Herbert Boeckl

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Herbert Boeckl, 1958

Herbert Boeckl (Klagenfurt 3. Juni 1894–Wien 20. Januar 1966) war als Maler und Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste (1935–1966) eine prägende Figur der modernen Malerei Österreichs. Für ihn waren die französischen Pioniere der Moderne (besonders Cézanne, die Fauvisten und Kubisten) sowie die Kunst der mediterranen Länder stets vorbildlich. Frankreichs Inspiration ermöglichte ihm die schrittweise Emanzipation vom Jugendstil und vom frühen deutschen und österreichischen Expressionismus. In der Zwischenkriegszeit trug dies wesentlich zur Formulierung einer „österreichischen Moderne“ bei. So suchten Boeckl und seine Mitstreiter vor allem in frankophonen Ländern nach internationaler Anerkennung: Bei der Weltausstellung in Brüssel 1935 und im Jeu de Paume in Paris 1937 präsentierten sie ihre spätfauvistische und expressiv-realistische Malerei umfangreich. Auch unter der Besatzung Österreichs durch Frankreich und die übrigen Alliierten 1945–1955 arbeitete Boeckl gemeinsam mit dem frankophilen Bildhauer Fritz Wotruba und anderen an der internationalen Positionierung der modernen Kunst aus Wien im westlichen Kontext. Seine von der französischen Moderne inspirierten Monumentalwerke und Entwürfe (Fresken, Gobelins, Bühnenvorhang) trugen dazu ebenso bei wie sein Wirken als Rektor der Wiener Akademie im Wiederaufbau (1945/46; 1962–1964) und sein Engagement in der Association internationale des arts plastiques[1].

Erster Studienaufenthalt in Paris 1923

Fortifikationen von Paris (Port de Gentilly), 1923

Mit einer Dotation des Wiener Kunsthändlers Gustav Nebehay konnte Boeckl von Februar bis Juni 1923 nach Paris reisen. Dort suchte er – wie schon zuvor in Berlin – kaum Kontakt zur lokalen Avantgarde oder den damals in Frankreich lebenden Landsleuten (u.a. Adolf Loos, Walter Bondy, Willy Eisenschitz, Ilse Bernheimer). Stattdessen skizzierte er nach alten Meistern in den großen Museen und malte Stadtbilder an der Pariser Peripherie. Zeitgenössische Malerei wurde in Paris im Frühjahr 1923 etwa beim Salon des Indépendants im Grand Palais präsentiert (u.a. Paul Signac, Suzanne Valadon und Maurice Utrillo) sowie in den privaten Galerien Durand-Ruel (Eugène Boudin), Bernheim-Jeune (Maurice de Vlaminck, Henri Matisse), Vildrac (Othon Friesz, Charles Dufresne), Druet (Auguste Renoir, Paul Sérusier), La Licorne (Marcel Gromaire, Jules Pascin), Georges Petit (Henri Le Sidaner), Dru (Paul Gauguin), Devambez (Peintres du Paris moderne), Barbazange (Jeune peinture française) und Paul Guillaume (Chaim Soutine). Von diesem überreichen Angebot scheint Boeckl sich am ehesten für die Werke von Soutine, Vlaminck und Utrillo interessiert zu haben.

Stillleben mit Orangen und Eiern I, 1924
Badende vor Stift Eberndorf, 1925

Vor allem setzte er sich aber in mehreren aktuellen Ausstellungen mit Paul Cézanne auseinander, dem großen Vorbild junger moderner Maler jener Zeit. Bereits bei seinem Berlin-Aufenthalt 1921 hatte Boeckl zahlreiche Werke des französischen „Gründungsvaters“ der modernen Malerei in einer Ausstellung bei Paul Cassirer kennengelernt. In Paris zeigte der Kunsthändlerverband im Haus 18, rue de la Ville-l'Evêque nahe dem Élysée-Palast von 25. April bis 15. Mai 1923 sieben Cézanne-Bilder in einer Benefiz-Ausstellung französischer Malerei aus dem 18. bis 20. Jahrhundert. Auch in den staatlichen Museen im Louvre und im Musée du Luxembourg waren 1923 mehrere Cézanne-Bilder zu sehen. Außerdem präsentierten einige Kunsthändler laufend Werke von Cézanne und seinen kubistischen Nachfolgern.

Nach seiner Rückkehr nach Österreich manifestierte sich der Eindruck Cézannes bei Boeckl vor allem in den Motiven und Kompositionen. In seinen Stillleben und figuralen Szenen mit Badenden entwickelte Boeckl in den 1920er Jahren jedoch das zentrale Thema der Eigenqualität der Farbe kreativ weiter: Der Farbauftrag war jetzt nicht mehr ein flacher Film transluzider „Pixel“ wie bei Cézanne, sondern bildete pastose Farbkörper in Boeckls typischen Akkorden aus Primärfarben.

Brüssel 1935, Paris 1937

Die Anatomie, 1931

Von hier aus war es nur mehr ein kleiner Schritt zum expressiven Realismus, den Boeckl und seine Freunde alsbald als eine adäquate Sprache der modernen österreichischen Malerei erkannten. Als Kommissär des österreichischen Beitrags der Exposition internationale d’art moderne im Rahmen der Weltausstellung in Brüssel 1935 konnte Boeckl sieben Bilder präsentieren. Besonders seine Anatomie (Prosektur bei Prof. Weltmann) aus 1931 führte dem Publikum eindrucksvoll Boeckls Glauben an die immanente Spiritualität alles Körperlichen vor Augen. Von Brüssel reiste Boeckl weiter nach Amsterdam und London.

Katalogseiten der Exposition d’art autrichien, Jeu de Paume, Paris 1937
Notre Dame, Paris, 1937

Im Rahmen eines neuen österreichisch-französischen Kulturabkommens fand im Mai und Juni 1937 im Jeu de Paume in Paris die Exposition d’art autrichien gleichzeitig mit der Weltausstellung statt. Hier präsentierte sich Österreich vor dem Hintergrund der Bedrohung durch NS-Deutschland als ausgewiesene „Kulturnation“ mit großen Traditionen, womit man die Solidarität der westlichen Mächte in der prekären politischen Situation des bedrohten kleinen Landes anstrebte. Im Erdgeschoß des Jeu de Paume wurde alte Kunst gezeigt, im Obergeschoß das 19. und 20. Jahrhundert. Boeckl konnte hier – wie 1935 in Brüssel – erneut sieben Bilder präsentieren. Bei diesem zweiten Paris-Aufenthalt malte er Stadtbilder von der Kathedrale Notre-Dame und der Place de la Concorde. Im Louvre skizzierte er große Figurenbilder alter Niederländer – ein Thema, das ihn laufend beschäftigte und später in seinem Großen Familienbild (1940–42) kulminieren sollte. Während der deutschen Besatzung (1940–44) reiste Boeckl nicht nach Frankreich, sondern malte in Österreich, Italien und der besetzten Tschechoslowakei.

Frankreich-Kontakte nach 1945

Mit der Besatzung Österreichs nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr die österreichische Kunstszene eine abrupte internationale Öffnung. Ziel war es im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit nun aber nicht mehr, eine spezifisch „österreichische“ Spielart der modernen Kunst zu entwickeln, sondern eine vollständige Synchronisierung mit den internationalen Strömungen zu erreichen. Fast alle jungen Absolventen der Wiener Akademie, an der Boeckl seit 1938 seine einflussreiche Pflichtlehrveranstaltung des „Abendaktes“ leitete und 1945/46 das Rektorenamt ausübte, fühlten sich diesen Zielen verpflichtet. So durchliefen sie in kurzer Zeit die Lektionen des Expressionismus, des Kubismus, des Surrealismus und des Informel. Frankreich förderte diesen Nachholprozess intensiv u.a. mit Ausstellungen moderner Kunst im Wiener Kunstgewerbemuseum (MAK), im Institut Français in Innsbruck unter der Leitung von Maurice Besset sowie mit Reisestipendien nach Paris.

Boeckl reiste nach 1945 zweimal nach Frankreich. Gemeinsam mit seinem kosmopolitischen Bildhauerfreund Fritz Wotruba (1907–75) und dessen Frau Marian besuchte er 1949 die V. Jahresausstellung des 1943 von Gaston Diehl gegründeten Salon de Mai im Palais de Tokyo. Im gleichen Haus war das 1934 gegründete Musée national d’art moderne untergebracht, in dem Fritz Wotruba bereits 1948 unter Direktor Jean Cassou die erste Personale eines österreichischen Künstlers in einem Pariser Nationalmuseum zeigen konnte. Beim Salon de Mai 1949 waren aus Österreich Werke von Wotruba, dem Boeckl-Assistenten Claus Pack, Werner Scholz und Hans Fronius zu sehen.

Ein letztes Mal reiste Boeckl im Juli 1956 nach Frankreich. Gemeinsam mit der Schweizer Wotruba-Schülerin Marie-Cécile Boog (1925–2025), die für ihn dolmetschte, nahm er bei der UNESCO an einer Konferenz der Association internationale des arts plastiques teil. Danach besuchten Boeckl und Boog den Wallfahrtsort Lisieux in der Normandie, wo die Heilige Thérèse verehrt wird, deren Porträt Boeckl bereits 1952 gemalt hatte.

Die Welt und der Mensch, Gobelin, 1956–58

Boeckl rezipierte die aktuelle Moderne Frankreichs nach 1945 erneut vor allem in typologischer Hinsicht: Nach der Ausstellung Moderne französische Gobelins im Wiener Kunstgewerbemuseum (MAK) 1949 mit Werken u.a. von Jean Lurçat und Le Corbusier war man auch in Österreich motiviert, von modernen Künstlern repräsentative Tapisserien für öffentliche Gebäude anfertigen zu lassen. Boeckl lieferte je einen großen Bildteppich für die Wiener Stadthalle (1956–58) und die Salzburger Festspiele (1959–60), deren Entwürfe er in der Art kubistischer Papier-Collagen erarbeitete. Ebenfalls nach französischem Vorbild (Henri Matisse, Chapelle du Rosaire in Vence; Fernand Léger, Notre-Dame de toute grâce, Plateau d’Assy; Le Corbusier, Wallfahrtskirche Ronchamp) motivierte er die Benediktinerabtei im steirischen Seckau, einen großen Freskenzyklus zur Apokalypse bei ihm zu beauftragen (ausgeführt 1952–60).

Die Apokalpyse, 1952–60, Detail, Freskenzyklus in der Abtei Seckau

Seit den 1960er Jahren machten vor allem die Kunsthistoriker und Museumsdirektoren Werner Hofmann (Direktor des Wiener 20er Hauses und der Hamburger Kunsthalle) und Jean Clair (Gérard Régnier, 1969–80 Conservateur des Musée national d’art moderne in Paris; 1980–89 Conservateur du cabinet d'art graphique du Centre Pompidou) die französische Kunstwelt mit Boeckl bekannt. 1986 zeigte Jean Clair Boeckls Anatomie (1931) im Centre Pompidou in der Ausstellung Vienne 1880-1938. L'Apocalypse Joyeuse, 1989 kuratierte er dort auch die Schau Herbert Boeckl. Corps et espaces[2]. Für die staatlichen Sammlungen erwarb er ein Selbstbildnis Boeckls aus dem Jahr 1948.

Quellen und externe Links

Bibliografie

  • Clair, Jean, Hofmann, Werner (Hg.): Herbert Boeckl, Corps et espaces. 1915–1931, Ausstellungskatalog, Musée national d’art moderne, Paris 1989.
  • Narzt, Andreas, Boeckl, Matthias: Boeckl in Paris – zur Geschichte einer Liaison. In: Agnes Husslein-Arco (Hg.): Herbert Boeckl, Ausstellungskatalog, Wien (Belvedere) 2009, S. 148–159.
  • Reinhold, Bernadette: Die Exposition d’art autrichien im Jeu de Paume in Paris 1937. Ein Lehrstück austrofranzösischer Kulturpolitik in der Zwischenkriegszeit. In: Agnes Husslein-Arco (Hg.), Wien-Paris. Van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne, Belvedere, Wien 2007, S. 307–318.

Autor

Matthias Boeckl

Onlinestellung: 17/02/2026