Paul Zifferer
Paul Zifferer (*8.3.1879, † 15.2.1929 in Wien) gehört nicht zu den bekannten Wiener Autoren um 1900, war allerdings in ihren Kreisen bestens vernetzt und erlangte eine bedeutende Position als kultureller Mediator. Er engagierte sich lebenslang durch sein journalistisches Schreiben, durch seine Übersetzungstätigkeit, als Herausgeber der Revue d’Autriche und schließlich als Diplomat in Paris für französisch-österreichische Kultutransfers.
Biographie
Paul Zifferer kam in der mährischen Kleinstadt – bis 1864 ein Dorf – Bistritz am Holstein (heute Bystřice pod Hostýnem in Tschechien) zur Welt. In seinem Roman Die fremde Frau (1916) beschrieb er sein Herkunftsmilieu, seine jüdische Familie und speziell die Geschichte seiner Mutter. Nach der Matura am K. K. Staatsgymnasium in Krumau begann Zifferer im Wintersemester 1897/98 ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, das er im Juni 1905 mit seiner Promotion abschloss. Die Quellenlage zu Zifferers frühen Frankreichaufenthalten ist dünn und unsicher, doch lässt sich vermuten, dass er 1900 erstmals ein Semester in Paris verbrachte. Ab 1903 lebte er nochmals einige Jahre dort, nachdem er die für den Abschluss des Studiums in Wien notwendigen Lehrveranstaltungen absolviert hatte. In diesen Jahren trat Paul Zifferer in die hochvernetzte Welt des französischen und österreichischen Adels ein – er war zuerst Sekretär des Grafen Foucher de Careil in Wien, einstiger Botschafter am Wiener Hof, und dann bei dem französischen Senator Baron de Caze. Der Graf arbeitete an französischen Werkausgaben von Friedrich Schelling und Arthur Schopenhauer, um in Frankreich deutsche Philosophie zu vermitteln, und setzte seinen österreichischen Sekretär als Übersetzer ein. So begann – gleichzeitig mit Zifferers ersten schriftstellerischen Versuchen, etwa in den Pariser Kantilenen (1904) – sein Engagement in Sachen Kulturtransfer.
1905 trat Paul Zifferer eine Advokaturkandidaten-Stelle in Wien an, begann sich aber zugleich einen Namen als Feuilletonist zu machen und die Werke des für ihn zeitlebens vorbildhaften Gustave Flaubert aus dem Französischen zu übertragen. Überhaupt wurde er für die Wiener Presse zum Spezialisten für die französische Sicht der Dinge und berichtete etwa über den Fall der des Mordes an ihrem Ehemann angeklagten Salonière Marguerite Steinheil (1908/09). Auch für den Satiriker Karl Kraus war der „Feuilletonbub“ Zifferer mit dem Französischen assoziiert, und er machte dessen distanzierendes „c’est la guerre“ zum running gag, als er in der Fackel wiederholt über Zifferers romantisch-heroische Stimmungsbilder aus dem Balkankrieg spottete[1]. Aufnahme und Anerkennung fand Zifferer in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hingegen in den Kreisen des Jungen Wien – Raoul Auernheimer, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und der ebenso frankophile Stefan Zweig wurden wichtige Kontakte. 1913 heiratete Paul Zifferer nach jüdischem Ritus im Stadttempel die um zehn Jahre jüngere, jedoch bereits verwitwete Apothekerstochter Wanda Boral, geborene Rosner. Das junge Ehepaar war sich einig in seinem gesellschaftlichen Aufstiegswillen, engagierte sich in den Weltkriegsjahren in der Kriegsfürsorge und bewegt sich dabei ebenso gewandt in Wiens Adelskreisen wie in seiner Kulturszene.
Besonders bedeutsam wurde für Zifferer in dieser Zeit der von ihm hochverehrte, fünf Jahre ältere Hugo von Hofmannsthal. Dieser machte Zifferer zum Mitarbeiter und Vertrauten, als im Juni 1917 die Idee einer »österreichischen Revue in französischer Sprache« konkret wurde. Wenige Monate später erschien erstmals die Halbmonatsschrift Revue d’Autriche, die im damals feindlichen Ausland kulturpolitisch für Österreich werben sollte. Zifferer hatte sich als Herausgeber finanziell und strukturell die Unterstützung des österreichischen Außenministeriums gesichert und eine eindrucksvolle erste Ausgabe gestaltet. Darin schrieben neben Hofmannsthal, Schnitzler und anderen wichtigen Literaten auch einflussreiche Politiker wie Ministerpräsident Heinrich Lammasch oder der Sozialminister Viktor Mataja, dem Zifferer durch seine Tätigkeit in der Kriegsfürsorge eng verbunden war. Die Zeitschrift, die Kunst mit (Identitäts-)Politik verband, wies Zifferer nicht nur als im Feld der Kultur und Politik bestens vernetzten Mann aus; sie wurde auch ein zentraler Ausgangspunkt seines Wirkens.
Hauptberuflich war er nach wie vor als Feuilletonist, Redakteur und Kritiker, vornehmlich bei der Neuen Freien Presse, tätig – mit dem Ehrgeiz, als bedeutender Schriftsteller wahrgenommen zu werden. Er kritisierte, dass in Wien die journalistische Tätigkeit einen Autor eher abwertete, wohingegen französische Autoren wie Émile Zola und Guy de Maupassant ebenso für ihre Feuilletons wie für ihre Romane gerühmt wurden.
Wiewohl Paul Zifferer seit seiner Studienzeit in politischen und diplomatischen Kreisen bekannt und beliebt war, waren viele überrascht, als im September 1919 publik wurde, dass er im Zuge einer generellen Neubesetzung der österreichischen Gesandtschaftsposten in Paris als Presseattaché mit speziellen Zusatzaufgaben im Kulturbereich („attaché spécial“) bestellt worden war. Tatsächlich ist es beachtlich, dass Zifferer in eine sonst der Aristokratie vorbehaltene Position gelangte – wahrscheinlich hatte er, während er für die Neue Freie Presse von den Verhandlungen zu den Pariser Vorortverträgen (Versailles, Saint-Germain) berichtete, dortselbst seine Bestellung angebahnt.
Mitte Oktober 1919 richtete sich Zifferer mit Frau und Tochter im Pariser Vorort Neuilly ein und versuchte Österreichs Position und Image nach dem Ersten Weltkrieg in Frankreich zu verbessern, indem er etwa österreichische Kunst in Frankreich förderte – zum Beispiel durch seinen Einsatz für eine Jedermann-Aufführung 1922 und für ein Gastspiel der Wiener Oper im Mai 1928, jeweils in Paris – und sich, andererseits, intensiv für die Salzburger Festspiele einsetzte, die der österreichischen Kultur wieder ein europäisches Standing verschaffen sollten. Auch in seinem zweiten autobiographischen Roman Die Kaiserstadt (1923; 1924 von Marcel Dunan, seinerseits Kulturattaché der französischen Botschaft in Wien, ins Französische übersetzt: La Ville impériale, Paris: Plon) – Teil einer autofiktionalen Trilogie zum österreichischen Schicksal – ging es ihm darum zu erfassen und zu erzählen, was das Ende der Habsburgermonarchie und die Neubildung einer Republik Österreich nach 1918 mit den österreichischen Menschen machten. Wie schon zuvor gab es gute Kritiken, aber die Wiener Autorenfreunde äußerten sich ablehnend. Speziell sein Umgang mit dem Jüdischen und seinem eigenen Jüdisch-Sein – das er formal im Gegensatz zu Hofmannsthal nie aufgegeben hatte – irritierte in einer Zeit des sich radikalisierenden Antisemitismus und auch vor dem Hintergrund, dass nur kurz zuvor Hugo Bettauers Roman Die Stadt ohne Juden (erste französische Übersetzung 1929 bei Albin Michel, jüngste Neuauflage: Belfond 2017) erschienen war. Der für Zifferer sehr verletzenden Kritik seiner Kollegen zum Trotz, hörte er nicht auf, die Probleme und Ambivalenzen des Österreichischen auch schriftstellerisch zu verarbeiten. 1927 erschien Der Sprung ins Ungewisse als Abschluss seiner Trilogie, passenderweise auch in französischer Sprache (Éditions de l’Illustration, ebenfalls 1927).
Zifferers steter Einsatz um die gute Verbindung und den Austausch französischer und österreichischer Kultur – abseits seiner diplomatischen und schriftstellerischen Aktivitäten förderte er weiter Übersetzungen, wie zum Beispiel die Herausgabe von Hofmannsthals Prosa-Band Écrits en prose, der 1927 mit einem Vorwort von Charles de Bos im Verlag der Éditions de la Pleiade, J. Schiffrin, erschienen ist – fiel auf. Ebenfalls 1927 verlieh die Französische Republik Zifferer den Ordre des Palmes Académiques (eine der höchsten Auszeichnungen für Verdienste um das Bildungswesen); er wurde zum Chevalier und 1928 zum Offizier der Légion d’Honneur ernannt.
Inmitten dieser konsolidierten Erfolge erkrankte Zifferer im Sommer 1928 an Nebennierenkrebs. Er verbrachte seine letzten Monate in Österreich – wohl bis fast zuletzt im Unwissen über die Art und den wahrscheinlichen Ausgang seiner Krankheit. Am 14. Februar 1929 starb Paul Zifferer in Wien und wurde zwei Tag später auf dem Hietzinger Friedhof begraben.
Quellen und externe Links
- ↑ AAC-FACKEL
Bibliographie
Primärliteratur
- Zifferer, Paul: Zwei Märchen aus dem Böhmerwalde. Dresden: Bierson 1898.
- Zifferer, Paul: Der kleine Gott der Welt. Leipzig: Seemann 1902.
- Zifferer, Paul: Pariser Kantilenen, Leipzig: Seemann 1904.
- Zifferer, Paul: Das Kleid des Gauklers, Berlin: Meyer & Jessen 1911.
- Zifferer, Paul: Die helle Nacht. Ein Gedicht. Berlin: Meyer & Jessen 1912.
- Zifferer, Paul: Napoleon. Mit Illustrationen von Felician Myrbach. Wien: Munk 1913.
- Zifferer, Paul: Die fremde Frau. Berlin: Fischer 1916.
- Zifferer, Paul: Das Feuerwerk. Eine Rahmenerzählung. Berlin: Fischer 1919.
- Zifferer, Paul: Die Kaiserstadt. Berlin: Fischer 1923 (Neuauflage 2023 bei Reclam).
- Zifferer, Paul: Le saut dans l’inconnu. Paris: Éditions de l’Illustration, Paris 1927. / Der Sprung ins Ungewisse. Berlin: Fischer 1927.
Sekundärliteratur
- AAC – Austrian Academy Corpus: AAC-FACKEL. Online Version: „Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936“ AAC Digital Edition N° 1 (https://fackel.oeaw.ac.at/)
- Broch, Hermann: Hofmannsthal und seine Zeit. Eine Studie, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.
- Burger, Hilde (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal – Paul Zifferer. Briefwechsel. Wien: Verlag der Österreichischen Staatsdruckereien 1983.
- Schnitzler, Arthur: Tagebuch 1879–1931. Digitale Ausgabe. Herausgegeben von Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 2021. (https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/)
- Prager, Katharina: Biographisches Nachwort. In Paul Zifferer: Die Kaiserstadt. Stuttgart: Reclam 2023, S. 365–388.
- Silverman, Lisa: Becoming Austrians: Jews and Culture between the World Wars. Oxford: Oxford University Press 2012.
- Wolf, Norbert Christian: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg, Wien: Jung und Jung 2014.
Autorin
Katharina Prager
Onlinestellung: 28/07/2026
