Richard Thieberger: Unterschied zwischen den Versionen
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Während seiner gesamten erfolgreichen Laufbahn als Diplomat und Wissenschaftler spielt Richard Thieberger eine führende Rolle bei der Verbreitung der österreichischen Literatur und Kultur in Frankreich. Zunächst durch seine Tätigkeit als Theaterübersetzer, insbesondere von drei Stücken von Fritz Hochwälder: ''Das heilige Experiment'' (''Sur la terre comme au ciel'')<ref>Hochwälder 1952</ref>, ''Der öffentliche Ankläger'' (''L’Accusateur public'')<ref>Hochwälder 1965</ref> und ''Donadieu. Die Herberge'' (''Donadieu ou La Grâce d’Alès'')<ref>Hochwälder 1982</ref> sowie von ''Die Geburt Homers'' (''La Naissance d’Homère'')<ref>Jellinek 1963</ref> von Oskar Jellinek, einem in Brünn (Tschechoslowakei) geborenen österreichischen jüdischen Schriftsteller – zwei Autoren, mit denen er befreundet ist und denen er auch mehrere kritische Studien widmen sollte. Dann durch seine Rolle bei der Institutionalisierung der Österreichstudien in Frankreich. Als früher Weggefährte von [[Felix Kreissler]] ist er ab 1973 an der Gründung des Centre d’études et de recherches autrichiennes (CERA) der Universität Rouen beteiligt, später am Redaktionskomitee der Zeitschrift ''[[Austriaca]]'', deren Gründungsmitglied er 1975 ist. Thieberger verdanken wir neben zahlreichen Kolumnen und Rezensionen zu Werken der österreichischen Literatur und Kultur in den Spalten der Zeitschrift auch die Herausgabe von zwei Themenheften, eines zum Thema „Der Roman im 20. Jahrhundert. Traditionen und Übergänge“ (1977)<ref>https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1977_num_4_1</ref>, das andere zum Thema „Nach Frankreich emigrierte österreichische Schriftsteller“ (1984)<ref>https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1984_num_19_1</ref>. | Während seiner gesamten erfolgreichen Laufbahn als Diplomat und Wissenschaftler spielt Richard Thieberger eine führende Rolle bei der Verbreitung der österreichischen Literatur und Kultur in Frankreich. Zunächst durch seine Tätigkeit als Theaterübersetzer, insbesondere von drei Stücken von Fritz Hochwälder: ''Das heilige Experiment'' (''Sur la terre comme au ciel'')<ref>Hochwälder 1952</ref>, ''Der öffentliche Ankläger'' (''L’Accusateur public'')<ref>Hochwälder 1965</ref> und ''Donadieu. Die Herberge'' (''Donadieu ou La Grâce d’Alès'')<ref>Hochwälder 1982</ref> sowie von ''Die Geburt Homers'' (''La Naissance d’Homère'')<ref>Jellinek 1963</ref> von Oskar Jellinek, einem in Brünn (Tschechoslowakei) geborenen österreichischen jüdischen Schriftsteller – zwei Autoren, mit denen er befreundet ist und denen er auch mehrere kritische Studien widmen sollte. Dann durch seine Rolle bei der Institutionalisierung der Österreichstudien in Frankreich. Als früher Weggefährte von [[Felix Kreissler]] ist er ab 1973 an der Gründung des Centre d’études et de recherches autrichiennes (CERA) der Universität Rouen beteiligt, später am Redaktionskomitee der Zeitschrift ''[[Austriaca]]'', deren Gründungsmitglied er 1975 ist. Thieberger verdanken wir neben zahlreichen Kolumnen und Rezensionen zu Werken der österreichischen Literatur und Kultur in den Spalten der Zeitschrift auch die Herausgabe von zwei Themenheften, eines zum Thema „Der Roman im 20. Jahrhundert. Traditionen und Übergänge“ (1977)<ref>https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1977_num_4_1</ref>, das andere zum Thema „Nach Frankreich emigrierte österreichische Schriftsteller“ (1984)<ref>https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1984_num_19_1</ref>. | ||
An der Universität Nizza trägt er als Direktor des Instituts für Deutsche und Österreichische Studien sowie des Zentrums für Österreichische Forschung der Universität Nizza (C.R.A.N.), gemeinsam mit einer anderen Österreich-Germanistin, Gertrude Stolwitzer, zur Strukturierung des Fachgebiets ,Austriazistik’ in Frankreich bei. In Nizza veranstaltet Thieberger im April 1979 eine große internationale Tagung zu [[Hermann Broch]], deren Tagungsband er im folgenden Jahr herausgibt.<ref>Thieberger 1980</ref> Schließlich ist er Autor einer Vielzahl kritischer Studien, die in renommierten Zeitschriften veröffentlicht werden und sich mit österreichischen Autoren wie [[Franz Grillparzer|Grillparzer]], [[Hugo von Hofmannsthal|Hofmannsthal]], [[Arthur Schnitzler|Schnitzler]], [[Hermann Broch|Broch]], [[Franz Kafka|Kafka]], [[Stefan Zweig|Zweig]] und Urzidil<ref>Thieberger 1982</ref> befassen – ein Engagement, das ihn ganz natürlich dazu veranlasste, sich mit der Definition der österreichischen Literatur und ihren Besonderheiten auseinanderzusetzen<ref>Thieberger 1984</ref> | An der Universität Nizza trägt er als Direktor des Instituts für Deutsche und Österreichische Studien sowie des Zentrums für Österreichische Forschung der Universität Nizza (C.R.A.N.), gemeinsam mit einer anderen Österreich-Germanistin, Gertrude Stolwitzer, zur Strukturierung des Fachgebiets ,Austriazistik’ in Frankreich bei. In Nizza veranstaltet Thieberger im April 1979 eine große internationale Tagung zu [[Hermann Broch]], deren Tagungsband er im folgenden Jahr herausgibt.<ref>Thieberger 1980</ref> Schließlich ist er Autor einer Vielzahl kritischer Studien, die in renommierten Zeitschriften veröffentlicht werden und sich mit österreichischen Autoren wie [[Franz Grillparzer|Grillparzer]], [[Hugo von Hofmannsthal|Hofmannsthal]], [[Arthur Schnitzler|Schnitzler]], [[Hermann Broch|Broch]], [[Franz Kafka|Kafka]], [[Stefan Zweig|Zweig]] und Urzidil<ref>Thieberger 1982</ref> befassen – ein Engagement, das ihn ganz natürlich dazu veranlasste, sich mit der Definition der österreichischen Literatur und ihren Besonderheiten auseinanderzusetzen.<ref>Thieberger 1984</ref> Diese Frage durchzieht sein gesamtes kritisches Werk, was auch seine 1968 an der Sorbonne verteidigte Habilitationsschrift über das Genre der Novelle bestätigt. Diese befasst sich zwar unter anderem mit Goethe, Kleist und Thomas Mann, räumt aber auch [[Robert Musil]], Franz Kafka und Oskar Jellinek einen besonderen Stellenwert ein.<ref>Le genre de la nouvelle dans la littérature allemande, par Richard Thieberger. Paris: Minard (Publications de la Faculté des lettres et sciences humaines de Nice; 2) 1969</ref> | ||
==Verbreitung der französischen Literatur im deutschsprachigen Raum== | ==Verbreitung der französischen Literatur im deutschsprachigen Raum== | ||
Aktuelle Version vom 9. April 2026, 10:37 Uhr
Richard Thieberger (* 3. März 1913 in Wien, † 16. Juni 2013 in Nizza) ist ein Wissenschaftler österreichischer Herkunft, der 1938 die französische Staatsbürgerschaft annahm. Seine doppelte Ausbildung als Germanist und Romanist sowie die historischen Umstände, die ihn dazu zwangen, vor dem Nationalsozialismus nach Frankreich ins Exil zu gehen, machten ihn zu einer zentralen Figur im kulturellen Austausch zwischen Frankreich, Deutschland und Österreich und zu einem unermüdlichen Förderer der österreichischen Kultur und Literatur in Frankreich – sowohl durch sein institutionelles Engagement, als auch durch sein kritisches und übersetzerisches Werk.
Biografie
Richard Thieberger besuchte das Reform-Real-Gymnasium in Wien, bevor er an der Universität ein dreifaches Studium der Germanistik, Romanistik und Psychologie absolvierte, unter anderem bei Karl Bühler (1879–1963), dem berühmten Sprachtheoretiker. Die Vielfalt seiner Interessen sollte sich in den zahlreichen Tätigkeitsbereichen widerspiegeln, die seine reichhaltige akademische Laufbahn prägen. 1935 verteidigt er an der Universität Wien eine Dissertation über die Gattung Hörspiel. Schon in jungen Jahren lernt er Oskar Jellinek kennen, einen in Brünn (Tschechoslowakei) geborenen österreichischen jüdischen Schriftsteller, dessen Werk er in Frankreich durch kritische Studien und Übersetzungen bekannt macht. Richard Thieberger zeigt schon sehr früh Interesse an Sprache und theoretischen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Erlernen von Fremdsprachen im Hochschulbereich,[1] mit Theater und mit Literatur – drei Bereiche, die sowohl im Mittelpunkt seiner Lehr- als auch seiner Forschungstätigkeit stehen sollten.
Im Herbst 1934 kommt er im Rahmen eines französisch-österreichischen Austauschprogramms mit seiner Frau Jenny, geborene Weiss, nach Paris und erhält eine Stelle als Deutschassistent am Lycée de garçons in Reims. Von 1936 bis 1939 ist er Dozent an der Universität Caen. Nach dem Anschluss beantragen Jenny und Richard Thieberger die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen im Dezember 1938 gewährt wird.[2] Ihre erste Tochter, Annie Eveline, wird 1939 geboren. Aufgrund seiner Einbürgerung wird er ab September 1939 zum Militärdienst in der französischen Armee einberufen. Seine Frau Jenny und ihre Tochter fliehen aus Caen. Nach zwei Jahren im Militärdienst (1939–1940) kehrt er zu seiner Familie in die freie Zone nach Poitiers zurück, wo er im August 1940 aus dem Dienst entlassen wird. Von Dezember 1940 bis März 1944 ist Thieberger Lektor für Deutsch an der Universität Toulouse, einer Stadt, in der seine Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den deutschen Besatzern und dem Vichy-Regime bedroht ist. Dank des Mutes mehrerer Menschen und nach einer Reihe abenteuerlicher Ereignisse entgeht die Familie Thieberger nur knapp der Verhaftung. Am 3. März 1944, dem Tag seines einunddreißigsten Geburtstags, dringt die Gestapo in das Gebäude ein, in dem die Thiebergers in Toulouse wohnen, und klopft an die Tür von Dr. Diego Diaz, ihrem Nachbarn, einem spanischen Flüchtling, der im Widerstand aktiv ist. Dieser tut so, als verstehe er nichts, und nutzt dann den Moment, in dem die Beamten die Hausmeisterin befragen, um hinaufzugehen und Jenny Thieberger zu warnen, die mit ihren Kindern allein zurückgeblieben ist. Auf seinen Rat hin versteckt sie sich in einer Mansarde im fünften Stock. Als die Gestapo zurückkehrt und die Wohnung der Thiebergers durchsucht, während sie Diego Diaz mit einem Gewehr bedroht, ist diese leer . Die Kinder werden daraufhin zu ihrer eigenen Sicherheit getrennt: Die kleine Jacqueline, 1944 in Toulouse geboren und somit noch ein Säugling, wird Carmen Diaz anvertraut, während Annie auf Wunsch von Diego Diaz[3] von Jean Boyer[4], einem Deutschprofessor an der Universität Toulouse, und seiner Frau Louise aufgenommen wird. Jenny Thieberger gelingt es, ihren Mann zu warnen, bevor er nach Hause zurückkommt. Am selben Tag nehmen Louise und Jean Boyer Kontakt zu Erzbischof Jules Saliège von Toulouse auf, der in enger Zusammenarbeit mit dem Rektor des Katholischen Instituts von Toulouse, Mgr. de Solages, für die Familie Thieberger bis zum Abzug der deutschen Truppen im August 1944 Verstecke findet.
Nach der Befreiung Frankreichs kehrt Richard Thieberger nach Toulouse zurück, wo er seine Stelle als Dozent an der Universität wieder aufnimmt. Dort ist er auch aktiv an der Gründung der ,Abenduniversität’ beteiligt, einer Initiative, die darauf abzielte, den Zugang zu Kultur und Hochschulbildung zu erweitern; in dieser neuen Einrichtung leitet er die Abteilung für ausländische Kulturen.
Ab August 1945 tritt Thieberger in den Dienst der französischen Kulturarbeit in Deutschland, zunächst in Freudenstadt, wo er für die Aufsicht über das öffentliche Bildungswesen in Württemberg zuständig ist, dann in Tübingen, wo er bis 1952 als Kulturoffizier tätig ist. Nach dem Erwerb der Agrégation für Deutsch im Jahr 1951 wird er an die französische Botschaft in Mainz versetzt und bekleidet dort bis 1958 das Amt des Leiters des Büros für Verlagswesen und Literatur. Anschließend lehrt er (1958–1964) am Institut für Dolmetschen in Germersheim, das der Universität Mainz angegliedert ist, wo er für den Unterricht in französischer Landeskunde sowie für den Bereich des Simultan- und Konsekutivdolmetschens verantwortlich ist.
Nach einem Jahr als Deutschlehrer am Lycée Fustel de Coulanges in Straßburg (1964–1965) wird Thieberger Maître-assistant am Institut für Germanistik der Universität Straßburg, bevor er 1967 an die Universität Nizza wechselt, zunächst als Lehrbeauftragter, dann ab 1970 bis zu seiner Emeritierung 1982 als Universitätsprofessor.
Kulturelle Vermittlung zwischen Frankreich und Österreich
Während seiner gesamten erfolgreichen Laufbahn als Diplomat und Wissenschaftler spielt Richard Thieberger eine führende Rolle bei der Verbreitung der österreichischen Literatur und Kultur in Frankreich. Zunächst durch seine Tätigkeit als Theaterübersetzer, insbesondere von drei Stücken von Fritz Hochwälder: Das heilige Experiment (Sur la terre comme au ciel)[5], Der öffentliche Ankläger (L’Accusateur public)[6] und Donadieu. Die Herberge (Donadieu ou La Grâce d’Alès)[7] sowie von Die Geburt Homers (La Naissance d’Homère)[8] von Oskar Jellinek, einem in Brünn (Tschechoslowakei) geborenen österreichischen jüdischen Schriftsteller – zwei Autoren, mit denen er befreundet ist und denen er auch mehrere kritische Studien widmen sollte. Dann durch seine Rolle bei der Institutionalisierung der Österreichstudien in Frankreich. Als früher Weggefährte von Felix Kreissler ist er ab 1973 an der Gründung des Centre d’études et de recherches autrichiennes (CERA) der Universität Rouen beteiligt, später am Redaktionskomitee der Zeitschrift Austriaca, deren Gründungsmitglied er 1975 ist. Thieberger verdanken wir neben zahlreichen Kolumnen und Rezensionen zu Werken der österreichischen Literatur und Kultur in den Spalten der Zeitschrift auch die Herausgabe von zwei Themenheften, eines zum Thema „Der Roman im 20. Jahrhundert. Traditionen und Übergänge“ (1977)[9], das andere zum Thema „Nach Frankreich emigrierte österreichische Schriftsteller“ (1984)[10].
An der Universität Nizza trägt er als Direktor des Instituts für Deutsche und Österreichische Studien sowie des Zentrums für Österreichische Forschung der Universität Nizza (C.R.A.N.), gemeinsam mit einer anderen Österreich-Germanistin, Gertrude Stolwitzer, zur Strukturierung des Fachgebiets ,Austriazistik’ in Frankreich bei. In Nizza veranstaltet Thieberger im April 1979 eine große internationale Tagung zu Hermann Broch, deren Tagungsband er im folgenden Jahr herausgibt.[11] Schließlich ist er Autor einer Vielzahl kritischer Studien, die in renommierten Zeitschriften veröffentlicht werden und sich mit österreichischen Autoren wie Grillparzer, Hofmannsthal, Schnitzler, Broch, Kafka, Zweig und Urzidil[12] befassen – ein Engagement, das ihn ganz natürlich dazu veranlasste, sich mit der Definition der österreichischen Literatur und ihren Besonderheiten auseinanderzusetzen.[13] Diese Frage durchzieht sein gesamtes kritisches Werk, was auch seine 1968 an der Sorbonne verteidigte Habilitationsschrift über das Genre der Novelle bestätigt. Diese befasst sich zwar unter anderem mit Goethe, Kleist und Thomas Mann, räumt aber auch Robert Musil, Franz Kafka und Oskar Jellinek einen besonderen Stellenwert ein.[14]
Verbreitung der französischen Literatur im deutschsprachigen Raum
Neben seiner Tätigkeit als Germanist hat sich Thieberger unermüdlich dafür eingesetzt, die französische Literatur im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen. Auch in diesem Bereich verfolgen seine Forschungen einen entschieden komparatistischen Ansatz, der sich auf die Textanalyse und die Rezeptionspsychologie, die Übersetzungswissenschaft (insbesondere im Bereich des Theaters), die Stilistik und die Funktion der literarischen Sprache konzentriert. So hat er eine zusammenfassende Einführung in das Werk von Albert Camus[15] auf Deutsch vorgelegt sowie in Mitherausgabe zwei Ausgaben der Zeitschrift La revue des lettres modernes mit dem Titel Configuration critique d’Albert Camus, deren zweiter Teil dem Thema „Camus angesichts der deutschsprachigen Kritik“[16] gewidmet war.
Das breite Spektrum seiner Forschungsinteressen veranlasste ihn auch, seine theoretischen Überlegungen zur Stellung der Stilistik als junge Disziplin innerhalb der Sprach- und Literaturwissenschaft zu systematisieren. In diesem Bereich stützen sich seine Ansätze sowohl auf Camus’ La Peste, als auch auf die Lyrik von Paul Valéry, Balzacs Comédie humaine oder den Nouveau roman, wie beispielsweise Les Gommes von Alain Robbe-Grillet.[17] Giraudoux, Sartre, Anouilh und Beckett sind die weiteren bedeutenden Persönlichkeiten der französischsprachigen Literatur, zu denen ihn seine hervorragende Kenntnis des Theaters und sein lebhaftes Interesse an der Bühne führten. Auch seine Studien zur Rezeption der französischen Literatur widmen sich zum großen Teil der Stilistik, der Übersetzung und der Werkrezeption, und zwar aus einer komparatistischen Perspektive, die von der Sprachtheorie seines Mentors Bühler inspiriert ist, in der dieser die „repräsentative Funktion der Sprache“ als „Organon“ entwickelt, das seiner Ansicht nach dem Menschen eigen ist.[18]
Zum Teil auch durch seine Einordnung in diese Wiener Tradition hat Thieberger eine originelle Reflexion über die Rolle des Stils und über die spezifischen Schwierigkeiten der Übersetzung entwickelt, insbesondere der Theaterübersetzung, die sowohl als sprachlicher als auch als kultureller Anpassungsprozess betrachtet wird.[19] Seine Erfahrung als Übersetzer österreichischer Theaterstücke nährt eine pragmatische Reflexion über die Grenzen der sprachlichen und kulturellen Übertragung, insbesondere was die Sprachebenen und die Suche nach geeigneten Lösungen anbelangt, um die Eigenschaften, die die Oralität des Textes ausmachen, im übersetzten Text beizubehalten. Getreu seiner Rolle als Vermittler zwischen Sprachen und Kulturen nimmt Thieberger auch hier fast immer einen vergleichenden Standpunkt ein, der sich auf seine perfekte Kenntnis der Wiener Theatertradition und der französischen Literatur stützt. Der Kern seines Standpunkts lässt sich in folgenden Worten zusammenfassen: „Ein Boulevardstück ins Deutsche zu übersetzen ist eine unlösbare Aufgabe. Die Ebene des ,Boulevard’-Stils ist wegen der dominanten Stellung von Paris nationalisiert, zentralisiert und einzigartig in Frankreich. Vielleicht spielte Wien in der alten österreichisch-ungarischen Monarchie eine ähnliche Rolle. Aber für sämtliche deutschsprachigen Länder kann im 20. Jahrhundert keine Metropole ein solches Übergewicht für sich beanspruchen. Daher gibt es auf der ,Boulevard’-Ebene keine gemeinsame Sprache. Sobald man unter einen bestimmten literarischen Stil fällt, muss man den Kontakt zu einer bestimmten Region oder Stadt suchen.“[20]
Durch die zahlreichen Facetten seiner Arbeit erscheint Richard Thieberger daher als eine wichtige und originelle Persönlichkeit der Vermittlung zwischen der französischen und österreichischen Kultur, die nachhaltig zum Austausch von Werken, Ideen und Methoden zwischen diesen beiden Räumen beigetragen hat.
Quellen und externe Links
- ↑ Thieberger 1979
- ↑ Nivelle 1982: 9
- ↑ http://www.ajpn.org/juste-Diego-Diaz-3838.html
- ↑ http://www.ajpn.org/juste-Boyer-Jean-3836.html
- ↑ Hochwälder 1952
- ↑ Hochwälder 1965
- ↑ Hochwälder 1982
- ↑ Jellinek 1963
- ↑ https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1977_num_4_1
- ↑ https://www.persee.fr/issue/austr_0396-4590_1984_num_19_1
- ↑ Thieberger 1980
- ↑ Thieberger 1982
- ↑ Thieberger 1984
- ↑ Le genre de la nouvelle dans la littérature allemande, par Richard Thieberger. Paris: Minard (Publications de la Faculté des lettres et sciences humaines de Nice; 2) 1969
- ↑ Thieberger 1961
- ↑ Thieberger/Matthews 1963
- ↑ Thieberger 1966
- ↑ Bühler 1934
- ↑ Thieberger 1991 https://www.persee.fr/doc/cetge_0751-4239_1991_num_20_1_1139
- ↑ Thieberger 1972: 79
Bibliografie
Primärliteratur
- Bühler, Karl: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. [Das Organon-Modell]. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1934.
- Thieberger, Richard: Albert Camus. Eine Einführung in sein dichterisches Werk. Frankfurt/M., Bonn: Verlag Moritz Diesterweg 1961.
- Thieberger Richard/Matthews J.H. (Hrsg.): Configuration critique d’Albert Camus, Bd. 2, Camus devant la critique de langue allemande. Paris: Minard, La Revue des lettres modernes 7 (1963).
- Thieberger, Richard: À propos des stylistiques. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur, Bd. 76, H. 2/4 (1966), S. 246–263 ; https://www.jstor.org/stable/40616148
- Thieberger, Richard: Kafka, Camus et la sémantique historique : Réflexions méthodologiques sur la recherche littéraire. In: Comparative literature studies (Urbana, University of Maryland), 1967-01, Bd. 4 (3), S. 319–326.
- Thieberger, Richard: La traduction. In: Langages 28 (Dezember 1972), S. 75–84.
- Thieberger, Richard (Hrsg.): Les langues vivantes dans l’enseignement supérieur : études didactiques. Paris: Les Belles Lettres (Annales de la Faculté des lettres et sciences humaines de Nice, 36) 1979.
- Thieberger, Richard (Hrsg.): Hermann Broch und seine Zeit. Akten des Internationalen Broch-Symposiums Nice. Bern u.a.: Peter Lang (Jahrbuch für internationale Germanistik. Reihe A, Kongressberichte; 6) 1980.
- Thieberger, Richard: Gedanken über Dichter und Dichtungen. Les textes et les auteurs. 50 années de réflexion sur la littérature. Hrsg. von Alain Faure, Yvon Flesch und Armand Nivelle. Bern u.a.: Peter Lang 1982.
- Thieberger, Richard: Überlegungen zum Begriff des ‚österreichischen Dichters‘. In: Modern Austrian Literature, Bd. 17, Nr. 3/4, Special Issue: Perspectives on the Question of Austrian Literature (1984), S. 17–27. https://www.jstor.org/stable/24647314
- Thieberger, Richard: L’écrit et l’oral. Réflexions sur la langue au théâtre. In: Cahiers d’études germaniques 1991, Bd. 20 (1), S. 49–53.
https://www.persee.fr/doc/cetge_0751-4239_1991_num_20_1_1139
Sekundärliteratur
- Nivelle, Armand: À propos de Richard Thieberger. In: Gedanken über Dichter und Dichtungen. Les textes et les auteurs. 50 années de réflexion sur la littérature. Hrsg. von Alain Faure, Yvon Flesch und Armand Nivelle. Bern u.a.: Peter Lang 1982, S. 9–12.
Übersetzungen
- Hochwälder, Fritz: Donadieu, suivi de L’Accusateur public, trad. par Richard Thieberger. Paris: La table Ronde 1955.
- Hochwälder, Fritz : Sur la terre comme au ciel, trad. par Richard Thieberger. Paris: La Table ronde 1952; Paris: Seuil 1964.
- Hochwälder, Fritz: L’Accusateur public, trad. par Richard Thieberger. Paris: L’Avant-Scène 1965.
- Hochwälder, Fritz: Donadieu ou La Grâce d’Alès, suivi de L’Auberge Donadieu, trad. par Richard Thieberger. Rouen: Publications de l’université de Rouen 1982.
- Jellinek, Oskar: La Naissance d’Homère, trad. par Richard Rhieberger. Paris: M. J. Minard 1963.
Autor
Jacques Lajarrige
Übersetzung: Marc Lacheny
Onlinestellung: 09/04/2026
