Leihbibliotheken: Unterschied zwischen den Versionen

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==Die Zeit der Pioniere==
==Die Zeit der Pioniere==
1772 wurde von dem umtriebigen Jakob Bianchi<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jakob_Franz_Bianchi</ref> (1732–1785) (Jakob Franz Bianchi – Wien Geschichte Wiki) – ein Jahr zuvor hatte er das „Comptoir der Künste, Wissenschaften und Commerzien“ und die ''Wiener Realzeitung'' gegründet – das erste „LecturCabinet“ am Wiener Kohlmarkt eröffnet, 1773 folgte eine analoge Anstalt in Brno/Brünn. Die Bezeichnung verweist unverkennbar auf das französische Vorbild. 1776 wurde das Wiener Lekturkabinett von Karl von Zahlheim, der im Hauptberuf Professor für Agrikultur war, übernommen, 1777 von dem mächtigen Verleger und Buchhändler [[Johann Trattner|Johann Thomas von Trattner]]. Das Lesekabinett präsentierte sich ab 1776 als ein auch Fremden offen stehender Treffpunkt der Gesellschaft, an dem in erster Linie Zeitungen und Zeitschriften gelesen und Getränke gereicht wurden, auch Schachtische waren vorhanden. Hatte Bianchi die Förderung der Wissenschaft angestrebt, so entsprachen die Bestände nun eher den Bedürfnissen der „guten Gesellschaft“.<ref>vgl. Jesinger 1928, 55</ref> Für dieses Zielpublikum sprechen der Mitgliedsbeitrag von 2 Gulden pro Monat und der Umstand, dass 1776 das Angebot an Büchern und Periodika von ca. 1300 Bänden zur Hälfte aus Titeln in französischer Sprache bestand. Neben Sachliteratur fanden sich im Bereich Belletristik die Klassiker Racine und Molière, mit Diderot, Rousseau, Voltaire, Crébillon und Montesquieu, vor allem aber die von der Zensur zugelassenen Teile der Literatur der Aufklärung, darunter sogar Auszüge aus der ''Encyclopédie''.<ref>vgl. Verzeichniß 1776</ref>
1772 wurde von dem umtriebigen Jakob Bianchi<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jakob_Franz_Bianchi</ref> (1732–1785) – ein Jahr zuvor hatte er das „Comptoir der Künste, Wissenschaften und Commerzien“ und die ''Wiener Realzeitung'' gegründet – das erste „LecturCabinet“ am Wiener Kohlmarkt eröffnet, 1773 folgte eine analoge Anstalt in Brno/Brünn. Die Bezeichnung verweist unverkennbar auf das französische Vorbild. 1776 wurde das Wiener Lekturkabinett von Karl von Zahlheim, der im Hauptberuf Professor für Agrikultur war, übernommen, 1777 von dem mächtigen Verleger und Buchhändler [[Johann Trattner|Johann Thomas von Trattner]]. Das Lesekabinett präsentierte sich ab 1776 als ein auch Fremden offen stehender Treffpunkt der Gesellschaft, an dem in erster Linie Zeitungen und Zeitschriften gelesen und Getränke gereicht wurden, auch Schachtische waren vorhanden. Hatte Bianchi die Förderung der Wissenschaft angestrebt, so entsprachen die Bestände nun eher den Bedürfnissen der „guten Gesellschaft“.<ref>vgl. Jesinger 1928, 55</ref> Für dieses Zielpublikum sprechen der Mitgliedsbeitrag von 2 Gulden pro Monat und der Umstand, dass 1776 das Angebot an Büchern und Periodika von ca. 1300 Bänden zur Hälfte aus Titeln in französischer Sprache bestand. Neben Sachliteratur fanden sich im Bereich Belletristik die Klassiker Racine und Molière, mit Diderot, Rousseau, Voltaire, Crébillon und Montesquieu, vor allem aber die von der Zensur zugelassenen Teile der Literatur der Aufklärung, darunter sogar Auszüge aus der ''Encyclopédie''.<ref>vgl. Verzeichniß 1776</ref>


Die Lesekabinette hatten von Anfang an mit der behördlichen Beschränkung der Lizenzen zu kämpfen, 1798 wurden sie, in Verdacht antimonarchistischer Umtriebe geraten, gänzlich aufgehoben, 1799 folgten die Leihbibliotheken im engeren Sinn. Erst 1810 wurden sie mit bestimmten Auflagen (unter anderem Unbescholtenheit und ein gewisses Vermögen des Betreibers, die Bestände mussten neben anderem die wichtigsten deutschen und französischen Klassiker enthalten) wieder zugelassen.<ref>vgl. Martino 1990, 38–43</ref>  
Die Lesekabinette hatten von Anfang an mit der behördlichen Beschränkung der Lizenzen zu kämpfen, 1798 wurden sie, in Verdacht antimonarchistischer Umtriebe geraten, gänzlich aufgehoben, 1799 folgten die Leihbibliotheken im engeren Sinn. Erst 1810 wurden sie mit bestimmten Auflagen (unter anderem Unbescholtenheit und ein gewisses Vermögen des Betreibers, die Bestände mussten neben anderem die wichtigsten deutschen und französischen Klassiker enthalten) wieder zugelassen.<ref>vgl. Martino 1990, 38–43</ref>


==Vom Aufschwung im 19. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg==
==Vom Aufschwung im 19. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg==

Aktuelle Version vom 11. Februar 2026, 11:52 Uhr

Nach dem Vorbild von Paris und London wurden auch in österreichischen Städten ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Leihbibliotheken eingerichtet, die maßgeblich an der Verbreitung des Lesens über den kleinen Kreis der Gebildeten und Begüterten hinaus beteiligt waren. Französische Literatur, auch in der Originalsprache, machte einen großen Teil, nicht selten bis zur Hälfte der Bücherbestände aus. Dieser Eintrag beschränkt sich auf die wichtigsten Wiener Betriebe, da die Lage in den anderen österreichischen Städten wenig erforscht ist.

Die Zeit der Pioniere

1772 wurde von dem umtriebigen Jakob Bianchi[1] (1732–1785) – ein Jahr zuvor hatte er das „Comptoir der Künste, Wissenschaften und Commerzien“ und die Wiener Realzeitung gegründet – das erste „LecturCabinet“ am Wiener Kohlmarkt eröffnet, 1773 folgte eine analoge Anstalt in Brno/Brünn. Die Bezeichnung verweist unverkennbar auf das französische Vorbild. 1776 wurde das Wiener Lekturkabinett von Karl von Zahlheim, der im Hauptberuf Professor für Agrikultur war, übernommen, 1777 von dem mächtigen Verleger und Buchhändler Johann Thomas von Trattner. Das Lesekabinett präsentierte sich ab 1776 als ein auch Fremden offen stehender Treffpunkt der Gesellschaft, an dem in erster Linie Zeitungen und Zeitschriften gelesen und Getränke gereicht wurden, auch Schachtische waren vorhanden. Hatte Bianchi die Förderung der Wissenschaft angestrebt, so entsprachen die Bestände nun eher den Bedürfnissen der „guten Gesellschaft“.[2] Für dieses Zielpublikum sprechen der Mitgliedsbeitrag von 2 Gulden pro Monat und der Umstand, dass 1776 das Angebot an Büchern und Periodika von ca. 1300 Bänden zur Hälfte aus Titeln in französischer Sprache bestand. Neben Sachliteratur fanden sich im Bereich Belletristik die Klassiker Racine und Molière, mit Diderot, Rousseau, Voltaire, Crébillon und Montesquieu, vor allem aber die von der Zensur zugelassenen Teile der Literatur der Aufklärung, darunter sogar Auszüge aus der Encyclopédie.[3]

Die Lesekabinette hatten von Anfang an mit der behördlichen Beschränkung der Lizenzen zu kämpfen, 1798 wurden sie, in Verdacht antimonarchistischer Umtriebe geraten, gänzlich aufgehoben, 1799 folgten die Leihbibliotheken im engeren Sinn. Erst 1810 wurden sie mit bestimmten Auflagen (unter anderem Unbescholtenheit und ein gewisses Vermögen des Betreibers, die Bestände mussten neben anderem die wichtigsten deutschen und französischen Klassiker enthalten) wieder zugelassen.[4]

Vom Aufschwung im 19. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg

In den Jahren nach der Wiederzulassung wurden drei Leseinstitute neu oder wieder begründet, nämlich jene der Buchhändler und Verleger Carl Armbruster[5], Johann Tauer[6], und Johann Baptist Wallishausser, dazu eine „Geistliche Leihbibliothek“. Später kamen noch zwei Musikalien-Leihanstalten hinzu. Boten die Leseanstalten anfänglich nur wenige tausend Werke an, so wuchsen die Bücherbestände in „Armbrusters Witwe & Friedrich Gerolds Leihbibliothek“ im Jahr 1848 auf 18.000 Werke an. In großer Anzahl von Bänden finden sich in ihrem Katalog die populären Romanciers Alexandre Dumas, Paul de Kock und Frédéric Soulié, und zwar sowohl in deutscher Übersetzung wie auch in der Originalsprache. Der Catalogue général des livres français, anglais, italiens et espagnols enthält nicht weniger als 4800 Bände französischer Werke, unter denen sich neben den genannten Autoren z.B. Laure Junot d’Abrantès, Balzac, Chateaubriand, Lamartine, George Sand, Madame de Staël und Eugène Sue finden; auch englische Literatur wurde meist in französischer Übersetzung angeboten.[7]

Nach 1848, und noch mehr ab den 1860er Jahren, fand die Buchbranche in Österreich bessere Bedingungen in Form milderer Zensur und liberaler Lizenzierung vor, die Leihbibliotheken breiteten sich folglich aus; 1863 zählte man in Wien bereits zwölf Leihanstalten, 1870 zwanzig. Sie etablierten sich nun vermehrt in den Vorstädten, das Lesen breitete sich nun endgültig sozial nach ‚unten‘ aus. Das Publikum las überwiegend Romane. Unter den Erfolgsautor:innen des Zeitraums 1849–1888 finden sich zahlreiche Vertreter:innen der französischen Literatur. Aus der Übersetzungsliteratur ragen quantitativ die schon in die Jahre gekommenen Romane von Alexandre Dumas, Paul de Kock, Eugène Sue, George Sand, Xavier de Montépin, Fréderic Soulié und Balzac heraus. Bei den Werken in Originalsprache finden sich unter den Spitzenreitern – neben den für die Übersetzungen genannten Namen – Ponson du Terrail, die Comtesse Dash, Élie Berthet, Théodore Louis Auguste de Foudras, Émile Souvestre und Victor Hugo (vgl. Martino 1990: 802–804). In den Abteilungen für Sachliteratur taucht an der Spitze regelmäßig der liberale Historiker und Politiker Louis Adolphe Thiers[8] auf.

Um die Jahrhundertwende machten die von Parteien, Vereinen und Kirchen gegründeten Volks- und Arbeiterbibliotheken, Volkslesehallen und katholischen Volksbüchereien den gewerblichen Leihbibliotheken Konkurrenz. So stagnierten die Geschäfte der kommerziellen Institute, obwohl sie sich zum Unterschied von den anderen Leihanstalten Novitäten leisten konnten. Martino[9] nennt für die 1890er Jahre insgesamt nur 6000 Abonnent:innen in den nach wie vor zwanzig Wiener Leseanstalten, mit Abstand die größte war die von Albert Last[10] 1847 gegründete Firma. Gegen Ende des Jahrhunderts besaß sie mehrere Filialen, unterhielt eine Versandabteilung und eine „Lesehalle“, die, wie schon in der Frühzeit die Lesekabinette, einen Treffpunkt der Gesellschaft darstellte. Zu den Besucher:innen zählten u.a. Franz Grillparzer, Marie von Ebner-Eschenbach[11], Karl Kraus und Sigmund Freud. Die Kataloge von 1905 und 1915 enthielten knapp 30.000 respektive über 43.000 Bände, davon 25% bzw. 13% in französischer Sprache.

Im Zeitraum 1889–1915 lagen in den Wiener Leihbibliotheken noch immer Alexandre Dumas und Paul de Kock voran, zusammen mit Jules Verne, Émile Zola und Georges Ohnet stellten sie die größte Zahl von übersetzten Romanbänden dar; nur im Mittelfeld fanden sich unter anderem Alphonse Daudet und Marcel Prévost. In den Rubriken fremdsprachiger Literatur dominierten in den Katalogen neben den oben Genannten Xavier de Montépin, George Sand und Ponson du Terrail – die Feuilletonromane der 1840er bis 1860er Jahre übten anscheinend noch immer große Anziehungskraft aus. Dazu gesellten sich aus der neueren Literatur Henri Gréville, Gyp, Hector Malot und Catulle Mendès. Georges Ohnet wird von Albert Last, der Listen viel gelesener Bücher herausgab, in der Kategorie „beliebteste Damenlektüre“ in den 1890er Jahren angeführt. Zola schaffte es mit Germinal unter die beliebten sozialen Romane.[12]

Die erwähnten Volksbibliotheken rekrutierten ihre Bücherbestände zu einem großen Teil aus Bücherspenden. Das Publikum setzte sich mehrheitlich aus Arbeiter:innen, Handelsangestellten, Beamten und Studierenden zusammen. Wenn sich die volksnahen Bibliotheken auch der Bildung verschrieben, machten Belletristik und die entsprechenden Ausleihen zwischen 50% und 80% der Bestände aus. Fremdsprachliche Bücher fehlten in diesen Bibliotheken. Mit Dumas, Ohnet und Verne lagen dieselben Autoren wie in den gewerblichen Leihbibliotheken an der Spitze der Ausleihen; es folgten Alphonse Daudet, Octave Feuillet, Gréville, George Sand, Pierre Loti und Zola.[13]

Einen entlegenen Sektor des literarischen Lebens betritt man mit den katholischen Volksbibliotheken, die einen eigenen Kanon vertraten. Nach der erwähnten, von Clemens Maria Hofbauer[14] 1817 errichteten „Geistlichen Leihbibliothek“ entstanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts weitere gleichgesinnte Institute, z.B. die „Leihbibliothek des St. Severinus Vereines“ und die „Damen-Leihbibliothek für alle Stände in Wien“, die sich später in „Leihbibliothek für alle Stände des Vereins katholischer Damen“ umbenannte. In erster Linie sollte die verderbte gängige Belletristik durch eine eigene Auswahl ersetzt werden. Der Anteil französischsprachiger Werke betrug um die 50%. In dieser Abteilung begegnet man einer Mischung von Belletristik und Erbauungsliteratur, spezielles Augenmerk gilt Werken, die für Kinder und Jugendliche geeignet sind. Prominent vertreten sind etwa der Chevalier Artaud mit Geschichten der Päpste, der prominente Prediger des 18. Jahrhunderts Louis Bourdaloue[15], die Romanschriftstellerin Mathilde Froment Bourdon, J. Chantrel mit kirchengeschichtlichen und fiktionalen Schriften, Henry (Hendrik) Conscience mit seinen gesammelten Werken, die Romancière Zénaïde de Fleuriot, der Erzähler und Abbé Marcel Navery, der Historiker und Kulturkritiker Alfred Nettement, Madame de Sévigné und die Comtesse de Ségur.[16]

Auch nicht dezidiert religiös argumentierende Beobachter des Leihbibliothekswesens, wie Theodor von Sosnosky 1899 in einem Zeitungsartikel, konstatierten einen moralischen Verfall der Lektüre, und insbesondere jener der Damen. Zola sei außer Kurs geraten, seit seine Romane keine Szenen expliziter Erotik mehr enthielten, stattdessen würden „von deutschen Frauen und Jungfrauen“, die „sich der guten alten deutschen Sitten gar sehr entfremdet haben“, jetzt Maupassant, Marcel Prévosts Demi-Vierges und Pierre Louÿs’ Aphrodite gelesen.[17]

Das Ende der kommerziellen Bibliotheken Mitte des 20. Jahrhunderts

Für die Zwischenkriegszeit wie auch für die Zeit nach 1945 fehlt eine Gesamtdarstellung. Für die Zwischenkriegszeit sollen daher zwei Kataloge pars pro toto einen Einblick in die Bücherbestände geben. Die „Moderne Leihbibliothek Richard Seckler“ in der Josefstädter Straße führte mit Balzac, Dumas, Victor Hugo, Paul de Kock, Camille Lemonnier, Pierre Loti, Paul Bourget, Maupassant, Josephin Peladan, Georges Ohnet, Jules Verne und Zola die populären Romanciers des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Mit Colette, Anatole France, Marcel Prévost und Romain Rolland bot sie auch eine kleine Auswahl zeitgenössischer Erzählliteratur. Die „Moderne Leihbibliothek In der Burg“, mit nobler Adresse in der Passage der Hofburg, führte ebenfalls die bei Steckler genannten populären Romane, dazu aber eine größere Anzahl zeitgenössischer und zum Teil tatsächlich ‚moderner‘ Werke, etwa von Maurice Leblanc, P. und V. Marguerite, Henri Barbusse, François Mauriac, Roger Martin du Gard und Romain Rolland. Für exklusiveren Geschmack gab es hier auch Baudelaire und – in französischer Originalsprache – z.B. Flaubert, Rachilde, Marcel Proust und André Gide.

Für die Nachkriegszeit soll ein Beispiel die Verhältnisse skizzieren. Das „Literatur-Institut Last & Co.“, wie es sich nun bezeichnete, war mit vier Geschäftslokalen in der Innenstadt die letzte große Leihbibliothek in Wien. Ihre Pforten schloss sie 1962: Die Verbesserung der Kaufkraft nach den Jahren des Wiederaufbaus, die Durchsetzung des Taschenbuchs und der Buchgemeinschaften, nicht zuletzt neue Unterhaltungsangebote wie das Fernsehen dürften für das Sinken der Nachfrage nach Leihbüchern gesorgt haben. Lasts Gesamtbestand zu diesem Zeitpunkt umfasste 177.000 Bände. Auswahlkataloge, die den Zeitraum 1945–1958 abdeckten, enthielten 5280 Titel. Sowohl die Kataloge wie auch die Aufzeichnungen über Entlehnungen des Jahres 1958 zeigen, dass das Interesse des Publikums ganz überwiegend dem Kriminalroman galt, der auf dem Buchmarkt gerade boomte. Nur 4% der Entlehnungen betrafen Klassiker und anspruchsvolle moderne Literatur. Französischsprachige Erzählliteratur machte nur noch 3% des Angebots aus. Meist in Übersetzung wurden neben populärer Belletristik immerhin auch Baudelaire, Verlaine, Simone de Beauvoir, Jean Anouilh, Louis Aragon, Jean Cocteau, Paul Claudel, Jean Giraudoux, André Malraux, Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Antoine de Saint-Exupéry und Alain Robbe-Grillet angeboten. Der einzige französische Titel unter den meistgelesenen Büchern des Jahres 1958 ist die Neuerscheinung In einem Monat – in einem Jahr von Françoise Sagan. In der Rubrik „wissenschaftliche Literatur“ stößt man unter den Spitzentiteln auf André Castelots Madame Royal. Das abenteuerliche Leben der Tochter Marie Antoinettes. Von der anspruchsvollen modernen Literatur schafften es nur Camus, Giraudoux und Proust mit 10 bis 20 Entlehnungen unter die vergleichsweise viel gelesenen Autoren. Als Ausnahme las eine Kundin, die als Beruf ‚Schriftstellerin‘ angab, neben leichter Unterhaltungsliteratur zweimal Camus, Simenon und Gide.[18] Das an die glorreiche Vergangenheit anknüpfende, an ein exklusives Publikum gerichtete breite Angebot wurde nur sehr selektiv angenommen. Wie auf dem Buchmarkt ist das auch bei den Leihbibliotheken eine durchgehende Tendenz.

Quellen und externe Links

Bibliographie

  • Bachleitner, Norbert: Das Ende des ‚Königs aller deutschen Leihbibliotheken‘. Die Leser des Wiener ‚Literatur-Instituts‘ Last und ihre Lektüre im Jahre 1958. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 11 (1986), S. 115–148.
  • Jesinger, Alois: Wiener Lekturkabinette. Wien: Berthold & Stempel 1928.
  • Martino, Alberto: Die deutsche Leihbibliothek. Geschichte einer literarischen Institution (1756–1914). Wiesbaden: Harrassowitz 1990.
  • Moderne Leihbibliothek Richard Steckler. O.O., o. V., 1927.
  • Moderne Leihbibliothek In der Burg. Hauptkatalog, 3. Auflage. O.O., o.V., ca. 1930.
  • Sosnosky, Theodor von: Publicum und Leihbibliothek. In: Neues Wiener Tagblatt, 3. Juni 1899, S. 1–3.
  • Verzeichniß der im neuen LecturCabinet zur Lesung ausgestellten Bücher. Erstes Heft. In: Einrichtung des neuen LecturCabinets zu Wien im Jahre 1776. Wien: E. F. Bader 1776, S. 1–77.

Autor

Norbert Bachleitner

Onlinestellung: 11/02/2026