Romain Rolland

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Romain Rolland, 1914

Als französischer Schriftsteller, Musikologe, Musikkritiker, Pazifist wurde Romain Rolland (29. Januar 1866 in Clamecy – 30. Dezember 1944 in Vézelay) 1915 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er spielte besonders in den (und teilweise nach den) Kriegsjahren 1914–1918 eine wichtige Rolle in der pazifistischen Bewegung in Europa und hatte, vermittelnd zwischen Kulturen, Auffassungen und ideologischen Positionen, auch auf österreichische Intellektuelle einen großen Einfluss.

Biografie

Rolland entstammte einer bürgerlichen Familie, die 1880 nach Paris zog. Hier studierte er bis 1889 an der École normale supérieure Geschichte und Literatur; 1889–1991 bereitete er seine Doktorarbeit (thèse) in Musikgeschichte in Rom vor, wo er im Salon von Malwida von Meysenburg verkehrte und Wagners Musik kennenlernte; er besuchte auch Bayreuth. 1895 verteidigte er seine Thèse, war danach Lehrbeauftragter für Kunstgeschichte an der ENS, danach ab 1904 für Musikgeschichte an der Sorbonne. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg reiste er viel in Europa, schrieb Essays, Kritiken, kunst- und musikhistorische Texte, Erzähltexte und Biographien über Beethoven, Michelangelo, Tolstoi, Händel. Er schrieb auch mehrere Dramen, von denen als erstes Les Loups (1898) aufgeführt wurde. Zwischen 1904–1912 schrieb er seinen „roman-fleuve“ Jean-Christophe, der zu einem großen (internationalen) Erfolg wurde und ihm 1915 den Nobelpreis für Literatur bescherte. Seine späteren Werke, Romane (Colas Breugnon, Clérembault, Pierre et Luce, L’âme enchantée) wurden auch in viele Sprachen übersetzt.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Rolland in der Schweiz,[1], er blieb in Genf und arbeitete bei der Internationalen Zweigstelle für Kriegsgefangene (Oktober 1914–Juli 1915), im Journal de Genève veröffentlichte er eine Reihe von pazifistischen Texten, die auch als Buch erschienen (Au-dessus de la mêlée [1915]; Aux peuples assassinés [1917]), in denen er die kriegsführenden Länder kritisierte und eine über den Parteien stehende Position einnahm, sowie unter ihnen zu vermitteln versuchte. In der Schweiz kam er mit vielen Intellektuellen auch aus Deutschland und Österreich in Kontakt (u.a. Andreas Latzko[2], Stefan Zweig, Leonhard Frank, Harry Graf Kessler[3], Annette Kolb[4], René Schickele[5]). Nach dem Ersten Weltkrieg blieb Rolland eine zeitlang in der Schweiz, näherte sich sozialistisch-revolutionären Ansichten an und sympathisierte mit der Oktoberrevolution bzw. der Sowjetunion (die er 1935 sogar besuchte). Nachdem er in den 1920er Jahren noch an einem Pazifismus ohne irgendeine Gewaltanwendung festhielt (teilweise unter Einfluss von Gandhi), nimmt er angesichts der politischen Entwicklungen der 1930er Jahre allmählich eine kämpferische, Gewalt und Revolution, sogar Krieg (gegen den aufkommenden Faschismus) akzeptierende Haltung ein, wodurch sich viele Freunde von ihm entfernten;[6] nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs resigniert er, zieht sich zurück, versucht immerhin seine Hoffnung auf Frieden nicht aufzugeben: Dass er das erlebt, wird durch seinen Tod im Dezember 1944 verhindert.

Rollands Beziehungen zu Österreich

Rollands erste Beziehungen zu Österreich gehen auf sein Interesse und sein Studium der Musik zurück: Er bewundert Mozart und Beethoven, besucht Salzburg und Wien. Erst um 1910 lernt er österreichische Intellektuelle, Literaten kennen. Als Stefan Zweig ab 1908 sich öfter in Paris aufhält, sucht er Rolland auf und macht ihn auch mit anderen Künstlern (u.a. mit [[Rainer Maria Rilke<Rilke]]) bekannt.[7] Zweig vermittelt auch Rollands Jean-Christophe nach Österreich, regt eine deutsche Übersetzung an, die Otto Grautoff übernimmt. Zweig schreibt auch eine positive Kritik über Rolland, beginnt mit ihm einen Briefwechsel, der die wechselvollen Jahre fast bis zum Tod überdauert (1910–1940). Rolland kann sich durch Zweig über die österreichische Literatur informieren, „[i]hm ist es zu verdanken, daß Bahr und Rilke, Schnitzler und Freud, Werfel und Trakl, Petzold[8] und Latzko in den Gesichtskreis Rollands treten“ [9].

Rolland und Zweig

Die Beziehung von Rolland und Zweig ist besonders hervorzuheben als Beispiel für eine freundschaftliche Auseinandersetzung zweier Intellektuellen mit den Fragen von Krieg, Nationalismus, Pazifismus, Europäertum und als eine beispielhafte kulturelle Vermittlung über politische und sprachliche Grenzen hinaus. Kulminationspunkt ist der Erste Weltkrieg, bei dessen Ausbruch Rolland in seinen kriegskritischen Veröffentlichungen (u.a. Au-dessus de la mêlée) im Journal de Genève entschieden gegen den Krieg Stellung nimmt; dagegen äußert sich Zweig – im Gegensatz zu seiner erst rückblickend entstandenen, postum publizierten Autobiographie Die Welt von Gestern – bei Kriegsausbruch widersprüchlich, so u.a. im Essay An die Freunde im Fremdland im September 1914 und in seinem Tagebuch, in dem er auch kriegsakzeptierende und nationalistisch-patriotische (immerhin ambivalente) Ansichten zeigt, außerdem leistet er Kriegsdienst, zwar nicht mit der Waffe, sondern in der Propagandaabteilung des KPQ in Wien. Erst unter dem Einfluss von Rollands Beharren auf ihrer Freundschaft („Je suis plus fidèle que vous à notre Europe, cher Stefan Zweig, et je ne dis adieu à aucun de mes amis“[10] sowie des in ihrem Briefwechsel fortgesetzten Dialogs kommt Zweig allmählich zu einem entschieden pazifistischen Standpunkt: Er schreibt sein Drama Jeremias (1917), das, das biblische Thema aktualisierend, eine eindeutige Einstellung gegen den Krieg zum Ausdruck bringt. Nachdem Zweig zur Aufführung des Dramas in die Schweiz fahren darf und sich dort aufhält (ab November 1917 bis März 1919), kommt es zu einem intensiven und auch persönlichen Austausch mit Rolland; Zweigt kann dadurch und auch im Dialog mit anderen in die Schweiz geflüchteten Intellektuellen verschiedener Nationen seine pazifistische Gesinnung begründen und festigen. Rolland hilft – auf Anregung Zweigs – Rilke und Schnitzler[11]: Er setzt sich für Rilke ein und kann mit Hilfe von Gide und Copeau einen Teil von Rilkes versteigerten Büchern, Manuskripten, Möbeln retten. Rolland vermittelt Schnitzler in der „Verleumdungsaffäre“, als diesem in einem (anonymen) fiktiven Interview abschätzende Aussagen über die Literatur und Kultur von Österreichs Kriegsgegner zugeschrieben werden: Rolland übersetzt und veröffentlicht Schnitzlers Erklärung im Journal de Genève, in der er die Anschuldigungen dementiert. Zweig bemüht sich seinerseits um Aufführungen von Rollands Les Loups in Wien, schreibt an einem Buch über Rolland (1921), übersetzt auch Rollands Clérembault und Liluli und regt Freunde zu Übersetzungen weiterer Werke Rollands an. 1926 setzt er sich für eine Festschrift zum 60. Geburtstag Rollands ein: das Liber Amicorum erscheint in Zürich beim Rotapfel-Verlag mit 130 Einträgen, darunter von Österreichern wie Amann, Bahr, Freud, Latzko, Schnitzler und Zweig selbst.

Zweig und Rolland setzen ihren Briefwechsel nach dem Ersten Weltkrieg fort, beide nehmen an verschiedenen pazifistischen Bewegungen und Organisationen teil; ihre Meinungen gehen aber Schritt für Schritt in andere Richtungen: Rolland orientiert sich sozialistisch gesinnt und sympathisiert allmählich mit der Revolution und der Sowjetunion, Zweig dagegen bewahrt seine Skepsis und konservative Haltung – immerhin bleiben beide ihrer europäisch-pazifistischen Gesinnung treu –, bis das Aufkommen des Faschismus, der „Anschluss“ und der Zweite Weltkrieg – auch wegen Zweigs Exil in England und Brasilien – kaum überwindbare Hürden darstellen.

Die Präsenz Rollands „im öffentlichen Bewußtsein“[12] nimmt in Frankreich seit den 2010er Jahren zu, in Deutschland war Rollands Rezeption in der BRD und der DDR ziemlich ungleich, erst in den letzten zehn Jahren wird Rolland und seinen deutsch-österreichischen Beziehungen wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Immerhin bleibt es weiterhin ein Wunsch, ihn in der Forschung sichtbarer zu machen, neu zu bewerten und neue Forschungsperspektiven zu öffnen.[13]

Quellen und externe Links

Bibliographie

Primärliteratur

  • Romain, Rolland: Au-dessus de la mêlée. Paris: Payot 2019.
  • Rolland, Romain: Jean-Christophe. Paris: Albin Michel 1967.
  • Rolland, Romain: Das Gewissen Europas. Tagebuch der Kriegsjahre 1914–1919. Aufzeichnungen zur Moralgeschichte Europas in jener Zeit, Band I, II, III. Aus d. Franz. übersetzt v. Cornelia Lehmann, mit einem Vorwort von Gerhard Schewe. Berlin: Rütten & Loening 21983.
  • Rolland, Romain – Zweig, Stefan: Correspondance 1: 1910–1919. Éd. Jean-Yves Brancy. Paris: Albin Michel 2014.
  • Rolland, Romain – Zweig, Stefan: Correspondance 2: 1920–1927. Éd. Jean-Yves Brancy. Paris: Albin Michel 2015.
  • Rolland, Romain – Zweig, Stefan: Correspondance 3: 1928–1940. Éd. Jean-Yves Brancy. Paris: Albin Michel 2016.
  • Zweig, Stefan – Rolland Romain: Von Welt zu Welt: Briefe einer Freundschaft 1914–1918. Berlin: Aufbau Verlag 2014.
  • Zweig, Stefan: Romain Rolland. Der Mann und das Werk. Frankfurt/Main: Rütten & Loening 1921.
  • Zweig, Stefan: Tagebücher, hrsg. von Knut Beck. Frankfurt/Main: S. Fischer 1984.
  • Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt/Main: S. Fischer 1917.

Sekundärliteratur

  • Battiston, Régine et al. (Hg.): „Ich liebte Frankreich wie eine zweite Heimat“. Neue Studien zu Stefan Zweig – „J’aimais la France comme ma seconde patrie“: actualité[s] de Stefan Zweig. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011.
  • Baum, Wilhelm: Paris und die Kultur der Moderne in Österreich. Österreichisch-französische Kulturbeziehungen 1880–1970. Klagenfurt – Wien: kitab-Verlag 2009.
  • Cheval, René: Romain Rolland, l’Allemagne et la guerre. Paris: PUF 1963.
  • Cheval, René: Romain Rollands Begegnungen mit Österreich. Innsbruck: Universitätsverlag 1968.
  • Duchatelet, Bernard (Hg.): Romain Rolland, une œuvre de paix. Paris: Publications de la Sorbonne 2010.
  • Hertrampf, Marina Ortrud (Hg.): Romain Rolland und die deutschsprachigen Länder. Verbindungen – Wahrnehmung – Rezeption. Berlin: Frank & Timme, 2018.
  • Hertrampf, Marina Ortrud (Hg.): Frieden! Pazifistische Gedanken im Umkreis von Romain Rolland. München: Akademische Verlagsgesellschaft 2022.
  • Kemp, Marcelle: Romain Rolland et l’Allemagne. Paris: Debresse 1963.
  • Klepsch, Michael: Romain Rolland im Ersten Weltkrieg. Ein Intellektueller auf verlorenem Posten. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 2000.

Autorin

Magdolna Orosz

Onlinestellung: 28/09/2026