Xavier Marmier
Xavier Marmier (* 22. Juni 1808 in Pontarlier, † 11. Oktober 1892 in Paris) gilt für das 19. Jahrhundert als eines der besten Beispiele für Vermittler und Brückenbauer zwischen Frankreich und dem Ausland, vor allem zwischen Frankreich und den „Ländern des Nordens“, wie man sie damals nannte. Xavier Marmier wurde 1808 in Pontarlier im Departement Doubs geboren und wurde schon früh Journalist, bevor er in den 1830er Jahren eine Reihe von Reisen in die Regionen Nordeuropas unternahm – in die skandinavischen Länder, nach Polen, Russland, nach Kanada und in den Nahen Osten, aber auch nach Deutschland und Österreich. Als Konservator der Bibliothèque Sainte-Geneviève in Paris wurde er später auch Chefredakteur der Revue Germanique. Als unermüdlicher Schriftsteller bemühte sich Xavier Marmier, seine Erfahrungen aus fremden Ländern durch seine Veröffentlichungen in verschiedenen Medien weiterzugeben: Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Romane und sogar Gedichte, was ihm die Wahl in die Académie Française einbrachte. Er starb 1892. Als vielseitiger Schriftsteller aus der Peripherie machte ihn diese Herkunft empfänglich für fremde Kulturen und ermöglichte es ihm, durch seine Beiträge zu zahlreichen Zeitschriften eine Rolle des Entdeckers und Vermittlers zu spielen, insbesondere gegenüber dem deutschsprachigen Raum.
Xavier Marmier und Österreich
Auch wenn er die von Germaine de Staël auferlegte geografische und kulturelle Dichotomie zwischen Nord und Süd übernimmt, interessiert sich Xavier Marmier auch für Österreich, zunächst in seinen Reiseberichten, dann durch die Übersetzung eines Theaterstücks, Die Ahnfrau (1816/17) von Franz Grillparzer, die 1835 veröffentlicht wurde.
Das Bild Österreichs in seinen Reiseberichten entspricht dem, das die meisten Reisenden jener Zeit zeichnen: Es ist vor allem das Land der Kontinuität, des Stillstands, der starken polizeilichen und militärischen Präsenz, der Achtung vor Traditionen, der Musik und der schönen Künste.[1] Marmier unternahm drei Reisen nach Österreich: die erste 1834, die zweite 1846 und die letzte 1853. Er besuchte Wien „unter der Schirmherrschaft von Herrn von Hammer“, d. h. Joseph von Hammer-Purgstall (1774–1856)[2]; dort verkehrte er folglich in intellektuellen Kreisen, in denen kulturelle Offenheit, Austausch und Vermittlung eine vorrangige Rolle spielten und die unter anderem dem Orient zugewandt waren, auch wenn sie konservativ waren. So konnte er die Netzwerke seiner Bekannten ausnutzen, um die Künstler und Autoren jener Zeit zu treffen, insbesondere Franz Grillparzer.[3]
Xavier Marmier machte in Frankreich eine bis dahin wenig bekannte literarische Welt bekannt. Als unermüdlicher Vermittler verankerte er in den 1830er- und 1840er-Jahren die Literatur Deutschlands, aber auch Österreichs in Frankreich, ohne jedoch aufgrund seiner konservativen politischen Überzeugungen die erklärten Gegner des herrschenden Regimes in den Vordergrund zu stellen.
In seiner Einleitung zur ersten Ausgabe der Revue Germanique im Jahr 1835 schreibt er:
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In Österreich haben sich zwei große Dichter hervorgetan: Grillparzer, der mit seinen großzügigen Gedanken und der Zensur ringt wie Galileo unter dem Blick der Inquisition, und der Graf von Ansberg, der sich nicht scheut, seiner Leier eine bronzerne Saite hinzuzufügen und sie gegen die Unterdrücker seines Landes zum Schwingen zu bringen.[4] |
Dann bietet er in „Théâtre européen. Nouvelle collection des chefs-d’œuvre allemand, anglais, etc.“ die Übersetzung nicht eines der großen Namen der klassischen deutschen Literatur an, sondern gerade eines jungen, erfolgreichen österreichischen Autors vom Beginn des Jahrhunderts: Franz Grillparzer, der, trotz seines Rufs in Österreich und darüber hinaus in den deutschsprachigen Ländern, in Frankreich noch unbekannt war. Das Stück war zwar schon alt, die Uraufführung hatte am 31. Januar 1817 in Wien stattgefunden. Jules Lefèvre schreibt in seiner Einleitung:
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Geschrieben in einer Zeit, die noch ganz im Zeichen der Inspirationen von Werner[5] und Müllner[6] stand, ist Die Ahnfrau stark von jener Art Fatalismus geprägt, der Der 24. und 29. Februar, Die Söhne des Thals und Die Schuld bestimmt hat. Dieser Fatalismus, der aus den Dämpfen des Mittelalters hervorgegangen ist, gleicht in keiner Weise dem der Alten. Anstelle des Schicksals ist es ein Orakel des Fluchs, das die Menschen beherrscht, und ihre Handlungen bewegen sich und folgen aufeinander unter dem unausweichlichen Einfluss einiger geheimnisvoller Worte, einiger rachsüchtiger Prophezeiungen. Dieses Dogma der sühnenhaften Notwendigkeit, das im Schmelztiegel der Alchemisten neu geschmiedet wurde […], hat einen zu großen Einfluss auf die deutsche Literatur dieses Jahrhunderts ausgeübt, als dass wir nicht darauf zurückkommen brauchen […]. [7] |
Jules Lefèvre ordnet Grillparzer somit in eine literarische Chronologie und ein bestimmtes Genre („Schicksalsdrama“) ein. Er schließt mit den Worten:
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Trotz der geringen Anzahl seiner Schriften genießt Grillparzer in Deutschland hohes Ansehen, und man zögert nicht, ihn an die Spitze der Dichter seiner Zeit zu stellen.[8] |
Die Verschmelzung von literarischem Drama und Boulevardtheater, die das Stück zu erreichen versuchte – man erinnere sich, dass Grillparzer ein begeisterter Besucher der Wiener Vorstadtbühnen war und einen Teil des Repertoires dieser Gattung in sein „Theater von oben“ integrierte –, scheint nicht der Situation des damaligen Pariser Theaters entsprochen zu haben und könnte erklären, warum die Übersetzung des Stücks bei den Theaterleuten jener Zeit keinen Anklang fand.
Xavier Marmiers Übersetzungstätigkeit ist im Bereich der österreichischen Literatur letztlich begrenzt. Seine Übersetzung von Grillparzers erstem Stück, obwohl relativ getreu, wird so zu einem quasi illustrativen Text eines bestimmten Genres, der dadurch die Besonderheiten des Stils des Autors und die sprachlichen Mittel, die er einsetzt, außer Acht lässt. Dennoch muss man Xavier Marmier zugutehalten, dass er versucht hat, ein Stück eines besonderen Genres und einen dem französischen Publikum noch relativ unbekannten Autor bekannt zu machen.
Quellen und externe Links
- ↑ Siehe insbesondere Marmier 1846: 15–98 und 1859: 323–354
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_H/Hammer-Purgstall_Joseph_1774_1856.xml
- ↑ Er führte mit Grillparzer „lange und freundschaftliche Gespräche“ während seines Aufenthalts in Wien, vgl. Marmier 1867: 112
- ↑ Revue Germanique 1835: 11
- ↑ https://www.universalis.fr/encyclopedie/zacharias-werner/
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118737775.html#ndbcontent
- ↑ Théâtre Européen 1835: 18
- ↑ Théâtre Européen 1835: 20
Bibliografie
Primärliteratur
- Marmier Xavier: Du Rhin au Nil, Bd. I. Paris: Arthus Bertrand 1846, S. 15–98.
- Marmier Xavier: Voyage pittoresque en Allemagne : partie méridionale. Paris: Morizot (Bd. 1) 1859.
- Marmier Xavier: Souvenirs d’un voyageur. Paris: Didier 1867.
- Marmier Xavier: Journal (1848-1890), hrsg. von Eldon Kaye. Genf: Droz (2 Bde.) 1968.
Sekundärliteratur
- Espagne, Michel: La fonction de la traduction dans les transferts culturels franco-allemands aux XVIIIe et XIXe siècles. Le problème des traducteurs germanophones. In : Revue d’histoire littéraire de la France 97e année, Nr. 3 (1997), S. 413–427.
- Estignard, Alexandre: Xavier Marmier. Sa vie et ses œuvres. Paris: H. Champion 1893.
- Leroy du Cardonnoy, Éric: Les traductions françaises de L’Aïeule de Franz Grillparzer au 19ème siècle : une forme particulière de passage à l’acte. In: Corona Schmiele und Éric Leroy du Cardonnoy (Hrsg.): Le théâtre dans tous ses états. Paris: Indigo 2009, S. 86–97.
- Leroy du Cardonnoy, Éric: Un médiateur hors-pair : Xavier Marmier et la littérature autrichienne. In: Irène Cagneau, Sylvie Grimm-Hamen und Marc Lacheny (Hrsg.): Les traducteurs, passeurs culturels entre la France et l’Autriche. Berlin: Frank & Timme 2020, S. 41–58.
- Mercer Wendy S.: The Life and Travels of Xavier Marmier (1808-1892). Bringing World Literature to France. Oxford: Oxford University Press (British Academy Postdoctoral Fellowship Monographs) 2007.
- Théâtre européen : nouvelle collection des chefs-d’œuvre des théâtres allemand, anglais, espagnol, danois, français, hollandais, italien, polonais, russe, suédois, etc. Paris : E. Guérin 1835.
Autor
Éric Leroy du Cardonnoy
Onlinestellung: 01/04(2026
