Le Corbusier
Der Schweizer Architekt Le Corbusier – eigentlich: Charles-Édouard Jeanneret – plante nie für Auftraggeber in Österreich. Er hatte, abgesehen von seiner Bewunderung für Adolf Loos, auch kein besonderes Naheverhältnis zu diesem Land, ungleich enger war seine Beziehung zu Deutschland, aber auch zur Tschechoslowakei als Nachfolgestaat der österreichisch-ungarischen Monarchie. Umgekehrt wurden jedoch seit den frühen 1920er Jahren seine Arbeiten und Schriften von zahlreichen österreichischen Architekt:innen, auf jeweils ganz unterschiedliche Weise, diskutiert und rezipiert.
Ausbildung in der Schweiz und Aufenthalt in Österreich

Ab 1900 studierte Charles-Édouard Jeanneret an der Kunstgewerbeschule (École d’arts appliqués) in La Chaux-de-Fonds. Auf Anregung seines wichtigsten Lehrers, des Malers Charles L’Eplattenier[1], der sein Talent für die Architektur erkannt hatte, unternahm er 1907/08 als zwanzigjähriger Student eine erste, mehrmonatige Bildungsreise ins Ausland, die ihn nach Italien, Ungarn und Österreich führte. Im November 1907 kam er in Wien an, wo er mehrere Monate verbrachte. Auch 1911 war er wieder für einige Tage in der österreichischen Hauptstadt, um am Beginn seiner Voyage d’Orient mit einem Freund ein Schiff nach Budapest und weiter nach Belgrad zu besteigen.
Bei seinem ersten Aufenthalt hatte Jeanneret Bekanntschaft mit dem Architekten Josef Hoffmann, Mitbegründer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte, gemacht. Auf der Suche nach Inspirationen verbrachte er viel Zeit im k.k. Österreichischen Museum für Kunst und Industrie mit Zeichnen (z.B. das „Arabische Zimmer“ und gotische Möbelstücke). Er besuchte die Secessionsausstellung Jung-Wien und moderne Schlüsselbauten wie Otto Wagners Postsparkasse (1904–06) und die Kirche am Steinhof (1904–07), sowie die Handelsakademie von Julius und Willibald Deininger (1905–08). Damals noch stark von John Ruskin geprägt, zeigte er sich irritiert vom kalten Sanitärstil dieser Bauten, die ihn an „une cuisine hollandaise, ou un W.C. modèle“ erinnerten. Erst zwei Jahrzehnte später sprach er anerkennend davon, dass „Otto Wagner in Wien, in einem Lande ohne starke Tradition eine neue Aestheik gewagt“[2] habe.
Über das Kunstgewerbe der österreichisch-ungarischen Monarchie vor 1918 äußerte sich Le Corbusier, wie sich Jeanneret seit 1920 nannte, eher abschätzig. Zumindest aber gab er 1916 Max Eislers[3] damals gerade erschienenes, vom Österreichischen Werkbund herausgegebenes Überblickswerk Österreichische Werkkultur als Vorbild für das Layout eines (jedoch nicht publizierten) Buchs an.
Große Bedeutung für Le Corbusier hatte später hingegen der Architekt Adolf Loos. Eine Zeichnung des Herrenmodegeschäfts Kniže am Graben in Wien von 1911 ist seine erste nachweisbare Beschäftigung mit einem von dessen Entwürfen. 1920 lernte er Loos in Paris persönlich kennen, noch bevor dieser für mehrere Jahre nach Frankreich zog. Loos’ Aufsatz Ornament und Verbrechen war bereits 1913 ins Französische übersetzt und in den Cahiers d’aujourd’hui publiziert worden. Im November 1920 erschien der Text dann auch in der von Le Corbusier gemeinsam mit Amédée Ozenfant[4] herausgegebenen Zeitschrift L’Esprit Nouveau. Loos wurde dabei als „un des premiers à avoir pressenti la grandeur de l’industrie et ses apports dans l’esthétique“[5] vorgestellt. Umgekehrt hatte Loos, der Architektur im kulturellen Kontext verankert sah, ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu Le Corbusier und distanzierte sich von dessen Tendenz zu Technisierung, Standardisierung und ideologischer Radikalität.
Rezeption in Österreich

Ab den 1920er Jahren etablierte sich Le Corbusier international als Leitfigur der Architekturmoderne, wozu vor allem auch L’Esprit Nouveau beitrug. Die deutschsprachigen Übersetzungen von Le Corbusiers Büchern erleichterten zusätzlich deren Rezeption: Vers une architecture erschien 1926 als Kommende Baukunst, Urbanisme dann 1929 als Städtebau. In Österreich wurden seine Bauten, die er meist gemeinsam mit seinem Cousin Pierre Jeanneret[6] (1896–1967) realisierte, und seine Schriften in der Folge nicht nur in Expert:innenkreisen, an den Architekturschulen in Wien und Graz und in verschiedenen Fachzeitschriften rezipiert (so berichtete die Kunsthistorikerin Else Hoffmann[7] 1927 im Zusammenhang mit der Stuttgarter Weißenhofsiedlung in der Zeitschrift der Baumeister Oesterreichs ausführlich über diese), sondern waren auch bereits einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Einen besonderen Impuls gab auch die Pariser Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes von 1925. Ein Besuch von Le Corbusiers Pavillon de l’Esprit nouveau regte den Kunstpublizisten Max Ermers[8] zu einem längeren Text über Jungfranzösische Baukunst in der Zeitschrift Österreichs Bau- und Werkkunst an, in dem er Le Corbusier als „starke[n] geistige[n] Führer der bauenden Jugend Frankreichs“[9] bezeichnete.
Le Corbusiers Städtebaupläne für eine Dreimillionenstadt waren in Wien erstmals 1926 in der Ausstellung Französische Kunst der Gegenwart im Künstlerhaus ausgestellt. Besonders beeindruckten die rationale Beschäftigung mit den Verkehrsproblemen der Großstadt und die Wolkenkratzer in Wohngebieten mit ausgedehnten Grünräumen, eine Vorstellung, die jener der zeitgleichen Wohnbaustrategien des ‚Roten Wiens‘ diametral entgegenstand. In der von der französischen Société des architectes diplômés par le gouvernement organisierten Hagenbund-Ausstellung von 1934 war Le Corbusier hingegen als Schweizer Staatsbürger nicht vertreten. In den Auseinandersetzungen ging es damals oft auch um die Frage nach nationalen Vorstellungen und Stereotypen des ‚Französischen‘ und des ‚Schweizerischen‘, des ‚Deutschen‘ und des ‚Österreichischen‘.
Nur wenige österreichische Architekten standen in der Zwischenkriegszeit in persönlichem Kontakt mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret: Während Josef Frank[10] Le Corbusier höchst kritisch gegenüberstand, ließen sich einige jüngere, um 1900 geborene Architekten, die sich noch am Beginn ihrer Laufbahn befanden, von diesem deutlich inspirieren. Der Grazer Herbert Eichholzer absolvierte 1929 einige Monate lang ein Praktikum bei Le Corbusier in dessen gemeinsam mit Pierre Jeanneret geführten Pariser Büro. Auch Ernst Plischke[11] und Oswald Haerdtl[12] waren von diesem beeindruckt, besuchten, unabhängig voneinander, dessen Atelier und besichtigten einige Bauten. Margarete Schütte-Lihotzky hatte 1921 über Loos von Le Corbusiers Arbeiten erfahren und lernte diesen 1929 auf der CIAM-Tagung in Frankfurt kennen.

Nach dem Zweitem Weltkrieg förderte die französische Besatzungsmacht im Zuge der Maßnahmen zur Entnazifizierung und Stärkung der österreichischen Identität besonders die Kultur. 1948 wurde im Auftrag des Hochkommissars der Französischen Republik in Österreich im Kunstgewerbemuseum (heute: MAK) in Wien die Französische Ausstellung. Architektur und Städtebau über den Wiederaufbau der zerstörten Städte in Frankreich und Übersee gezeigt. Anlässlich der Eröffnung hielt Le Corbusier einen medial viel beachteten Vortrag und wurde vom Wiener Bürgermeister Theodor Körner empfangen, „von den Maßgeblichen der Bauwelt“ wurde er jedoch, so Hermann Czech 1965, „eher als Verrückter angesehen“. Zu sehen waren seine Cité de refuge (1929–33) und der Schweizer Pavillon in der Pariser Cité universitaire (1930–33) sowie die gerade in Bau befindliche Unité d’habitation (Cité radieuse) in Marseille (1947–52). Eine eigene Ausstellungsabteilung erhielt die von Le Corbusier 1943 ausformulierte, auf dem CIAM-Kongress von 1933 basierende Charta von Athen, die mit ihrem Fokus auf strikte städtische Funktionstrennung in der Wiederaufbauzeit international enormen Einfluss auf den Städte- und Wohnbau hatte. Eine deutsche Übersetzung des Textes erschien 1948 anlässlich der Wiener Ausstellung in der Zeitschrift Europäische Rundschau.

Die ältere Wiener Professorengeneration, aber auch der jüngere Architekt Roland Rainer[13] ebenso wie die Vertreter der Wiener Stadtplanung standen in den Nachkriegsjahren Le Corbusiers städtebaulichen Ansätzen höchst kritisch, ja ablehnend gegenüber. Im Gegensatz dazu vermittelten an der Technischen Hochschule Graz ab 1945/46 die Professoren Friedrich Zotter[14] und Karl Raimund Lorenz[15] ihren Studierenden Le Corbusiers Ideen. Sein Modulor (1948/55) wurde gelesen und als Maßsystem angewendet. Die Unité d’habitation in Marseille, das Kloster La Tourette und die Kirche in Ronchamp, aber auch dessen Pariser Atelier wurden zum Ziel von Grazer Studierendenexkursionen, die geradezu den Charakter architektonischer Pilgerfahrten annahmen. Einflüsse zeigten sich noch Jahre später, etwa am Wohnprojekt Terrassenhaussiedlung der Werkgruppe Graz[16] (Eugen Gross, Friedrich Groß-Ransbach, Werner Hollomey, Hermann Pichler). Schließlich lernten auch die jungen Wiener Architekten das Werk von Le Corbusier näher kennen. So unternahm 1956 die arbeitsgruppe 4[17] (Friedrich Kurrent, Wilhelm Holzbauer, Johannes Spalt) eine Reise zu dessen Bauten in Vevey, Marseille und Ronchamp.
Hatte Le Corbusier im Nachkriegsösterreich zunächst polarisiert, so wurde die Beschäftigung mit ihm ab Mitte der 1950er Jahre quasi gesellschaftsfähig. Nun wurde er von vielen als wichtigster Neuerer, als Schlüsselfigur eines Aufbruchs in Architektur und Städtebau wahrgenommen, während seine problematische Rolle im Vichy Regime unerwähnt blieb. In einem Nachruf 1965 bezeichnete ihn der österreichische Architekturkritiker Friedrich Achleitner als „überragendste und umfassendste Persönlichkeit der Moderne“[18]. 1957 waren in Innsbruck und Linz Le Corbusier-Ausstellungen zu sehen. Die letzte Schau in Österreich zu Le Corbusiers Lebzeiten war eine große Ausstellung zum nun schon ikonisch gewordenen Gesamtwerk, die 1957/58 in der Akademie der bildenden Künste in Wien gezeigt wurde.
Quellen und externe Links
- ↑ https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/021909/
- ↑ Le Corbusier 1960, 16
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_E/Eisler_Max_1881_1937.xml
- ↑ https://explore.gnd.network/gnd/118789155
- ↑ L’Esprit nouveau 2/1920
- ↑ https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043068/
- ↑ https://fraueninbewegung.onb.ac.at/node/1535
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Max_Ermers
- ↑ Ermers 1925, 259
- ↑ https://www.architektenlexikon.at/de/146.htm
- ↑ http://www.architektenlexikon.at/de/468.htm
- ↑ https://www.architektenlexikon.at/de/200.htm
- ↑ https://www.architektenlexikon.at/de/1393.htm
- ↑ http://www.architektenlexikon.at/de/721.htm
- ↑ https://d-nb.info/gnd/1121141684
- ↑ https://www.werkgruppe-graz.at/
- ↑ https://austria-forum.org/af/AEIOU/Arbeitsgruppe_4
- ↑ Achleitner 1965
Bibliografie
Werke
- Le Corbusier: Kommende Baukunst. Hg. v. Hans Hildebrandt. Stuttgart–Berlin–Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1926.
- Le Corbusier: Städtebau. Hg. v. Hans Hildebrandt. Stuttgart–Berlin–Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1929.
- Le Corbusier: Der Modulor. Darstellung eines in Architektur und Technik allgemein anwendbaren harmonischen Maßes im menschlichen Maßstab, Stuttgart: J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger 1953
- Le Corbusier, Einleitung zur ersten Auflage, in: Boesiger, Willy (Hg.): Le Corbusier et Pierre Jeanneret. Œuvre complète 1910-1929. Zürich: Les Éditions Girsberger, 7. Aufl. 1960, 14-16, hier 16.
- Le Corbusier: Lettres à ses maîtres II. Lettres à Charles L’Eplattenier. Hg. v. Marie-Jeanne Dumont. Paris: Éditions du Linteau 2006.
- Hilpert, Thilo (Hg.): Le Corbusiers "Charta von Athen". Texte und Dokumente. Kritische Neuausgabe. Braunschweig: Vieweg 1984
Fachliteratur und Presse
- Achleitner, Friedrich: Das wahre Genie der Architektur. Zum Tod von Charles Le Corbusier, in: Die Presse, 30. August 1965
- Boesiger, Willy (Hg.): Le Corbusier et Pierre Jeanneret. Œuvre complète 1910-1929. Zürich: Les Éditions Girsberger, 7. Aufl. 1960
- Moos, Stanislaus von: Le Corbusier und Loos, in: Tilmann Buddensieg/Elisabeth Liskar (Hg.): Wien und die Architektur des 20. Jahrhunderts, Wien–Köln–Graz: Böhlau 1986, 137–150.
- Platzer, Monika: Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945. Zürich: Park Books 2019.
Autorin
Antje Senarclens de Grancy
Onlinestellung: 03/06/2026
