de l’artiste, Buenos Aires : Viau 1945.
  • Maryška, Christian: Mon travail est mon refuge. Die Malerin und Buchillustratorin Mariette Lydis - eine Unbekannte. In: Die bessere Hälfte – Jüdische Künstlerinnen bis 1938, ed. Andrea Winklbauer – Sabine Fellner, Wien: Metroverlag 2016, S. 170ff. (Kat.).
  • Maryška, Christian: Mariette Lydis. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 2017.
    https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_L/Lydis_Mariette_1887_1970.xml;internal&action=hilite.action&Parameter=lydis
  • Montherlant, Henry de: Mariette Lydis. In: Arts et métiers graphiques, H. 20, 15.11.1930, S. 81–88.
  • NN: Mariette Lydis. In: Journal de la femme, 29.12.1934, o.S.
  • Paris, Gaston: Les maîtres du dessin chez eux. Mariette Lydis. In: La Rampe, 1932.
  • Plakolm-Forsthuber, Sabine: Künstlerinnen in Österreich 1897–1938, Wien 1994, S. 178ff.
  • Rambosson, Yvanhoé: La plaisante aventure de la „peinture au lait“. In: Comoedia, 28.3.1927.
  • Rambosson, Yvanhoé: Mariette Lydis. In: Mobilier & décoration, 1931, S. 153–158.
  • Sikorska, Andrés: Les criminelles et les saintes de Mariette Lydis. In: Le Temps, 30.1.1934, S. 5.
  • Vollmer, Hans (Hg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts, Band 3, 1956, S. 278.

Autor

Christian Maryška

Onlinestellung: 27/01/2026