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Olivier Mannoni (geb. am 14.09.1960 in Tours) genießt als Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische hohe Anerkennung. Er hat insbesondere Texte von [[Manès Sperber]], [[Sigmund Freud]] und [[Stefan Zweig]] übertragen, sowie Werke zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren und  zahlreiche den Nationalsozialismus betreffende Texte.


==Biografie==
Sein Vater war Deutschlehrer, seine Mutter (Nicole Casanova) ist als Germanistin, Übersetzerin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin bekannt. Der Großvater väterlicherseits kam an Bord der 1940 von den Deutschen torpedierten „Meknès“ um, „mehr als einen Monat nach dem Waffenstillstand von Compiègne, als sein nach Frankreich zurückkehrendes, mit allen Lichtern seine friedlichen Absichten signalisierendes Schiff von den Deutschen torpediert und versenkt wurde“<ref>Gespräch mit E. Doerler</ref>. Olivier Mannoni meint, sein Vater hat sein ganzes Leben deutsch gesprochen und Deutsch unterrichtet, Nietzsches Gedichte auswendig gelernt, mit der alleinigen Absicht, das alles zu verstehen, in der Hoffnung, eine Versöhnung herbeizuführen.<ref>Ebd.</ref> Schon mit sechs Jahren erlernt Olivier Mannoni mit einem österreichischen Hauslehrer die deutsche Sprache.<ref>Gespräch J.-C. Perrier</ref> Nach zwei Jahren in den Vorbereitungsklassen des Lycée Henri IV und einem Philologie- und Philosophiestudium an der Universität wird er Journalist und Literaturkritiker.


Seine Übersetzertätigkeit beginnt mit einem dem Leben und dem Werk des Malers George Grosz<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542672.html#ndbcontent</ref> gewidmeten Essay (Maspero, Paris, 1979). Ab 1987 arbeitet er als freiberuflicher Übersetzer für die größten französischen Verlage (Grasset, Gallimard, Fayard, Le Seuil, Payot, Christian Bourgois, [[Robert Calmann-Lévy|Calmann-Lévy]]...). Er erklärt im Nachhinein, dass er erst dank der Anerkennung von Nicole Zand, die in der Tageszeitung ''Le Monde'' einen Artikel über seine Sperber-Übersetzungen publiziert hatte, in „einer anderen Liga“<ref>Gespräch mit E. Doerler</ref> spielen durfte. Er hat außerdem eine Biografie von Manès Sperber verfasst, zwei Texte über Günter Grass<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118541579.html#dbocontent</ref> und einen [[Sigmund Freud|Sigmund Freuds]] Humor gewidmeten Sammelband herausgegeben. Im Verlag Héloïse d’Ormesson hat er ''Traduire Hitler'' (2022, Hitler übersetzen) und ''Coulée brune. Comment le fascisme a inondé notre langue'' (2024, Die braune Flut. Wie der Faschismus unsere Sprache überschwemmt hat) publiziert.
Zwischen 2007 und 2012 ist Olivier Mannoni Präsident der ''Association des traducteurs littéraires de France'' (ATLF, Verein der literarischen Übersetzer Frankreichs), dann wird er mit dem Aufbau der École de traduction littéraire (Schule für literarische Übersetzung) beauftragt, die 2012 vom ''Centre national du livre'' (Nationaler Buchverband) gegründet wurde und seit 2015 von der ''Association nationale pour la formation et le perfectionnement professionnels dans les métiers de l’édition'', ASFORED (Verein zur Aus- und Fortbildung in den Verlagsberufen) getragen wird, die er heute noch leitet. Er hält auch im Rahmen des Masters „Literatur übersetzen“ (I.T.I.R.I., Université de Strasbourg) Vorlesungen über den Beruf des literarischen Übersetzers sowie zahlreiche Vorträge an verschiedenen Universitäten. Erwähnenswert ist auch die Zusammenarbeit mit anderen Übersetzern oder die Überarbeitung von Übersetzungen.
Vorrangig hat er Texte der Philosophen Peter Sloterdijk<ref>https://explore.gnd.network/gnd/118825968</ref> und Byung-Chul Han<ref>https://dai-heidelberg.de/en/events/byung-chul-han-40961/</ref>, eines südkoreanischen in Deutschland lebenden Philosophen, übersetzt, ebenso Werke des aus Galizien stammenden Schriftstellers [[Manès Sperber]] und des zeitgenössischen Schweizer Autors Martin Suter<ref>https://explore.gnd.network/gnd/123543185</ref>. Er übersetzt sowohl große Autoren (Max Frisch, [[Franz Kafka]], Arthur Koestler, Botho Strauß), als auch vergessene Schriftsteller (Ludwig Hohl, Walter Serner), Kriminalromane (Bernhard Schlink), ebenso wie historische Romane für das breite Publikum (Peter Berling). Weiterhin überträgt Mannoni Texte von zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern (Maxim Biller, Sherko Fatah, Maxim Leo, Uwe Tellkamp) beziehungsweise Journalisten (Frank Schirrmacher, Alice Schwarzer). Er hat nicht nur kanonische Denker übersetzt oder neu übersetzt (Theodor Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Max Weber), sondern ist auch ein Vermittler im Bereich von Philosophie, von literarischen, anthropologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Studien, sowie für Werke zu Musik, Film, Malerei und Kunst und für Texte von Kirchenhistorikern. Er hat auch die Autobiografie von Natascha Kampusch übersetzt, ''3096 jours'' (''3096 Tage'').<ref>''3096 Jours'', J.-C. Lattès 2010</ref>
Die größte Herausforderung besteht jedoch in seiner herausragenden Rolle als Interpret und Kritiker der Sprache des NS-Regimes für das französische Publikum, wobei er sich weigert, diese Schriften ohne textkritischen Apparat zu publizieren. Es gelang ihm, eine solide historisch-kritische Ausgabe durchzusetzen.<ref>''Traduire Hitler'', Paris: Héloïse d’Ormesson 2022, S. 11</ref> Ein Viertel seines Werks ist dem Nationalsozialismus gewidmet und er hat zahlreiche Artikel über dieses Thema verfasst. Er hat Werke und Zeugnisse von Opfern (Richard Galzar, Ralph Giordano, Roma Ligocka, [[Moriz Scheyer]]) , aber auch von „Henkern“ (Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Adolf Hitler, Alfred Rosenberg) übersetzt, sowie textanalytische Werke über das III. Reich (Joachim Fest, Guido Knopp, Peter Reichel, Harald Welzer…). Hinzu kommen seine Übersetzungen von zahlreichen historischen Texten, insbesondere für die ''Revue d’histoire de la Shoah''.
Sein erster Kontakt mit der Sprache des Nationalsozialismus erfolgte mit der 1989 veröffentlichten Übersetzung von Benno Müller-Hills<ref>https://explore.gnd.network/gnd/12118286X</ref> Aufsatz ''„Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933–1945“'', und die „Krönung“ seines Wirkens als Experte für diese Sprache, die Victor Klemperer<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd11856319X.html#ndbcontent</ref> (1881-1960), in dessen Fußstapfen er tritt, so präzis untersucht hat, ist seine 2021 bei Fayard erschienene Übersetzung von ''Mein Kampf''. Nach dieser Übersetzung hat er sich in seinem Essay ''Traduire Hitler'' (Hitler übersetzen) zu dieser Erfahrung und deren Nachwirkungen geäußert und generell zu seiner eigenen Entwicklung im Laufe seiner Arbeit. Er erzählt, wie er nach zwei Jahren seine Übersetzung dem Verleger übergeben hat, einen relativ lesbaren, wortgetreuen Text, und wie der neue Publikationsleiter (der Historiker Florent Brayard) verlangte, dass er seine ganze Arbeit „völlig dekonstruiert“ und sie wieder so „rekonstruiert, dass der Text genau so aussieht, […] wie man ihn 1925 lesen konnte: eine Art Brei voller Fehler und Wiederholungen, oft unlesbar, mit abenteuerlicher Syntax und überladen mit sprachlichen Zwangsvorstellungen.“<ref>''Traduire Hitler'', S. 34</ref> Mannoni akzeptiert diese neue Arbeit, es wird „ein Marsch durch einen dunklen Tunnel“<ref>Ebd., S. 35</ref>, der schließlich vier Jahre dauert, bis zu dieser Übersetzung, die in der Einführung zur Edition von 2021 als „sourciste“<ref>S. XXIX</ref> (quellsprachenorientiert) bezeichnet wird.
Auf Österreich bezogen hat er nicht nur Werke von [[Manès Sperber]] übersetzt (bei Odile Jacob, Paris), dem er eine eigene Arbeit gewidmet hat, sondern auch Texte von [[Sigmund Freud]] und [[Stefan Zweig]] übertragen. Zu den zeitgenössischen literarischen Texten österreichischer Autoren, die er übersetzt hat, zählen unter anderem: von Franzobel ''Das Floß  der Medusa'' (2017)  (''À ce point de folie : d’après l’histoire du naufrage du Radeau de la méduse'', 2018) sowie ''Die Eroberung Amerikas'' (2021) (''Toute une expédition : la vie héroïque du conquistador qui rêvait de gloire et de Californie'', 2022), ausserdem ''Herzfleischentartung'' (2001) (''Dégénérescence de la chair du cœur'', 2006) von Ludwig Laher, ''Der Kameramörder'' (2001) (''Le Tueur à la caméra'', 2007) von Thomas Glavinic, ''Ich nannte ihn Krawatte'' (2012) (''La Cravate'', 2013) von Milena Michiko Flašar, ''Die Hauptstadt'' (2017) (''La Capitale'', 2019) von Robert Menasse, ''Am Weltenrand sitzen die Menschen'' (2018) (''Le Grand Rire des hommes assis au bord du monde'', 2021) von Philipp Weiss, ''Das flüssige Land'' (2019) (''Terre liquide'', 2021) von Raphaela Edelbauer, und nicht zu vergessen die Gedichte des  Pianisten Alfred Brendel (1931-2025). Er hat auch Ernst Bruckmüllers ''Sozialgeschichte Österreichs'' (1985) übersetzt (''Histoire sociale de l’Autriche'', 2003).
Die zeitgenössischen österreichischen Texte, die er ins Französische überträgt, beschäftigen sich oft mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, was den persönlichen Interessen des Übersetzers entsprechen mag (seit einigen Jahren steht Olivier Mannoni die Wahl der zu übersetzenden Texte frei), und / oder der Relevanz dieser Vergangenheit für die zeitgenössischen Schriftsteller.
Das Projekt, Freud zu übersetzen, ob kanonische Texte oder den Briefwechsel, zeugt von seiner Freude an der intellektuellen Herausforderung: einen solchen Autor übersetzen bedeutet nämlich die Konfrontation mit grundlegenden Auseinandersetzungen (insbesondere zwischen Freud-Spezialisten und Germanisten) bezüglich einer Terminologie, die in der therapeutischen Praxis angewendet wird und somit kaum veränderbar ist. In dieser Hinsicht besteht die Originalität seines Ansatzes darin, dass er Freud nicht als klinischen Experte übersetzt, sondern als Philosophen und Schriftsteller.<ref>Gespräch mit E. Sandron 2013, S. 54</ref> Am Beispiel des Begriffs „Phantasie“ erklärt er in einem Gespräch, dass Freud ihn in dem Sinne von „phantasieren“ verwendet, aber auch mit der Bedeutung von „imaginär“, sodass „eine Reduzierung des Worts auf eine einzige Bedeutung, oder – noch schlimmer – die Übersetzung mit dem französischen Wort „fantaisie“, weil es unbedingt immer nur ein einziges Wort sein müsse –, auf eine Kastration des Textes und vor allem auf eine Verneinung der literarischen und kreativen Dimension des freudschen Stils hinausläuft.“<ref>Ebd., S. 53</ref>
Von Stefan Zweig hat er zahlreiche Texte übersetzt: ''La Fuite dans l’immortalité'' (''Flucht in die Unsterblichkeit''), ''Le Monde sans sommeil'' (''Die schlaflose Welt''), ''Une histoire au crépuscule'' (''Geschichte in der Dämmerung''), ''Petite nouvelle d’été'' (''Sommernovelette'' – mit Rose Labourie), ''Jeremias'' (''Jérémie'', mit unveröffentlichten Texten aus dem Jahr 1915), ''Adam Lux'', ''Quatre histoires du pays des enfants'' (''Vier Geschichten aus Kinderland''), ''Le Joueur d’échecs'' (''Die Schachnovelle''), ''La Confusion des sentiments'' (''Die Verwirrung der Gefühle'') , ''Amok'' (''Der Amokläufer''), ''La Ruelle au clair de lune'' (''Die Mondscheingasse''), ''Le Wagon plombé'' (''Der versiegelte Zug''), gefolgt von ''Voyage en Russie'' (''Reise nach Russland''), ''Sur Maxime Gorki'' (''Maxim Gorki''), nicht zu vergessen die Baudelaire, Nietzsche, Fouché, Maria Stuart und Marie-Antoinette gewidmeten Biografien. Mannoni präzisiert, dass [[Alzir Hella]], Zweigs Freund und erster Übersetzer, die Texte stark bearbeitet und (literarisch gesehen) verbessert hatte, wohingegen man seit mehreren Jahrzehnten eher dazu tendiert, Zweigs Texte möglichst wortgetreu wiederzugeben, was nicht daran hindert, alles allzu Schwerfällige zu streichen.<ref>Gespräch mit S. Mikleusevic</ref>
Auf das Klischee ''traduttore, tradittore'' (''traducteur, traître'') antwortet Olivier Mannoni ziemlich humorvoll mit ''traduttore trattore'' (''traducteur, tracteur'').<ref>''Revue de la BNF''</ref> Wenn er die eigentliche Arbeit des Übersetzers beschreibt, lautet sein Credo als echter Pädagoge, der er ist, so: „Es ist faszinierend zu sehen, wie der Satz, ob russisch oder englisch, chinesisch, lateinisch, was weiß ich noch, plötzlich im Französischen so klingt, als wäre es die Quellsprache, identisch und doch ganz anders“<ref>Ebd.</ref>, es ist die Lust an der Interpretation und der Wille, die Polysemie und den gesamten Kontext zu berücksichtigen.<ref>Gespräch mit C. Gepner 2019</ref> Unter seiner Feder ist die Kunst des Übersetzens mehr ein Handwerk<ref>''En attendant Nadeau''</ref> als eine Kunst oder eine Wissenschaft.
==Références et liens externes==
<references />
==Bibliografie==
===Auszeichnungen===
*Eugen-Hemlé-Preis 2018 für sein Gesamtwerk
*Charles-Oulmont-Preis 2023 für ''Traduire Hitler''
*Chevalier des Arts et des Lettres 2023
===Monografien von O. Mannoni===
*Coulée brune. Comment le fascisme a envahi notre langue. Paris: Héloïse d’Ormesson 2024.
*Traduire Hitler. Paris: Héloïse d’Ormesson 2022.
*Manès Sperber : l’espoir tragique, préface de Jean Blot. Paris: Albin Michel 2004.
*Günter Grass : l’honneur d’un homme. Paris: Bayard 2000.
*Un écrivain à abattre : l’Allemagne contre Günter Grass. Paris: Ramsay 1996.
===Ausgewählte Aufsätze von O. Mannoni===
*« Un nouveau visage de la haine », La Revue lacanienne 24/1 (2023), S. 151–155.
*« La langue en lambeaux : la pensée totalitaire et la fragmentation du langage », Cités 93/1 (2023), S. 35–44.
*« Les pièges du langage totalitaire : traduire le nazisme », Traduire 240 (2019)<br>http://journals.openedition.org/traduire/1654</br>
*« La force de l’incohérence », Contemporary French and Francophone Studies 21/5: Translating Trump (2017), S. 548–555.
*« Apprendre à creuser », En attendant Nadeau, 25. Juli 2017.<br>https://www.en-attendant-nadeau.fr/2017/07/25/apprendre-creuser-traductologie/</br>
*« Traduttore, trattore », Revue de la BNF 38/2 (2011), S. 40–43.
===Zitierte Werke===
*Schneede, Uwe M., Bussmann, Georg, Schneede-Sczesny, Marina: George Grosz: vie et œuvre, übersetzt von Olivier Mannoni. Paris: Maspero 1979.
*Müller-Hill, Benno: Science nazie, science de mort, übersetzt von Olivier Mannoni. Paris: Odile Jacob 1989.
*Bruckmüller, Ernst: Histoire sociale de l’Autriche, 1985, übersetzt von Olivier Mannoni, Vorwort von Jacques Le Rider. Paris: éditions de la Maison des sciences de l’homme 2003.
*Brayard, Florent, Wirsching, Andreas (Hrsg.): Historiciser le mal. Une édition critique de Mein Kampf. Paris: Fayard 2021.
===Zitierte Interviews===
*Mit Emmanuèle Sandron: « D’une plume vive et claire. Entretien avec Olivier Mannoni », Traduire Freud, Translittérature 45 (2013), S. 49–54.<br>https://www.translitterature.fr/Doc/article_815.pdf</br>
*Mit Corinna Gepner: « Portrait du traducteur en criminologue », Ciclic 2019<br>https://livre.ciclic.fr/vie-du-livre/dossier-28-lumiere-sur-olivier-mannoni-traducteur</br>
*Mit Jean-Claude Perrier: « La confusion actuelle me fait peur », Livres hebdo, 17. Oktober 2022.
*Mit Elsa Doerler: « Olivier Mannoni : traducteur et passeur », Storia Mundi, kein Datum.<br>https://www.storiamundi.com/427/interview-olivier-mannoni</br>
*Mit Sacha Mikleusevic: « Entretien avec Olivier Mannoni, traducteur à l’honneur en 2022 », Festival Traduire le monde vo-vf, kein Datum.<br>https://www.festivalvo-vf.com/entretien-avec-olivier-mannoni-traducteur-a-lhonneur-2022/</br>
==Autor==
Aurélie Barjonet
Übersetzung aus dem Französischen von Hélène Belletto-Sussel
Onlinestellung: 01/06/2026
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Aktuelle Version vom 1. Juni 2026, 13:17 Uhr

Olivier Mannoni (2022)

Olivier Mannoni (geb. am 14.09.1960 in Tours) genießt als Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische hohe Anerkennung. Er hat insbesondere Texte von Manès Sperber, Sigmund Freud und Stefan Zweig übertragen, sowie Werke zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren und zahlreiche den Nationalsozialismus betreffende Texte.

Biografie

Sein Vater war Deutschlehrer, seine Mutter (Nicole Casanova) ist als Germanistin, Übersetzerin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin bekannt. Der Großvater väterlicherseits kam an Bord der 1940 von den Deutschen torpedierten „Meknès“ um, „mehr als einen Monat nach dem Waffenstillstand von Compiègne, als sein nach Frankreich zurückkehrendes, mit allen Lichtern seine friedlichen Absichten signalisierendes Schiff von den Deutschen torpediert und versenkt wurde“[1]. Olivier Mannoni meint, sein Vater hat sein ganzes Leben deutsch gesprochen und Deutsch unterrichtet, Nietzsches Gedichte auswendig gelernt, mit der alleinigen Absicht, das alles zu verstehen, in der Hoffnung, eine Versöhnung herbeizuführen.[2] Schon mit sechs Jahren erlernt Olivier Mannoni mit einem österreichischen Hauslehrer die deutsche Sprache.[3] Nach zwei Jahren in den Vorbereitungsklassen des Lycée Henri IV und einem Philologie- und Philosophiestudium an der Universität wird er Journalist und Literaturkritiker.

Seine Übersetzertätigkeit beginnt mit einem dem Leben und dem Werk des Malers George Grosz[4] gewidmeten Essay (Maspero, Paris, 1979). Ab 1987 arbeitet er als freiberuflicher Übersetzer für die größten französischen Verlage (Grasset, Gallimard, Fayard, Le Seuil, Payot, Christian Bourgois, Calmann-Lévy...). Er erklärt im Nachhinein, dass er erst dank der Anerkennung von Nicole Zand, die in der Tageszeitung Le Monde einen Artikel über seine Sperber-Übersetzungen publiziert hatte, in „einer anderen Liga“[5] spielen durfte. Er hat außerdem eine Biografie von Manès Sperber verfasst, zwei Texte über Günter Grass[6] und einen Sigmund Freuds Humor gewidmeten Sammelband herausgegeben. Im Verlag Héloïse d’Ormesson hat er Traduire Hitler (2022, Hitler übersetzen) und Coulée brune. Comment le fascisme a inondé notre langue (2024, Die braune Flut. Wie der Faschismus unsere Sprache überschwemmt hat) publiziert.

Zwischen 2007 und 2012 ist Olivier Mannoni Präsident der Association des traducteurs littéraires de France (ATLF, Verein der literarischen Übersetzer Frankreichs), dann wird er mit dem Aufbau der École de traduction littéraire (Schule für literarische Übersetzung) beauftragt, die 2012 vom Centre national du livre (Nationaler Buchverband) gegründet wurde und seit 2015 von der Association nationale pour la formation et le perfectionnement professionnels dans les métiers de l’édition, ASFORED (Verein zur Aus- und Fortbildung in den Verlagsberufen) getragen wird, die er heute noch leitet. Er hält auch im Rahmen des Masters „Literatur übersetzen“ (I.T.I.R.I., Université de Strasbourg) Vorlesungen über den Beruf des literarischen Übersetzers sowie zahlreiche Vorträge an verschiedenen Universitäten. Erwähnenswert ist auch die Zusammenarbeit mit anderen Übersetzern oder die Überarbeitung von Übersetzungen.

Vorrangig hat er Texte der Philosophen Peter Sloterdijk[7] und Byung-Chul Han[8], eines südkoreanischen in Deutschland lebenden Philosophen, übersetzt, ebenso Werke des aus Galizien stammenden Schriftstellers Manès Sperber und des zeitgenössischen Schweizer Autors Martin Suter[9]. Er übersetzt sowohl große Autoren (Max Frisch, Franz Kafka, Arthur Koestler, Botho Strauß), als auch vergessene Schriftsteller (Ludwig Hohl, Walter Serner), Kriminalromane (Bernhard Schlink), ebenso wie historische Romane für das breite Publikum (Peter Berling). Weiterhin überträgt Mannoni Texte von zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern (Maxim Biller, Sherko Fatah, Maxim Leo, Uwe Tellkamp) beziehungsweise Journalisten (Frank Schirrmacher, Alice Schwarzer). Er hat nicht nur kanonische Denker übersetzt oder neu übersetzt (Theodor Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Max Weber), sondern ist auch ein Vermittler im Bereich von Philosophie, von literarischen, anthropologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Studien, sowie für Werke zu Musik, Film, Malerei und Kunst und für Texte von Kirchenhistorikern. Er hat auch die Autobiografie von Natascha Kampusch übersetzt, 3096 jours (3096 Tage).[10]

Die größte Herausforderung besteht jedoch in seiner herausragenden Rolle als Interpret und Kritiker der Sprache des NS-Regimes für das französische Publikum, wobei er sich weigert, diese Schriften ohne textkritischen Apparat zu publizieren. Es gelang ihm, eine solide historisch-kritische Ausgabe durchzusetzen.[11] Ein Viertel seines Werks ist dem Nationalsozialismus gewidmet und er hat zahlreiche Artikel über dieses Thema verfasst. Er hat Werke und Zeugnisse von Opfern (Richard Galzar, Ralph Giordano, Roma Ligocka, Moriz Scheyer) , aber auch von „Henkern“ (Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Adolf Hitler, Alfred Rosenberg) übersetzt, sowie textanalytische Werke über das III. Reich (Joachim Fest, Guido Knopp, Peter Reichel, Harald Welzer…). Hinzu kommen seine Übersetzungen von zahlreichen historischen Texten, insbesondere für die Revue d’histoire de la Shoah.

Sein erster Kontakt mit der Sprache des Nationalsozialismus erfolgte mit der 1989 veröffentlichten Übersetzung von Benno Müller-Hills[12] Aufsatz „Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933–1945“, und die „Krönung“ seines Wirkens als Experte für diese Sprache, die Victor Klemperer[13] (1881-1960), in dessen Fußstapfen er tritt, so präzis untersucht hat, ist seine 2021 bei Fayard erschienene Übersetzung von Mein Kampf. Nach dieser Übersetzung hat er sich in seinem Essay Traduire Hitler (Hitler übersetzen) zu dieser Erfahrung und deren Nachwirkungen geäußert und generell zu seiner eigenen Entwicklung im Laufe seiner Arbeit. Er erzählt, wie er nach zwei Jahren seine Übersetzung dem Verleger übergeben hat, einen relativ lesbaren, wortgetreuen Text, und wie der neue Publikationsleiter (der Historiker Florent Brayard) verlangte, dass er seine ganze Arbeit „völlig dekonstruiert“ und sie wieder so „rekonstruiert, dass der Text genau so aussieht, […] wie man ihn 1925 lesen konnte: eine Art Brei voller Fehler und Wiederholungen, oft unlesbar, mit abenteuerlicher Syntax und überladen mit sprachlichen Zwangsvorstellungen.“[14] Mannoni akzeptiert diese neue Arbeit, es wird „ein Marsch durch einen dunklen Tunnel“[15], der schließlich vier Jahre dauert, bis zu dieser Übersetzung, die in der Einführung zur Edition von 2021 als „sourciste“[16] (quellsprachenorientiert) bezeichnet wird.

Auf Österreich bezogen hat er nicht nur Werke von Manès Sperber übersetzt (bei Odile Jacob, Paris), dem er eine eigene Arbeit gewidmet hat, sondern auch Texte von Sigmund Freud und Stefan Zweig übertragen. Zu den zeitgenössischen literarischen Texten österreichischer Autoren, die er übersetzt hat, zählen unter anderem: von Franzobel Das Floß der Medusa (2017) (À ce point de folie : d’après l’histoire du naufrage du Radeau de la méduse, 2018) sowie Die Eroberung Amerikas (2021) (Toute une expédition : la vie héroïque du conquistador qui rêvait de gloire et de Californie, 2022), ausserdem Herzfleischentartung (2001) (Dégénérescence de la chair du cœur, 2006) von Ludwig Laher, Der Kameramörder (2001) (Le Tueur à la caméra, 2007) von Thomas Glavinic, Ich nannte ihn Krawatte (2012) (La Cravate, 2013) von Milena Michiko Flašar, Die Hauptstadt (2017) (La Capitale, 2019) von Robert Menasse, Am Weltenrand sitzen die Menschen (2018) (Le Grand Rire des hommes assis au bord du monde, 2021) von Philipp Weiss, Das flüssige Land (2019) (Terre liquide, 2021) von Raphaela Edelbauer, und nicht zu vergessen die Gedichte des Pianisten Alfred Brendel (1931-2025). Er hat auch Ernst Bruckmüllers Sozialgeschichte Österreichs (1985) übersetzt (Histoire sociale de l’Autriche, 2003).

Die zeitgenössischen österreichischen Texte, die er ins Französische überträgt, beschäftigen sich oft mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, was den persönlichen Interessen des Übersetzers entsprechen mag (seit einigen Jahren steht Olivier Mannoni die Wahl der zu übersetzenden Texte frei), und / oder der Relevanz dieser Vergangenheit für die zeitgenössischen Schriftsteller.

Das Projekt, Freud zu übersetzen, ob kanonische Texte oder den Briefwechsel, zeugt von seiner Freude an der intellektuellen Herausforderung: einen solchen Autor übersetzen bedeutet nämlich die Konfrontation mit grundlegenden Auseinandersetzungen (insbesondere zwischen Freud-Spezialisten und Germanisten) bezüglich einer Terminologie, die in der therapeutischen Praxis angewendet wird und somit kaum veränderbar ist. In dieser Hinsicht besteht die Originalität seines Ansatzes darin, dass er Freud nicht als klinischen Experte übersetzt, sondern als Philosophen und Schriftsteller.[17] Am Beispiel des Begriffs „Phantasie“ erklärt er in einem Gespräch, dass Freud ihn in dem Sinne von „phantasieren“ verwendet, aber auch mit der Bedeutung von „imaginär“, sodass „eine Reduzierung des Worts auf eine einzige Bedeutung, oder – noch schlimmer – die Übersetzung mit dem französischen Wort „fantaisie“, weil es unbedingt immer nur ein einziges Wort sein müsse –, auf eine Kastration des Textes und vor allem auf eine Verneinung der literarischen und kreativen Dimension des freudschen Stils hinausläuft.“[18]

Von Stefan Zweig hat er zahlreiche Texte übersetzt: La Fuite dans l’immortalité (Flucht in die Unsterblichkeit), Le Monde sans sommeil (Die schlaflose Welt), Une histoire au crépuscule (Geschichte in der Dämmerung), Petite nouvelle d’été (Sommernovelette – mit Rose Labourie), Jeremias (Jérémie, mit unveröffentlichten Texten aus dem Jahr 1915), Adam Lux, Quatre histoires du pays des enfants (Vier Geschichten aus Kinderland), Le Joueur d’échecs (Die Schachnovelle), La Confusion des sentiments (Die Verwirrung der Gefühle) , Amok (Der Amokläufer), La Ruelle au clair de lune (Die Mondscheingasse), Le Wagon plombé (Der versiegelte Zug), gefolgt von Voyage en Russie (Reise nach Russland), Sur Maxime Gorki (Maxim Gorki), nicht zu vergessen die Baudelaire, Nietzsche, Fouché, Maria Stuart und Marie-Antoinette gewidmeten Biografien. Mannoni präzisiert, dass Alzir Hella, Zweigs Freund und erster Übersetzer, die Texte stark bearbeitet und (literarisch gesehen) verbessert hatte, wohingegen man seit mehreren Jahrzehnten eher dazu tendiert, Zweigs Texte möglichst wortgetreu wiederzugeben, was nicht daran hindert, alles allzu Schwerfällige zu streichen.[19]

Auf das Klischee traduttore, tradittore (traducteur, traître) antwortet Olivier Mannoni ziemlich humorvoll mit traduttore trattore (traducteur, tracteur).[20] Wenn er die eigentliche Arbeit des Übersetzers beschreibt, lautet sein Credo als echter Pädagoge, der er ist, so: „Es ist faszinierend zu sehen, wie der Satz, ob russisch oder englisch, chinesisch, lateinisch, was weiß ich noch, plötzlich im Französischen so klingt, als wäre es die Quellsprache, identisch und doch ganz anders“[21], es ist die Lust an der Interpretation und der Wille, die Polysemie und den gesamten Kontext zu berücksichtigen.[22] Unter seiner Feder ist die Kunst des Übersetzens mehr ein Handwerk[23] als eine Kunst oder eine Wissenschaft.

Références et liens externes

  1. Gespräch mit E. Doerler
  2. Ebd.
  3. Gespräch J.-C. Perrier
  4. https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542672.html#ndbcontent
  5. Gespräch mit E. Doerler
  6. https://www.deutsche-biographie.de/gnd118541579.html#dbocontent
  7. https://explore.gnd.network/gnd/118825968
  8. https://dai-heidelberg.de/en/events/byung-chul-han-40961/
  9. https://explore.gnd.network/gnd/123543185
  10. 3096 Jours, J.-C. Lattès 2010
  11. Traduire Hitler, Paris: Héloïse d’Ormesson 2022, S. 11
  12. https://explore.gnd.network/gnd/12118286X
  13. https://www.deutsche-biographie.de/gnd11856319X.html#ndbcontent
  14. Traduire Hitler, S. 34
  15. Ebd., S. 35
  16. S. XXIX
  17. Gespräch mit E. Sandron 2013, S. 54
  18. Ebd., S. 53
  19. Gespräch mit S. Mikleusevic
  20. Revue de la BNF
  21. Ebd.
  22. Gespräch mit C. Gepner 2019
  23. En attendant Nadeau

Bibliografie

Auszeichnungen

  • Eugen-Hemlé-Preis 2018 für sein Gesamtwerk
  • Charles-Oulmont-Preis 2023 für Traduire Hitler
  • Chevalier des Arts et des Lettres 2023

Monografien von O. Mannoni

  • Coulée brune. Comment le fascisme a envahi notre langue. Paris: Héloïse d’Ormesson 2024.
  • Traduire Hitler. Paris: Héloïse d’Ormesson 2022.
  • Manès Sperber : l’espoir tragique, préface de Jean Blot. Paris: Albin Michel 2004.
  • Günter Grass : l’honneur d’un homme. Paris: Bayard 2000.
  • Un écrivain à abattre : l’Allemagne contre Günter Grass. Paris: Ramsay 1996.

Ausgewählte Aufsätze von O. Mannoni

  • « Un nouveau visage de la haine », La Revue lacanienne 24/1 (2023), S. 151–155.
  • « La langue en lambeaux : la pensée totalitaire et la fragmentation du langage », Cités 93/1 (2023), S. 35–44.
  • « Les pièges du langage totalitaire : traduire le nazisme », Traduire 240 (2019)
    http://journals.openedition.org/traduire/1654
  • « La force de l’incohérence », Contemporary French and Francophone Studies 21/5: Translating Trump (2017), S. 548–555.
  • « Apprendre à creuser », En attendant Nadeau, 25. Juli 2017.
    https://www.en-attendant-nadeau.fr/2017/07/25/apprendre-creuser-traductologie/
  • « Traduttore, trattore », Revue de la BNF 38/2 (2011), S. 40–43.

Zitierte Werke

  • Schneede, Uwe M., Bussmann, Georg, Schneede-Sczesny, Marina: George Grosz: vie et œuvre, übersetzt von Olivier Mannoni. Paris: Maspero 1979.
  • Müller-Hill, Benno: Science nazie, science de mort, übersetzt von Olivier Mannoni. Paris: Odile Jacob 1989.
  • Bruckmüller, Ernst: Histoire sociale de l’Autriche, 1985, übersetzt von Olivier Mannoni, Vorwort von Jacques Le Rider. Paris: éditions de la Maison des sciences de l’homme 2003.
  • Brayard, Florent, Wirsching, Andreas (Hrsg.): Historiciser le mal. Une édition critique de Mein Kampf. Paris: Fayard 2021.

Zitierte Interviews

Autor

Aurélie Barjonet

Übersetzung aus dem Französischen von Hélène Belletto-Sussel

Onlinestellung: 01/06/2026