Kurt Weber

Der Maler und Kosmopolit Kurt Weber war eine Schlüsselfigur der Internationalisierung des österreichischen Kunstbetriebs vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab 1926 wirkte er in der Grazer Sezession im Mittelpunkt der dortigen künstlerischen Avantgarde. Innerhalb Österreichs wurden hier die Pariser Entwicklungen des Kubismus, des Orphismus und der Konkreten Kunst am konsequentesten rezipiert. Zudem war die Grazer Avantgarde-Szene vor 1938 mit Künstlern wie Axl Leskoschek (1889–1976)[1], Herbert Eichholzer (1903–1943) und Kurt Weber markant antifaschistisch ausgerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Weber durch sein Lehramt an der Technischen Hochschule Graz Generationen von Studierenden mit internationalen Kunstentwicklungen vertraut. So konnten diese jungen Künstler:innen insbesondere auf Basis der klassischen Moderne aus Paris erneut eine überregional angesehene Grazer Avantgardeszene aufbauen.
Jugend und Ausbildung
Kurt Weber entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus der oststeirischen Stadt Weiz. Nach Besuch der Oberrealschule in Graz und Ingenieurschule in Weimar-Altenburg zog er nach Berlin, bevor er 1914–1918 Kriegsdienst u.a. an der Südfront leistete. 1918–1921 lebte er als kaufmännischer Vertreter für Motorfahrzeuge erneut in der deutschen Hauptstadt. Im Freundeskreis machte er sich dort mit der Novembergruppe und avantgardistischen Künstlerkreisen vertraut. Nachhaltige Eindrücke schufen die Werke von Wassily Kandinsky[2] und Paul Klee[3], der Kubisten und Konstruktivisten sowie der Expressionisten im Kreis um Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm. Zeittypisch ist auch Webers beginnende Begeisterung für den Buddhismus.
Sein Kunststudium begann er 1921–1924 in der Landeskunstschule in Graz bei Daniel Pauluzzi und in der Privatschule von Heinrich Knirr in München. 1924–1927 nahm er in Graz weiteren Unterricht bei Alfred Wickenburg (1885–1978), der 1904–1909 an privaten Kunstschulen in Paris studiert hatte, sowie bei Wilhelm Thöny[4] (1888–1949). 1926 trat Weber der Grazer Sezession bei, die seit ihrer Gründung 1923 klar an der Pariser Avantgarde orientiert war. Mit Hanns Wagula (1894–1964), Erich Hönig (1894–1945), Ernst Paar[5] (1906–1986) und Hans Stockbauer (1910–1982), bildete sich in der Vereinigung um Weber bald eine Gruppe junger Kubisten.
Inspirationen in Frankreich

Eine Erbschaft ermöglichte es Kurt Weber 1927, gemeinsam mit Hans Wagula, eine erste Reise ins Mekka der Moderne nach Paris zu unternehmen. 1929 folgten Wilhelm Thöny und Hans Stockbauer sowie der Architekt Herbert Eichholzer, der drei Monate im Atelier von Le Corbusier arbeitete. Ein Jahr später trafen schließlich Anny Dollschein (1893–1946) und Ernst Paar in Paris ein. Kurt Weber ließ sich bei seinem ersten Paris-Aufenthalt vom klassischen Kubismus inspirieren, aber auch vom Fauvismus der befreundeten Malerin Lou Albert-Lasard[6] (1885–1969). Prägend war Robert Delaunays Orphismus in Gestalt der Malerei von Hannah Kossnick-Kloss[7] (1892–1966), der Lebensgefährtin des deutsch-jüdischen expressionistischen Bildhauers Otto Freundlich (1878–1943). Dessen bekannte Skulptur Der neue Mensch sollte 1937 am Cover der NS-Propaganda-Schau Entartete Kunst erscheinen. Freundlich wurde 1943 in der Shoa ermordet.
1927–1934 lebte Weber wieder in Graz als einer der begabtesten avantgardistischen Maler Österreichs. Bei Ausstellungen der Grazer Sezession in München (1930) und in Berlin bei der Künstlervereinigung Porza (1931) schrieb die Presse vor allem über seine Orientierung an Frankreich: So lobte etwa die Münchner Abendzeitung vom 21.5.1930 „die von französischem ‚Esprit‘ und Pariserischer prickelnder und temperamentvoller Eleganz erfüllten Aquarelle Kurt Webers“. 1933 stellte Weber auch in der adriatischen Küstenstadt Split im damaligen Jugoslawien aus.
Im Frühjahr 1934 zog Weber vor dem Hintergrund der Februarkämpfe und der Errichtung der christlich-sozialen Kanzlerdiktatur in Österreich gemeinsam mit seiner Frau Gertrude (geb. Doser) erneut nach Frankreich. Den Sommer 1934 verbrachte man in Bandol, einem der zahlreichen Malerdörfer an der Côte d’Azur, in denen französische, internationale und österreichische Künstler lebten. In Toulon stellte Weber einige Bilder aus.

Von Herbst 1934 bis Frühjahr 1936 lebte Weber mit seiner Frau wieder in Paris und setzte seine Studien fort. Eine der bekanntesten privaten Kunstschulen dort war die 1904 gegründete Académie de la Grande-Chaumière, die bis 1944 von Martha Stettler und Alice Dannenberg an der namensgebenden Adresse 14, rue de la Grande-Chaumière am Montparnasse betrieben wurde. An diesem Institut studierten vor 1945 etwa auch Heinrich Sussmann[8] (1904–1986), Edgar Jené (1904–1984) und Gerhild Diesner (1915–1995). Nach 1945 lernten hier beim Bildhauer Ossip Zadkine u.a. die Österreicher Josef Pillhofer (1921–2010) und Marc Adrian (1940–2008). Kurt Weber studierte an der Grande-Chaumière 1934–1936 bei Robert Delaunay und Fernand Léger. Zusätzlich unterrichtete ihn Otto Freundlich, mit dem er weiterhin eng verbunden blieb, in Webers kleiner Pariser Wohnung. Den Sommer 1935 verbrachte das Ehepaar Weber gemeinsam mit Otto Freundlich und Hannah Kossnick-Kloss in Étretat in der Normandie, wo einst Claude Monet gearbeitet hatte. Im Frühjahr 1936 zog Kurt Weber nach Mallorca, während seine Frau zur Geburt des gemeinsamen Kindes zurück nach Graz ging. Der Maler verkehrte in der Exilkünstlerkolonie von Palma de Mallorca und bestritt dort eine Ausstellung. Nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges flüchtete Weber im November 1936 zurück nach Graz.
Avantgardemalerei im Verborgenen

Von 1936 bis zum Kriegsende 1945 lebte Weber als freischaffender Künstler in Graz. Während der christlich-sozialen Kanzlerdiktatur (1934–1938) konnte er seine kubistisch-orphistische Malerei nur mehr in wenigen Ausstellungsbeteiligungen präsentieren. Die westliche Avantgarde stieß in Österreich auf Gegenwind: Das Linzer Volksblatt etwa schrieb am 18.5.1937 über Weber: „Die Bilder (...) sind im Katalog mit ‚Mutterschaft‘ und ‚Stierkampf‘ bezeichnet ... Das ist in diesem Fall wichtig, denn so würde man nicht draufkommen. Das ist jüngster Import aus Paris, sozusagen der letzte Schrei der jüngsten Kunst, in Wirklichkeit ist diese Periode in der Welt glücklicherweise längst überwunden.“ Die Finanzlage der Webers war in jenen Jahren prekär – der Maler lebte und arbeitete in seinem Atelier, während Frau und Kind bei den Eltern von Gertrude wohnten. Enge künstlerische Kontakte pflegte Weber zu Thomas Ring (1892–1983)[9] und Margret Bilger (1904–1971)[10].

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 wurde die Mitgliedschaft in der gleichgeschalteten Reichskammer der bildenden Künste zur Bedingung für die Teilnahme an Ausstellungen, für öffentliche Aufträge und bald auch für den Bezug von Malmaterial. Webers Mitgliedschaft ist bislang nicht bekannt. Nach dem Kriegsbeginn 1939 blieb Weber der Wehrdienst wegen seines Alters und wegen einer Schulterluxation erspart. Ein ungewöhnlicher Weg, weiterhin seine künstlerische Praxis aufrechtzuerhalten, war 1941 die Aufnahme eines Bühnenbild-Studiums an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Der mittlerweile 48-jährige Maler studierte in der Meisterschule von Emil Pirchan (1884–1957) und avancierte dort bald zum Assistenten. An der Akademie lernte Weber Künstler:innen kennen, die sich ebenfalls der NS-Kunstdoktrin verweigerten. Vor allem entstand eine Freundschaft mit dem gleichaltrigen Herbert Boeckl (1894–1966), der an der Akademie 1935–1939 eine Meisterschule für Malerei innegehabt hatte. 1939 hatte er sich jedoch auf die Leitung des Abendakts zurückgezogen, einer Pflichtlehrveranstaltung für alle Akademiestudierenden. Weber und Boeckl blieben auch nach 1945 befreundet. An der Akademie studierte während des Krieges auch Maria Lassnig (1919–2014), die ebenfalls zum Kreis um Boeckl gehörte. Nach 1945 durchlief sie rasch die Lehren der klassischen Moderne, bevor sie zur bekannten Pionierin der informellen Malerei in Österreich avancierte. 1945 versteckte sich Weber mit seiner Familie in einem Haus nahe der oststeirischen Weizklamm, um dem Einzug zum Volkssturm zu entgehen.
Proliferation der Pariser Avantgarden

Österreichs Befreiung vom NS-Regime 1945 brachte Weber schließlich die offizielle Anerkennung und die langersehnte Möglichkeit, an der „Synchronisierung“ des österreichischen Kunstbetriebs mit westlichen Standards mitzuwirken. Im Herbst 1945 erhielt er einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Graz für Zeichnen und Malen sowie Bühnengestaltung, der später in „Künstlerische Gestaltung“ umbenannt wurde. Zusätzlich lehrte er gelegentlich an der Philosophischen Fakultät der Universität Graz und hielt Aktzeichenkurse im Volksbildungshaus Urania. Besonders die Lehre an der Technischen Hochschule erwies sich als folgenreich. Sein Vorbild beeindruckte mehrere Architekturstudenten so intensiv, dass sie die Baukunst aufgaben und Maler wurden. Zu dieser Gruppe der steirischen Nachkriegs-Avantgarde gehörten u.a. Hans Bischoffshausen (1927–1987), Gerhard Lojen (1935–2005), Hartmut Urban (1941–1997) und Jorrit Tornquist (1938–2023).
Weber errang in den Nachkriegsjahren erste öffentliche Aufträge, etwa für Wandbilder im öffentlichen Raum und für Bühnenbilder der Grazer Oper. Auch seine Ausstellungstätigkeit nahm wieder Fahrt auf und brachte unter anderem eine Personale in der Wiener Galerie Nebehay (die 1918–1931 auch Herbert Boeckl unter Vertrag hatte) sowie regelmäßige Beteiligungen an den Präsentationen der Grazer Sezession. Dort setzte er sich intensiv für die moderne Kunst aus Frankreich ein, zeigte Filme von Jean Cocteau und hielt einen Vortrag über Henri Matisse. Seine engsten Mitstreiter in der Sezession waren Fritz Aduatz (1907–1994), Rudolf Pointner (1907–1991), Franz Rogler (1921–1994) und Mario Decleva (1930–1979).

Weitere Aktivitäten im Sinne der klassischen französischen Avantgarden entfaltete Weber auch durch seine Mitarbeit in dem 1947 gegründeten Wiener Art Club. Dass er zeitlebens offen und interessiert für die neuesten Strömungen war, beweisen auch seine Kontakte zu den österreichischen Surrealisten nach 1945. Weber pflegte freundschaftlichen Umgang mit Max Hölzer (1915–1984), dem Herausgeber der Surrealistischen Publikationen, und mit dem damals Dichter Paul Celan (1920–1970), der nach seiner kurzen Zeit in Wien (1947/48) in Paris lebte und bei gelegentlichen Besuchen in Graz bei Weber wohnte. Engen Austausch pflegte Weber auch mit der steirisch-amerikanischen Malerin Vevean Oviette (Emma Juliana Schwarzbauer, 1902–1986), die 1934 nach New York emigriert war und 1951–1954 sowie 1962 bis zu ihrem Tod in Graz lebte.
Weber blieb auch in seinem sechsten und siebenten Lebensjahrzehnt stets an aktuellen Entwicklungen interessiert. Dafür reiste er erneut nach Paris und immer wieder zur Kunstbiennale nach Venedig. Seine späten Arbeiten rezipieren deutlich das Pariser Informel, aber auch die postsurrealistischen Positionen von Jean Dubuffet[11] und Jackson Pollock.
Quellen und externe Links
- ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Leskoschek%2C_Axl
- ↑ https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Wassily_Kandinsky
- ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562827.html#ndbcontent
- ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Th%C3%B6ny%2C_Wilhelm
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Paar
- ↑ https://www.lematrimoine.fr/lou-albert-lazard/
- ↑ https://awarewomenartists.com/artiste/jeanne-kosnick-kloss/
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Heinrich_Sussmann
- ↑ https://www.bbkl.de/index.php/frontend/autor?id=3364
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_B/Bilger_Margret_1904_1971.xml
- ↑ https://www.fonds-culturel-leclerc.fr/actualit%C3%A9s-jean-dubuffet-893-17-0-0.html
Bibliografie
- Eisenhut, Günter: Kurt Weber. In: Moderne in dunkler Zeit. Widerstand, Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933–1945. Ausstellungskatalog. Graz: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum 2001, S. 484–493.
- Fanninger, Rita: Kurt Weber (1893–1964): Biographie und Werkverzeichnis, Diplomarbeit. Universität Salzburg, 1987
- Kurt Weber: 1893–1964, Ausstellungskatalog. Graz: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum 1965
- Kurt Weber: Werk und Wirkung, Ausstellungskatalog. Graz: Stadtmuseum 1986
- Kurt Weber (1893–1964), Ausstellungskatalog. Graz: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum 1993
- Rubinig, Richard: Kurt Weber (1893–1964), Ausstellungskatalog. Wien: Galerie Hubert Winter 1982
Autor
Matthias Boeckl
Onlinestellung: 30/09/2026
