Austriaca: Unterschied zwischen den Versionen
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Ab der Nummer 15 (1982) übernahmen zwei Redaktionssekretäre die Nachfolge von Felix Kreissler, nämlich Gerald Stieg und [[Gilbert Ravy]]. Letzterem folgte im Jahr 2000 Paul Pasteur<ref>https://grhis.univ-rouen.fr/grhis/?page_id=654</ref>, der dann ein Tandem mit [[Jacques Lajarrige]] bildete; dieser formte in der Folge ein Team mit Ute Weinmann und schließlich mit Jean-Numa Ducange als Co-Chefredakteure. Jacques Lajarrige ist außerdem seit 2004 « ''Directeur de la publication'' ». | Ab der Nummer 15 (1982) übernahmen zwei Redaktionssekretäre die Nachfolge von Felix Kreissler, nämlich Gerald Stieg und [[Gilbert Ravy]]. Letzterem folgte im Jahr 2000 Paul Pasteur<ref>https://grhis.univ-rouen.fr/grhis/?page_id=654</ref>, der dann ein Tandem mit [[Jacques Lajarrige]] bildete; dieser formte in der Folge ein Team mit Ute Weinmann und schließlich mit Jean-Numa Ducange als Co-Chefredakteure. Jacques Lajarrige ist außerdem seit 2004 « ''Directeur de la publication'' ». | ||
Die erste Aufgabe der Redaktionskomitees war es, eine möglichst genaue Bestandsaufnahme der Forschungsthematiken zu erheben, die in den französischen Universitäten dem Thema Österreich bereits gewidmet wurden, um so Kontakte mit betroffenen Personen (Kolleginnen und Kollegen) knüpfen zu können, in der Hoffnung, in ihnen wirksame Multiplikatoren und mögliche zukünftige Mitarbeiter der Zeitschrift zu finden. Sehr früh fand ''Austriaca'' auch Unterstützung von zahlreichen österreichischen Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft; diese unterstützten klar die vielfachen Ziele, die darin bestanden, der Österreich-Forschung in Frankreich entscheidende Impulse zu geben, eine neue Sichtweise der Geschichte Österreichs anzubieten, wobei es vor allem darum ging, die Idee der Existenz einer österreichischen Nation durchzusetzen.<ref>Castellan 1975: 12</ref> Über den plakativen Effekt hinaus kann man den historischen Sinn einer militanten Unternehmung wie ''Austriaca'' nicht verstehen, wenn man die unerschütterliche Überzeugung ausser Acht lässt, dass Österreich sehr wohl als politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit existiert und als demokratisches Projekt lebensfähig ist, das von einer « nationalen Gemeinschaft »<ref>Autriche. Bilan 75, « Préface »: 7</ref geteilt wird. | Die erste Aufgabe der Redaktionskomitees war es, eine möglichst genaue Bestandsaufnahme der Forschungsthematiken zu erheben, die in den französischen Universitäten dem Thema Österreich bereits gewidmet wurden, um so Kontakte mit betroffenen Personen (Kolleginnen und Kollegen) knüpfen zu können, in der Hoffnung, in ihnen wirksame Multiplikatoren und mögliche zukünftige Mitarbeiter der Zeitschrift zu finden. Sehr früh fand ''Austriaca'' auch Unterstützung von zahlreichen österreichischen Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft; diese unterstützten klar die vielfachen Ziele, die darin bestanden, der Österreich-Forschung in Frankreich entscheidende Impulse zu geben, eine neue Sichtweise der Geschichte Österreichs anzubieten, wobei es vor allem darum ging, die Idee der Existenz einer österreichischen Nation durchzusetzen.<ref>Castellan 1975: 12</ref> Über den plakativen Effekt hinaus kann man den historischen Sinn einer militanten Unternehmung wie ''Austriaca'' nicht verstehen, wenn man die unerschütterliche Überzeugung ausser Acht lässt, dass Österreich sehr wohl als politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit existiert und als demokratisches Projekt lebensfähig ist, das von einer « nationalen Gemeinschaft »<ref>Autriche. Bilan 75, « Préface »: 7</ref> geteilt wird. | ||
Auf dieser Basis erhebt die Zeitschrift den Anspruch, ein Ort der Auseinandersetzung und der Analyse der österreichich-französischen Beziehungen sowie der Geschichte des Kulturtransfers zwischen den beiden Ländern zu sein. Dazu gehört auch die Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die besonders in der Organisation von internationalen Tagungen ihren Ausdruck findet, die wiederum Gegenstand von « Sondernummern » der Zeitschrift sind, die sich durch ihren roten Umschlag klar vom Grün der normalen Reihe unterscheiden. Diese Sondernummern fanden ein beachtliches Echo, wie zum Beispiel die drei Bände des ehrgeizigen Projekts ''Deux fois l’Autriche. Après 1918 et après 1945''<ref>Kreissler 1978–1979</ref>, die ein breites Spektrum behandeln, wobei die Themen von der (inneren und äusseren) politischen Geschichte über Literatur, Kunst, Widerstand, Antifaschismus und Tourismus bis zu den österreichisch-französischen Beziehungen reichen. | Auf dieser Basis erhebt die Zeitschrift den Anspruch, ein Ort der Auseinandersetzung und der Analyse der österreichich-französischen Beziehungen sowie der Geschichte des Kulturtransfers zwischen den beiden Ländern zu sein. Dazu gehört auch die Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die besonders in der Organisation von internationalen Tagungen ihren Ausdruck findet, die wiederum Gegenstand von « Sondernummern » der Zeitschrift sind, die sich durch ihren roten Umschlag klar vom Grün der normalen Reihe unterscheiden. Diese Sondernummern fanden ein beachtliches Echo, wie zum Beispiel die drei Bände des ehrgeizigen Projekts ''Deux fois l’Autriche. Après 1918 et après 1945''<ref>Kreissler 1978–1979</ref>, die ein breites Spektrum behandeln, wobei die Themen von der (inneren und äusseren) politischen Geschichte über Literatur, Kunst, Widerstand, Antifaschismus und Tourismus bis zu den österreichisch-französischen Beziehungen reichen. | ||
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Ihre Rolle als Bindeglied zwischen den beiden Ländern hat die Zeitschrift ''Austriaca'' im Laufe ihrer Geschichte auch beständig in den Bereichen des künstlerischen Schaffens, inklusive der zeitgenössischen Kunst (Architektur, Musik, Malerei, Film, Photographie, etc.) gespielt; sie hat es aber auch verstanden, die frankophonen Leser mit den politischen Strukturen, Theorien und Akteuren vertraut zu machen, vor allem was die Zeit nach 1945 betrifft. | Ihre Rolle als Bindeglied zwischen den beiden Ländern hat die Zeitschrift ''Austriaca'' im Laufe ihrer Geschichte auch beständig in den Bereichen des künstlerischen Schaffens, inklusive der zeitgenössischen Kunst (Architektur, Musik, Malerei, Film, Photographie, etc.) gespielt; sie hat es aber auch verstanden, die frankophonen Leser mit den politischen Strukturen, Theorien und Akteuren vertraut zu machen, vor allem was die Zeit nach 1945 betrifft. | ||
Zwei markante Fakten, die von der intellektuellen Ausstrahlung und der fruchtbaren Wirkung über den alleinigen Kreis der Austriazisten hinaus zeugen, sollen am Schluss noch hervorgehoben werden. Der erste hat mit der großen, 1986 am Centre Pompidou organisierten Ausstellung ''Vienne, Naissance d’un siècle, 1880-1938'' (Februar – Mai 1986) zu tun, in deren Konzeption und Organisation mehrere Mitglieder des CERA und von ''Austriaca'' involviert waren. Der Ausstellungskatalog [[Ausstellung „Vienne, 1880–1938. L’apocalypse joyeuse“|''L’Apocalypse joyeuse'']] | Zwei markante Fakten, die von der intellektuellen Ausstrahlung und der fruchtbaren Wirkung über den alleinigen Kreis der Austriazisten hinaus zeugen, sollen am Schluss noch hervorgehoben werden. Der erste hat mit der großen, 1986 am Centre Pompidou organisierten Ausstellung ''Vienne, Naissance d’un siècle, 1880-1938'' (Februar – Mai 1986) zu tun, in deren Konzeption und Organisation mehrere Mitglieder des CERA und von ''Austriaca'' involviert waren. Der Ausstellungskatalog [[Ausstellung „Vienne, 1880–1938. L’apocalypse joyeuse“|''L’Apocalypse joyeuse'']]<ref>Clair 1986</ref> beinhaltet zahlreiche Beiträge von Mitarbeitern der Zeitschrift. Dass [[Jacques Bouveresse]] in das Redaktionskomitee eintrat, ist den Vorgesprächen zur Ausstellung zu verdanken. Diese Tatsache wiederum steht im Zusammenhang mit einer anderen wichtigen Leistung der Zeitschrift: Dank der Wirkung von Bouveresse und seiner Arbeiten auf dem entsprechenden Gebiet, konnte die Zeitschrift in Fachkreisen die Idee von der Existenz einer österreichischen Philosophie durchsetzen, indem sie in nicht weniger als fünf Nummern (28, 44, 76, 78 und 94) nach und nach den Beweis von der Spezifizität der österreichischen gegenüber der deutschen Philosophie lieferte, mit der diese lange identifiziert worden war. | ||
Diese großzügige Polyphonie ist Ausdruck einer gemeinsamen Zielsetzung im Dienste einer besseren Kenntnis der Realitäten des vergangenen und gegenwärtigen Österreich, eines anspruchsvollen Dialogs und eines nie verlorenen Willens der wissenschaftlichen und kulturellen Vermittlung zwischen den beiden Ländern, die in dieser Intensität und Regelmäßigkeit in der Geschichte der österreichisch-französischen Beziehungen ihresgleichen suchen. | Diese großzügige Polyphonie ist Ausdruck einer gemeinsamen Zielsetzung im Dienste einer besseren Kenntnis der Realitäten des vergangenen und gegenwärtigen Österreich, eines anspruchsvollen Dialogs und eines nie verlorenen Willens der wissenschaftlichen und kulturellen Vermittlung zwischen den beiden Ländern, die in dieser Intensität und Regelmäßigkeit in der Geschichte der österreichisch-französischen Beziehungen ihresgleichen suchen. | ||
Aktuelle Version vom 29. September 2026, 09:11 Uhr
Die Fachzeitschrift Austriaca, Cahiers universtaires d’information sur l’Autriche, wurde 1975 an der Universität Rouen von Felix Kreissler (1917–2004) gegründet; Kreissler war ein Wiener Jude, der 1937 aufgrund der politischen Situation in seinem Herkunftsland und aufgrund seines Engagements gegen den Austrofaschismus nach Frankreich geflohen war, sich während der « Occupation » der französischen « Résistance » angeschlossen hat und nach Folterungen im Gestapo-Kerker des Gefängnisses von Montluc[1] nach Buchenwald deportiert worden ist. Die Gründung der Zeitschrift erfolgt nur zwei Jahre nach jener des Centre d’Études et de Recherches autrichiennes (CERA), aus dem sie hervorgegangen ist. Die Besonderheit von Austriaca besteht darin, dass sie auch heute noch die einzige französische universitäre Fachzeitschrift ist, die ausschließlich Österreich gewidmet ist. Im Rahmen einer einzigartigen Struktur ergänzt sie zwei Sammlungen, nämlich « France-Autriche »[2] und « Études autrichiennes »[3], die institutionell ebenfalls zu den Presses de l’Université de Rouen (jetzt Presses universitaires de Rouen et du Havre) gehören. Von Beginn an erscheinen pro Jahr zwei thematische Nummern, die auch eine Sektion Varia, sowie regelmäßige Chroniken zur politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Aktualität in Österreich enthalten; die Zeitschrift erfüllt damit die Vermittlerrolle zwischen den beiden Ländern, wie sie von ihrem Gründer beabsichtigt wurde und von den Mitgliedern des Redaktionskomitees getragen wird, die so gemeinsam ein Organ geschaffen haben, das einem weiten französischen Publikum erlaubt, die verschiedenen Facetten des österreichischen Lebens, sowie seiner künstlerischen und literarischen Schöpfungen zu entdecken.
Die Anfänge
Von Anfang an machte die Zeitschrift allein schon durch ihren Untertitel « Cahiers universitaires d'information sur l’Autriche » ihren Anspruch deutlich, ein Organ der « Information und Forschung über Österreich in einem interdisziplinären, wissenschaftlichen und offenen Geist »[4] zu sein. Was im Rückblick als selbstverständlich erscheint, war in einer Zeit, in der die französische Germanistik noch fast ausschließlich auf die deutsche Realität ausgerichtet war und in der es zu allererst darum ging, für die Anerkennung einer österreichischen Besonderheit innerhalb des Faches[5] zu wirken, alles andere als selbstverständlich. Die Erkenntnis dieses Defizits, dieser Unklarheit, hat einige französische Wissenschaftler, darunter manche österreichischer Herkunft wie Richard Thieberger, Gertrude Stolwitzer und Gerald Stieg, veranlasst, das von Felix Kreissler initiierte Projekt begleitend zu unterstützen.
Ab der Nummer 15 (1982) übernahmen zwei Redaktionssekretäre die Nachfolge von Felix Kreissler, nämlich Gerald Stieg und Gilbert Ravy. Letzterem folgte im Jahr 2000 Paul Pasteur[6], der dann ein Tandem mit Jacques Lajarrige bildete; dieser formte in der Folge ein Team mit Ute Weinmann und schließlich mit Jean-Numa Ducange als Co-Chefredakteure. Jacques Lajarrige ist außerdem seit 2004 « Directeur de la publication ».
Die erste Aufgabe der Redaktionskomitees war es, eine möglichst genaue Bestandsaufnahme der Forschungsthematiken zu erheben, die in den französischen Universitäten dem Thema Österreich bereits gewidmet wurden, um so Kontakte mit betroffenen Personen (Kolleginnen und Kollegen) knüpfen zu können, in der Hoffnung, in ihnen wirksame Multiplikatoren und mögliche zukünftige Mitarbeiter der Zeitschrift zu finden. Sehr früh fand Austriaca auch Unterstützung von zahlreichen österreichischen Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft; diese unterstützten klar die vielfachen Ziele, die darin bestanden, der Österreich-Forschung in Frankreich entscheidende Impulse zu geben, eine neue Sichtweise der Geschichte Österreichs anzubieten, wobei es vor allem darum ging, die Idee der Existenz einer österreichischen Nation durchzusetzen.[7] Über den plakativen Effekt hinaus kann man den historischen Sinn einer militanten Unternehmung wie Austriaca nicht verstehen, wenn man die unerschütterliche Überzeugung ausser Acht lässt, dass Österreich sehr wohl als politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit existiert und als demokratisches Projekt lebensfähig ist, das von einer « nationalen Gemeinschaft »[8] geteilt wird.
Auf dieser Basis erhebt die Zeitschrift den Anspruch, ein Ort der Auseinandersetzung und der Analyse der österreichich-französischen Beziehungen sowie der Geschichte des Kulturtransfers zwischen den beiden Ländern zu sein. Dazu gehört auch die Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die besonders in der Organisation von internationalen Tagungen ihren Ausdruck findet, die wiederum Gegenstand von « Sondernummern » der Zeitschrift sind, die sich durch ihren roten Umschlag klar vom Grün der normalen Reihe unterscheiden. Diese Sondernummern fanden ein beachtliches Echo, wie zum Beispiel die drei Bände des ehrgeizigen Projekts Deux fois l’Autriche. Après 1918 et après 1945[9], die ein breites Spektrum behandeln, wobei die Themen von der (inneren und äusseren) politischen Geschichte über Literatur, Kunst, Widerstand, Antifaschismus und Tourismus bis zu den österreichisch-französischen Beziehungen reichen.
Auch wenn der unmittelbaren Aktualität großer Raum gewidmet wird, so ist den Verantwortlichen der Zeitschrift doch auch daran gelegen, eine weite chronologische und thematische Spannweite abzudecken mit wissenschaftlichen Originalbeiträgen in französischer und deutscher Sprache (gelegentlich auch in Englisch), die sich sowohl mit der Literaturgeschichte, als auch mit der (politischen, wirtschaftlichen und juridischen) Ideen- und Kulturgeschichte dieses Landes beschäftigen; dabei wird Österreich in seinen verschiedenen, aufeinanderfolgenden territorialen, politischen und historischen Dimensionen verstanden.
Das Interesse an der Beständigkeit der intellektuellen Bande, die Frankreich und Österreich über die Wirren der Geschichte hinaus verbinden, und der damit verbundene Kulturtransfer zwischen den beiden Ländern, gehört zur DNA der Zeitschrift; sie widmet sich diesen Herausforderungen auf vielfache Weise und nach verschiedenen Ansatzpunkten, wobei auf eine ständige Aktualisierung der Methoden geachtet wird, die sowohl dank der thematischen Vielfalt, als auch durch die Form der Beiträge und die Verschiedenheit der internationalen Beiträger gewährleistet ist. Dies lässt sich konkret anhand einer langen historischen Periode illustrieren, für die die von Felix Kreissler in Rouen organisierte Tagung (29. Februar – 2. März 1984) über die Relations franco-autrichiennes 1870-1970, deren Beiträge in einer Sondernummer[10] veröffentlicht wurden, ein gutes Beispiel ist. Das gilt aber auch für einen kleineren Maßstab und enger gefasste Perioden wie zum Beispiel das Engagement von Österreichern in der französischen Résistance (Austriaca Nr. 17), für das Thema der Entwurzelung, unter der die nach Frankreich emigrierten österreichischen Schriftsteller leiden (Nr. 19), oder auch für die Auswirkungen des Exils und der Rückkehr aus dem Exil auf das literarische Schaffen (Nr. 56).
Beispiele für den Beitrag der Zeitschrift zur Erforschung des kulturellen Austausches zwischen Frankreich und Österreich
Die zahlreichen Beziehungen, die die österreichischen Schriftsteller mit der französischen Kultur verbinden, werden in der Zeitschrift mehrfach behandelt. Erwähnt seien hier die dem Verhältnis Nestroys zu Frankreich gewidmete Nummer 75 (Les relations de Johann Nestroy avec la France), oder die Nummer 91, die den besonderen Platz vor allem französischer Künstlerfiguren im Werk von Stefan Zweig beleuchtet, der unter anderen Verlaine, Rimbaud, und Baudelaire übersetzt und ihnen auch Essays gewidmet hat, oder im Bereich der Ideengeschichte die Aufnahme der Französischen Revolution in Österreich, die treffend zu den 200-Jahr-Feiern 1989 in der Nummer 29 behandelt wurde. Die Wahl dieser Themen spiegelt den Willen wider, die Zeitschrift nicht nur zu einem unumgänglichen Ort der Begegnung zu machen, sondern auch ihrerseits aktiv sur Entwicklung dieser Transfers und ihrer historischen Einordnung beizutragen.
Im Bereich der Literatur erfüllt die Zeitschrift vollauf ihre Rolle als Informationsquelle und Organ der Verbreitung österreichischer Kultur in Frankreich, indem sie regelmäßig den großen Schriftstellern (Stifter, Kraus, Schnitzler, Hofmannsthal, Musil, Roth, Broch, Canetti, Rezzori[11], etc.) eigene Nummern widmet. In diesem Zusammenhang kann nicht genug betont werden, dass es von Anfang an das vorrangige Bemühen war, in den französischen Köpfen die Idee der Existenz und der Besonderheit einer österreichischen Literatur im Vergleich zur deutschen Literatur zu verankern, sie in ihrer historischen Dimension zu erfassen und dabei den jüngsten zeitgenössischen Entwicklungen den gebührenden Raum zu geben, wie das bei Bachmann und Fried, bei Handke und Jelinek, die seither beide mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, der Fall ist.
In ähnlicher Weise konnte auch die Rolle der Agenten der Rezeption französischer Literatur in Österreich anhand einer ganzen literarischen Strömung untersucht werden, wie zum Beispiel in der Nummer 86 (Le naturalisme en Autriche), die aufgrund neuer Erkenntnisse das Problem der Existenz, innerhalb der österreichischen Literatur, eines von französischen Vorbildern inspirierten Naturalismus aufgreift und dabei die bisher vorherrschende Meinung, derzufolge die österreichische Literatur nur wenig mit dieser europäischen literarischen Strömung gemein hätte, in Frage stellt.
Die Nummer 49 (1999), Actualité de Karl Kraus, ist aus einer von Jacques Bouveresse und Gerald Stieg anlässlich des hundertsten Geburtstags der Fackel organisierten Tagung hervorgegangen und erlaubte ebenfalls der Forschung neue Impulse und Orientierungen zu geben. Ihre Novität und ihre Tragweite hinsichtlich der Rezeption liegen auch darin begründet, dass sie ein fruchtbares Unterfangen war, eine Verbindung zwischen den Arbeiten von Pierre Bourdieu[12] über das Funktionieren der (Massen-)Medien und Kraus’ Kampf herzustellen, mit dem er den öffentlichen Diskurs seiner Zeit demaskiert hat. Der komparatistische Ansatz erlaubte es hier, eine Parallele herzustellen mit der Gründung des Verlags Raisons d’agir durch Bourdieu und mit dessen Arbeiten über die Presse, insbesondere mit den Essays Sur la télévision und L’emprise du journalisme, die eine Schule der Resistenz gegen die Allmacht der Medien darstellen und gerade wegen ihrer Verwandtschaft zur Fackel die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine andere bewusste Nahverbindung besteht zu Prodiges et vertiges de l’analogie (1999) von Jacques Bouveresse, wobei der Einfluss von Kraus klar herausgearbeitet und auch anerkannt wurde.
Auch wenn es hier nicht möglich ist, eine vollständige Darstellung der Beiträge der Zeitschrift zu den österreichisch-französischen Kulturtransfers zu bieten, mögen einige Beispiele genügen, um ihren großen Umfang und ihre Vielfalt zu zeigen. Der Wille, keinen Aspekt der Verbindungen zwischen den beiden Ländern zu vernachlässigen und sich nicht nur auf die Bereiche von Kunst und Literatur zu beschränken, spiegelt sich im Untertitel der Nummer 63 wider: Autriche / France. Transferts d’idées – histoires parallèles ? Sciences – Philosophie – Droit – Politique, wobei das Fragezeichen suggeriert, dass diese Fragestellung es verdient, nicht von vorneherein als Selbstverständlichkeit abgetan zu werden, die man nicht mehr zu hinterfragen bräuchte. Von der Feststellung eines Ungleichgewichts zugunsten Frankreichs in Sachen Transfer ausgehend, nimmt diese Nummer zur Kenntnis, dass die bisherigen Arbeiten in Austriaca zum Transfer Österreichs in Richtung Frankreich zahlreicher sind als in der anderen Richtung und dass sie sich bisher vorwiegend auf die Künste und die Literatur konzentriert haben. Die Bestandsaufnahme hat sich in dieser Nummer also logischerweise auf die Bereiche Wissenschaften, Philosophie, Wirtschafts- und Rechtstheorie und auf die Politik von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum historischen Bruch von 1938 konzentriert. Die verschiedenen Beiträge behandeln nicht nur das Entstehen, in Österreich, von Konzepten und Praktiken, sondern verfolgen auch die Spuren ihrer produktiven Rezeption in den erwähnten Disziplinen in Frankreich; derart bilden sie eine Kontinuität mit der internationalen Forschung (Johnston, Magris, Le Rider, Schorske) zu « Wien 1900 » als Wiege der Moderne. Um die Phänomene des Transfers verständlich zu machen, ist es notwendig die Prozesse der Vermittlung, ihre Akteure und Zielrichtungen in den Mittelpunkt zu stellen, ebenso wie die Voraussetzungen der möglichen Übernahme der untersuchten Konzepte von einem Bezugssystem in ein anderes, von einer wissenschaftlichen Gemeinschaft in eine andere. Es ist das große Verdienst dieser Nummer, transformatorische und schöpferische Dynamiken aufgedeckt zu haben, die im Kontext des Empfängerlandes etappenweise zu einem Prozess der Adpatierung, der Aneignung von Konzepten und schließlich zum Entstehen neuer, autonomer Theorien führen.
Wenn sich der Dialog nicht auf Anhieb einstellt, kann er manchmal auch über Umwege und durch das Eingreifen anderer Akteure zustandekommen, zum Beispiel mit solchen aus den angelsächsischen Ländern. Das ist mit den Ideen von Ludwig Boltzmann der Fall, die Jacques Bouveresse für den Bereich der theoretischen Physik analysiert. Das gilt auch für die erste, ambivalente, Rezeption von Wittgenstein in Frankreich, die anhand von zwei konkreten Beispielen dargestellt wird, nämlich der Lektüren von Gilles-Gaston Granger und Pierre Hadot; diese hatten, trotz des guten Willens ihrer Autoren, zur Folge, dass dieser Philosoph von der Wiener analytischen Tradition, der er viel verdankt, abgekoppelt wurde, ebenso wie von dem, was in seinem Denken als « österreichisch » angesehen werden konnte.
Diese von der Zeitschift geleistete Vermittlungsarbeit erweist sich in einer nicht unbedeutenden Zahl von Fällen als umso wertvoller, als manchmal das Fehlen von verlässlichen Übersetzungen und folglich ein Mangel an dem französischen Publikum zugänglichen Texten zumindest zum Teil eine zögernde, deformierende Rezeption von ganzen Teilen der Ideengeschichte erklären, wozu dann auch noch die relative Unkenntnis des historischen österreichischen Kontextes kommt. Das ist besonders der Fall des Austromarxismus[13], der österreichischen Schule der Nationalökonomie oder auch der « Wiener Kreise » der Zwischenkriegszeit, Bereiche, in denen Austriaca vollauf seine Vermittlerrolle gespielt hat.
Alle diese Beispiele, die nur einen sehr geringen Teil des Beitrags von Austriaca zu einem besseren Verständnis der sich kreuzenden Verbindungen zwischen den beiden Ländern darstellen, zeugen vom Willen der Zeitschrift und ihrer Mitarbeiter ihrerseits aktive, engagierte Akteure im Transfer zwischen Frankreich und Österreich und, im umgekehrten Sinn, zwischen Österreich und Frankreich zu sein und damit Forschern verschiedener Herkunft und verschiedener Disziplinen einen Ort der Begegnung zu bieten, wo Arbeitsmittel, Methoden, Hypothesen und Resultate ausgetauscht werden.
Ihre Rolle als Bindeglied zwischen den beiden Ländern hat die Zeitschrift Austriaca im Laufe ihrer Geschichte auch beständig in den Bereichen des künstlerischen Schaffens, inklusive der zeitgenössischen Kunst (Architektur, Musik, Malerei, Film, Photographie, etc.) gespielt; sie hat es aber auch verstanden, die frankophonen Leser mit den politischen Strukturen, Theorien und Akteuren vertraut zu machen, vor allem was die Zeit nach 1945 betrifft.
Zwei markante Fakten, die von der intellektuellen Ausstrahlung und der fruchtbaren Wirkung über den alleinigen Kreis der Austriazisten hinaus zeugen, sollen am Schluss noch hervorgehoben werden. Der erste hat mit der großen, 1986 am Centre Pompidou organisierten Ausstellung Vienne, Naissance d’un siècle, 1880-1938 (Februar – Mai 1986) zu tun, in deren Konzeption und Organisation mehrere Mitglieder des CERA und von Austriaca involviert waren. Der Ausstellungskatalog L’Apocalypse joyeuse[14] beinhaltet zahlreiche Beiträge von Mitarbeitern der Zeitschrift. Dass Jacques Bouveresse in das Redaktionskomitee eintrat, ist den Vorgesprächen zur Ausstellung zu verdanken. Diese Tatsache wiederum steht im Zusammenhang mit einer anderen wichtigen Leistung der Zeitschrift: Dank der Wirkung von Bouveresse und seiner Arbeiten auf dem entsprechenden Gebiet, konnte die Zeitschrift in Fachkreisen die Idee von der Existenz einer österreichischen Philosophie durchsetzen, indem sie in nicht weniger als fünf Nummern (28, 44, 76, 78 und 94) nach und nach den Beweis von der Spezifizität der österreichischen gegenüber der deutschen Philosophie lieferte, mit der diese lange identifiziert worden war.
Diese großzügige Polyphonie ist Ausdruck einer gemeinsamen Zielsetzung im Dienste einer besseren Kenntnis der Realitäten des vergangenen und gegenwärtigen Österreich, eines anspruchsvollen Dialogs und eines nie verlorenen Willens der wissenschaftlichen und kulturellen Vermittlung zwischen den beiden Ländern, die in dieser Intensität und Regelmäßigkeit in der Geschichte der österreichisch-französischen Beziehungen ihresgleichen suchen.
Quellen und externe Links
- ↑ Françoise Kreissler 2018 und 2020
- ↑ https://www.purh-ed.fr/collection/?collection_ID=343
- ↑ https://www.purh-ed.fr/collection/?collection_ID=341
- ↑ Autriche. Bilan 75, « Préface »: 10
- ↑ Ravy 1998: 187
- ↑ https://grhis.univ-rouen.fr/grhis/?page_id=654
- ↑ Castellan 1975: 12
- ↑ Autriche. Bilan 75, « Préface »: 7
- ↑ Kreissler 1978–1979
- ↑ Kreissler 1986
- ↑ https://www.babelio.com/auteur/Gregor-von-Rezzori/173482
- ↑ https://maitron.fr/spip.php?article17557
- ↑ Kreissler 1982–1983
- ↑ Clair 1986
Bibliografie
- Castellan, Georges: « Idée autrichienne et nation autrichienne ». In : Austriaca 1 (Dezember 1975), « Autriche. Bilan 75 ». Rouen : Publications de l’Université de Rouen (CERA) 1975, S. 11–22.
- Clair, Jean (Hrsg.): Vienne 1880–1938. L’Apocalypse joyeuse. Paris: Éditions du Centre Pompidou 1986.
- Kreissler, Félix (Hrsg.): Deux fois l’Autriche. Après 1918 et après 1945. Actes du colloque de Rouen (9–12. November 1977), Spezialausgabe. Rouen: Publications de l’Université de Rouen (CERA), Nr. 1, Juli 1978; Nr. 2, Februar 1979; Nr. 3, November 1979.
- Kreissler, Félix (Hrsg.): L’Austromarxisme – Nostalgie et/ou renaissance ? Actes du colloque de Paris (25–27. Februar 1982), Austriaca 15 (Nr. 2), November 1982. Rouen: Publications de l’Université de Rouen (CERA) 1982.
- Kreissler, Félix (Hrsg.): Relations franco-autrichiennes. 1870-1970. Actes du colloque de Rouen (29. Februar – 2. März 1984), Austriaca, Spezialausgabe. Rouen: Publications de l’Université de Rouen (CERA), Juni 1986.
- Kreissler, Françoise: « Zur Biographie eines Illegalen im französischen Exil: Felix Kreissler (1917–2004) ». In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 29 (2018) / 3, S. 215–227.
- Kreissler, Françoise: « Als das kurze Leben des Henri Lebrun in der Biographie von Felix Kreissler (1917-2004) abhanden kam ». In: Konstantin Kaiser, Irene Nawrocka, Corina Prochazka und Marianne Windsperger (Hg.): Zwischenwelt. Lebensspuren: Autobiografik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung. Wien: Theodor Kramer Gesellschaft u. Klagenfurt: Drava Verlag 2020, S. 309–329.
- « Préface ». In: Austriaca 1 (Dezember 1975), « Autriche ? Bilan 75 ». Rouen: Publications de l’Université de Rouen (CERA) 1975, S. 7–10.
- Ravy, Gilbert: « Félix Kreissler, fondateur du Centre d’Études et de recherches Autrichiennes de l’Université de Rouen ». In: Identité et Résistance. Mélanges pour Felix Kreissler, réunis par Georg Jankovic et Gerald Stieg. Paris: Annales de l’Institut culturel autrichien (Nr. II) 1998, S. 187–191.
Autor
Jacques Lajarrige
Deutsche Übersetzung: Karl Zieger
Onlinestellung: 29/09/2026
