Jacques Droz

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Jacques Droz (geboren am 12. März 1909 in Paris, gestorben am 3. März 1998 in Paris) ist vor allem für seine Arbeiten als Deutschlandhistoriker bekannt. Doch ein anhaltendes Interesse an Mitteleuropa und insbesondere an Österreich prägte seine Forschungen. In all seinen Veröffentlichungen verfolgte er einen Ansatz, bei dem die politische Geschichte als Zugang zum Verständnis nationaler Besonderheiten, unter anderem der österreichischen, im Mittelpunkt stand. Auch wenn er als „Historiker des ‚alten Österreichs‘“ bezeichnet wurde und sich in dieser Hinsicht zwischen Victor-Lucien Tapié (dessen Student er war) und Jean Béranger[1] einordnete, versäumte er es nicht, die späteren Entwicklungen Österreichs zu berücksichtigen und die Neugründung der Republik auf neuen politischen Grundlagen zu würdigen. Droz stand nicht in der Tradition der Annales-Schule, doch seine umfassenden, sowohl persönlichen als auch kollektiven Synthesen zum politischen Leben und zu den politischen Doktrinen des Sozialismus haben ihm internationale Anerkennung verschafft, vor allem im deutschsprachigen Raum.

Biographie

Nach dem Besuch des Pariser Lycée Louis-le-Grand belegte Droz 1932 den zweiten Platz bei der Agrégation in Geschichte. Bereits bei seiner ersten Veröffentlichung hob der deutsche Verfasser des Vorworts die Methodik des jungen Historikers hervor: „Heranziehung zum Teil schwer erreichbaren Quellenmaterials“, wobei er „auf teilweise schwer zugängliche Quellen zurückgreift“[2]. Pierre Renouvin[3], der seine Doktorarbeit über den rheinischen Liberalismus betreute, lenkte ihn in die Richtung einer diplomatischen und politischen Geschichte, die in einem entschieden europäischen Ansatz verankert war. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit verbrachte Droz 1934–1935 ein höchst prägendes Jahr in Deutschland, wo er die Diktatur hautnah erlebte.

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich unterrichtete er an Gymnasien, zunächst in Colmar, dann in Paris. Droz wurde 1939 zum Militärdienst einberufen, ab 1940 unterrichtete er dann wieder. Nach der Verteidigung seiner Dissertation im Jahr 1944 hatte er kurzzeitig eine Stelle als Dozent in Dijon inne und wurde anschließend Professor und Dekan in Clermont-Ferrand (von 1947 bis 1962). 1962 wurde er an die Sorbonne berufen, wo er seine akademische Laufbahn bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1978 fortsetzte, abgesehen von einer kurzen Zeit an der experimentellen Hochschule in Vincennes (1969–1970).

Sein Engagement für die historische Erforschung des Donauraums zeigt sich in seiner pädagogischen Tätigkeit: Er veröffentlichte Lehrbücher (diplomatische Geschichte, Geschichte des 19. Jahrhunderts), deren Ziel es war, zu einer einheitlichen europäischen Geschichtsschreibung beizutragen, die über Deutschland und Österreich hinaus auch die Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie einbezog. Zudem war er an der Gründung des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz (1950) beteiligt.

Sowohl in seinen eigenen als auch in kollektiven Arbeiten (er bezog den tschechischen Historiker Jiří Koralka[4] und den Slowenen Fran Zwitter[5] mit ein, um den Wissensstand zu vervollständigen) entwickelte er eine ereignisorientierte Geschichtsschreibung und eine Geschichte der Ideen, in denen der politische Akteur, dessen Doktrin und die Wege ihrer Verbreitung eine entscheidende Rolle spielen. Als Historiker, der sich für die Verteidigung einer demokratischen Linie einsetzte, betonte er die Rolle des Individuums gegenüber den Oligarchien.

Da er nach und nach erblindete, konnte er die Entwicklung im Europa nach dem Kalten Krieg nicht mehr mitverfolgen, darunter die neue Positionierung Österreichs in Ost- und Südosteuropa.

Jacques Droz und Österreich

Auch wenn sie in seinem Gesamtwerk nicht den größten Anteil ausmachen, befassen sich doch ein beträchtlicher Anteil seiner Studien mit Österreich. Neben seinen Arbeiten, die ausdrücklich Fragen der österreichischen Geschichte oder sogar aktuelle österreichische Themen behandeln, hat Droz stets an einem vergleichenden Ansatz festgehalten, der den gesamten deutschsprachigen Raum umfasst. Bezeichnenderweise versuchte er bereits in seinem ersten Werk über das Rheinland vor der Reichsgründung die Trennlinien zwischen Deutschland und Österreich zu verstehen, und reihte sich damit in eine bestimmte französische Tradition ein.[6] So vermerkte er dort in Bezug auf die erste Literaturangabe: H. Friedjung, Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland 1859–66 (1897-1898): „von einem Österreicher verfasst“. Sich auf Quellen aus erster Hand (insbesondere die Presse) wie auch auf eine umfangreiche Bibliographie stützend, versuchte er, die Entwicklung politischer Ideen vor dem Hintergrund regionaler, sozialer und konfessioneller Besonderheiten möglichst genau zu analysieren. Im Rahmen häufiger Forschungsreisen nach Österreich, dessen Kultur und insbesondere dessen Barockarchitektur er besonders schätzte, hielt er sich wiederholt in Wien auf, wo er eifrig die Universitätsbibliothek besuchte und dabei auch französische Historiker in der Stadtgeschichte des deutschsprachigen Raums ausbildete (Pierre Ayçoberry[7]). Zudem betreute er die Dissertation von Jean-Paul Bled[8], der wie er zum Spezialisten sowohl für das kaiserliche Deutschland als auch für die österreichische Monarchie werden sollte, zum Thema „Die Grundlagen des österreichischen Konservatismus: 1859–1879“ (1982). Seine Rolle in den Österreichstudien zeigt sich deutlich durch seine Mitwirkung im Redaktionskomitee der Zeitschrift Austriaca bereits ab der ersten Ausgabe. Später wurde er Mitglied des Ehrenkomitees. Ebenso war er an von der Straßburger Studiengruppe zur Habsburgermonarchie 1985 gegründeten Zeitschrift Études danubiennes beteiligt.

Die Überlegungen von Droz zu Österreich bewerten dessen historische Rolle am Maßstab des Erfolgs oder Scheiterns seines politischen Systems bei der Lösung des „quälenden Nationalitätenproblems“[9]. Sein Rückblick auf die österreichische Geschichte ist geprägt von einer Reflexion über die Rolle der Eliten, die ihm entscheidender als die des Wirtschaftssystems oder anderer Erklärungsmodelle erscheint. Droz interessierte sich für das gesamte Spektrum sozialistischer Doktrinen und zeichnete Porträts der führenden Persönlichkeiten (Karl Renner[10], Karl Kautsky[11], Otto Bauer[12]), wobei er die Sozialdemokratie und den Austromarxismus (ein Begriff, den er in Frankreich verbreitete) als theoretische und praktische Lösungen für die Nationalitätenfrage betrachtete. Das sozialdemokratische Programm erscheint unter seiner Feder als eine echte Möglichkeit des Zusammenhalts in einem österreichischen Kontext, der von zentrifugalen Bewegungen bedroht war.

Droz ist Autor zweier Übersichtswerke zur österreichischen Geschichte. Seine 1946 erschienene kurze Geschichte Österreichs wurde bis zur vierten Auflage im Jahr 1969 aktualisiert. Die Einleitung legt den allgemeinen Rahmen für seine Einschätzung des historischen Schicksals Österreichs fest:

Dieses kleine Buch könnte als Titel tragen: Größe und Niedergang Österreichs […] Größe, solange die Habsburger, die Gründer des Staates, es verstanden, für die unter ihrem Zepter vereinten Völker eine Gemeinschaft von Prinzipien und Interessen zu schaffen, solange es ihnen gelang, ihre Hingabe für eine Sache zu gewinnen, die sie alle betraf. Niedergang ab dem Tag, an dem sie die zweifellos notwendige Zentralisierungspolitik so weit trieben, dass sie den Patriotismus der nichtdeutschen Nationalitäten erschütterten, und an dem sie das Heil der Monarchie in ihrer Expansion nach außen suchten und nicht in einer besseren inneren Organisation.[13]

Österreich bildet in seinen aufeinanderfolgenden politischen Erscheinungsformen den Hintergrund für historische Betrachtungen. Droz rehabilitierte die habsburgische Geschichte bis ins 18. Jahrhundert, also bis zur Einführung des josephinischen Zentralismus, und bekräftigte dabei:

Trotz der begangenen Fehler war das alte Österreich keineswegs jene so oft angeprangerte „Stiefmutter“ der Völker, und man kann darin mehr Toleranz und Menschlichkeit erkennen, als in den aus dem Zerfall hervorgegangenen demokratischen Staaten.[14]

Droz entwickelt zudem in seiner Studie zum Begriff „Mitteleuropa“ (1960) eine umfassende historische Reflexion über die Tragfähigkeit des habsburgischen Staatssystems. Von Metternich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgt er die Triebkräfte einer historischen Notwendigkeit, nämlich die eines supranationalen Staates angesichts des Nationalitätenprinzips. Da Mitteleuropa laut Droz in erster Linie ein politisches und erst in zweiter Linie ein geografisches Konzept ist, weist er Österreich eine herausragende Rolle zu:

Denn Österreich darf nicht als Staat im gewöhnlichen Sinne des Wortes betrachtet werden, sondern als der Ort, an dem der Übergang von einer nationalen Kultur zu einer universelleren Kultur stattfinden kann, in dem die Völker, ohne etwas von dem aufzugeben, was ihre Besonderheiten ausmacht, zu einem umfassenderen Kulturgrad gelangen können. Österreich erscheint somit als eine Art Europa im Kleinen, dessen Geist, der es im Laufe der Jahrhunderte beseelt hat, bereits europäisch ist.[15]

In seiner Vision eines idealen Österreichs im Gegensatz zu einem gescheiterten Österreich zeigt Droz eine Faszination für das politische Geschick, das zur Aufrechterhaltung der heterogenen Gebiete der Habsburger eingesetzt wurde. Als kompromissloser Kritiker der Unkenntnis der französischen politischen Eliten der Zwischenkriegszeit hinsichtlich des Donauraums bedauert er den Zerfall Österreich-Ungarns als historischen Fehler, der es Deutschland ermöglichte, diesen Raum zu seinem Vorteil neu zu ordnen.

Trotz einer gewissen allmählichen Ausblendung seiner Werke aus der französischen Geschichtsschreibung findet sich ein Nachklang der historischen Anliegen von Droz bei Jacques Le Rider[16], Paul Pasteur oder Jean-Numa Ducange[17]. In Österreich erschien kurz nach dessen Erstveröffentlichung die Geschichte des Sozialismus, die er herausgab, in deutscher Übersetzung.

Quellen und externe Links

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

  • Droz, Jacques: L’Opinion publique dans la Province Rhénane au cours du conflit austro-prussien 1864-66. Bonn: Röhrscheid 1932.
  • Droz, Jacques: Le Libéralisme rhénan. 1815-1848. Contribution à l’histoire du libéralisme allemand. Paris: Sorlot 1940.
  • Droz, Jacques: Histoire de l’Autriche. Paris: PUF 1946 (« Que sais-je ? »).
  • Droz, Jacques: Histoire diplomatique de 1648 à 1919. Paris: Dalloz 1952.
  • Droz, Jacques: L’Europe centrale. Évolution historique de l’idée de « Mitteleuropa ». Paris: Payot 1960.
  • Droz, Jacques: La Baronne Blaze de Bury, observatrice de la politique autrichienne. Institut für österrreichische Geschichtsforschung (Hg.): Österreich und Europa. Festgabe für Hugo Hantsch zum 70. Geburtstag. Graz, Wien: Styria 1965, S. 325–335.
  • Droz, Jacques: Cisleithanie. Les masses laborieuses et le problème national, 1867-1918. In: Commission internationale d’histoire des mouvements sociaux et des structures sociales, Mouvements nationaux d’indépendance et classes populaires aux XIXe et XXe siècles en Occident et en Orient, Bd. I. Paris: Armand Colin 1971, S. 74–92.
  • Droz, Jacques (Hg.): Histoire générale du socialisme. Paris: PUF, 4 Bde, 1972–1978.
  • Droz, Jacques (Hg.): Geschichte des Sozialismus. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein, 17 Bde, 1974–1984.
  • Droz, Jacques: Le syndicalisme autrichien, Austriaca 3 (1976), S. 83–97.
  • Droz, Jacques: Heinrich Ritter von Srbik et la conception Gesamtdeutsch de l’histoire allemande. Austriaca 6 (1978), S. 51–77.
  • Droz, Jacques (Hg.): Les historiens des pays successeurs sur l’Autriche-Hongrie. Austriaca 18 (1984).
  • L’historiographie autrichienne de la Double Monarchie. In id. (Hg.): „Les historiens des pays successeurs sur l’Autriche-Hongrie“. Austriaca 18 (1984), S. 17–56.
  • Droz, Jacques: Les historiens français face à la Double Monarchie. In Félix Kreissler (Hg.): Les Relations franco-autrichiennes, 1870-1970, Tagungsband (Rouen, 29 Februar – 3 März 1984), Austriaca (Juni 1986), S. 63–70.
  • Droz, Jacques: La réception des idées de Schönerer dans les universités autrichiennes. Études danubiennes 3/1 (1987), S. 129–131.
  • Droz, Jacques: Saint-René Taillandier et la double monarchie. Études danubiennes 5/2 (1989), S. 9–14.
  • Droz, Jacques: Frédéric de Gentz et les idées révolutionnaires. Austriaca 29 (1989), S. 21–30.
  • Droz, Jacques: La Mitteleuropa de Friedrich Naumann. Austriaca 32 (1991), S. 59–70.

Sekundärliteratur

  • Ducange, Jean-Numa, Keucheyan, Razmig, Rosa, Stéphanie (Hg.): Histoire globale des socialismes, XIXe-XXIe siècle. Paris: PUF 2021.
  • Espagne, Michel und Werner, Michael (Hg.): Les Études germaniques en France. Paris: CNRS Éditions 1994.
  • Kreissler, Félix: Jacques Droz – maître et ami. Austriaca 46 (1998), S. 202–203.
  • Le Rider, Jacques: La Mitteleuropa. Paris: PUF 1994 (« Que sais-je ? »).
  • Le Rider, Jacques: La contribution française à la définition d’une identité culturelle autrichienne. In Espagne, Werner (Hg.): Les Études germaniques en France, S. 397–432.
  • Möller, Horst: Nekrologe: Jacques Droz. Francia 28/3 (2001), S. 195–198.
  • Prost, Antoine: Jacques Droz. Le Mouvement social 184 (1998), S. 113–116.
  • Prost, Antoine: DROZ, Jacques. In Christian Amalvi (Hg.): Dictionnaire biographique des historiens français et francophones : de Grégoire de Tours à Georges Duby. Paris: La Boutique de l’histoire 2004, S. 84–85.
  • Tendler, Joseph: Jacques Droz (1909-1998). In Philip Daileader, Philip Whalen (Hg.): French Historians, 1900-2000: New Historical Writing in Twentieth-Century France. Chichester, Malden (Mass.): Wiley-Blackwell 2010, S. 164–179.

Autor

Daniel Baric

Onlinestellung: 03/09/2026