Österreichische Übersetzungen aus dem Französischen (1918 bis 21. Jh.)
Übersetzungen spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle für die Zirkulation literarischer Werke und somit für die Kenntnis „fremder“ Literaturen. In den Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich überwiegen dabei klar die Übersetzungen französischer Literatur in Österreich gegenüber jenen österreichischer Literatur in Frankreich. Dieses asymmetrische Verhältnis spiegelt die Dominanz der französischen Sprache und Literatur bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts ebenso wider wie die Problematik der Definition von „österreichischer“ Literatur, die die Identifikation und Rezeption spezifisch österreichischer Autoren und Werke in Frankreich beeinträchtigt. Dementsprechend werden in dieser Enzyklopädie die Übersetzungen in die jeweils andere Sprache in getrennten / eigenständigen Übersichtsartikeln behandelt. Um der Masse der Übersetzungen französischer Literatur ins Deutsche durch Österreicher:innen beziehungsweise in Österreich tätige Übersetzer:innen gerecht zu werden, wird diese Tätigkeit chronologisch in zwei Teilen behandelt: 18. und langes 19. Jahrhundert (Teil 1), 1918–Gegenwart (Teil 2).
Erste Republik (1918–1938)
In der kurzen Zeit der Ersten Republik sind im Übersetzungsbetrieb einige Veränderungen gegenüber den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zu beobachten. Die ungemein kleinteilige und nur in einigen Fachgebieten publikationsmäßig konkurrenzfähige Verlagslandschaft[1] der Monarchie wurde nach 1918 durch die Gründung einiger Verlage bereichert, die sich belletristischer Literatur annahmen und zum Teil sogar gezielt auf Übersetzungen fremdsprachiger Werke setzten. Insgesamt veränderten sich die Kräfteverhältnisse zwischen dem Deutschen Reich und Österreich freilich nur begrenzt, aber mit dem 1924 von Paul Zsolnay in Wien ins Leben gerufenen Verlag, dessen wechselvolle Geschichte bis zur Gegenwart detailliert aufgearbeitet ist,[2] trat ein ernstzunehmender neuer Akteur auf den Plan. Auch der schon 1919 von Ernst Peter Tal (Geburtsname Rosenthal) gegründete E.P. Tal & Co Verlag[3] hatte viele Übersetzungen im Programm. Bereits vor der (im Fall Zsolnay aus bürokratischen Gründen reichlich holprig verlaufenen) Arisierung der beiden Unternehmen reduzierte sich ab 1933 aufgrund starken Drucks aus dem Deutschen Reich der Anteil an Übersetzungen namhafter ausländischer Literatur drastisch. Spezialisiert auf bibliophile Ausgaben war der Avalun-Verlag, in dessen Angebot der Name Théophile Gautier auffallend oft vorkam.
Übersetzer*innen
Auch das Gesamtprofil der in der Übersetzerszene hervortretenden Persönlichkeiten verschob sich merklich. Neben den Gelegenheitsübersetzerinnen und -übersetzern, wie sie für die Jahrhundertwende charakteristisch sind, verzeichnen die Bibliographien nun vermehrt Namen, die für viele Übersetzungen stehen. Zwar machte das Übersetzen in den seltensten Fällen ihren absoluten beruflichen Schwerpunkt aus wie bei den Stars der Branche im Deutschen Reich – zu den im ersten Teil genannten (Schurig, von Oppeln-Bronikowski und Greve) kamen jetzt neue wie Ernst Sander oder Eva Mertens (verehel. Rechel-Mertens) hinzu –, aber es nahm doch neben ihren eigenen literarischen Projekten bzw. ihren journalistischen oder anderweitigen Aufgaben einen gewichtigen Platz ein. Auffallend ist allerdings, dass den produktiven österreichischen Übersetzerinnen und Übersetzern selten sichere Verkaufserfolge der aktuellen Literaturszene anvertraut wurden. Das Spektrum der Titel erstreckte sich oft über unterschiedliche Literaturgattungen hinaus in Gebiete des Fachschrifttums, wobei oft durchaus ein persönliches Engagement für das betreffende Thema und gegebenenfalls für die ideologische Ausrichtung des Ausgangstexts erkennbar ist. Lange Zeit wusste man von den meisten Übersetzerinnen und Übersetzern kaum etwas über ihre biographischen Umstände. Erst seit sich die Translationswissenschaft für deren Lebensgeschichten interessiert (Stichwort: Translator Studies), ist dank einiger Forschungsprojekte ans Tageslicht gekommen, wie erschreckend viele von ihnen in Konzentrationslagern umgekommen sind beziehungsweise ins Exil oder in den Selbstmord getrieben wurden.
Lyrik

In der Lyrik erregte das Schaffen der Symbolisten die größte Aufmerksamkeit. Statistisch an erster Stelle der übersetzten Dichter steht – mit Abstand – Paul Verlaine, was zweifellos darauf zurückzuführen ist, dass Stefan Zweig, der selber nach dem Krieg kaum mehr als Gedichtübersetzer in Erscheinung trat, als Herausgeber bei Übersetzerinnen und Übersetzern Versionen bestimmter Gedichte in Auftrag gab, um diese dann in einer Anthologie einander gegenüberstellen zu können. Stéphane Mallarmé lernte die deutschsprachige Leserschaft u.a. durch die von Erwin Rieger[4] erstellte Übersetzung des ursprünglich als dramatischer Monolog konzipierten Gedichts Der Nachmittag eines Fauns kennen, das den künstlerischen Prozess thematisiert. Neben diesen beiden und weiteren Vertretern der modernen Lyrik ist das übersetzerische Œuvre Rainer Maria Rilkes vor allem dem von Mallarmé in den Literaturbetrieb eingeführten Paul Valéry gewidmet. Gedichte von Jean Moréas und Anna de Noailles, zu ihrer Zeit weniger beachtet und heute weitgehend vergessen, waren ebenfalls unter Rilkes Übersetzungen zu finden. Als Lyriker keiner konkreten Strömung zugehörig sind Henri Barbusse, aus dessen früher Gedichtsammlung Les Pleureuses Fred Antoine Angermayer[5] 1921 eine Auswahl traf, sowie Georges Duhamel, der spätere große Romancier, dessen Élégies 1933 im Wiener Krystall-Verlag in der Übersetzung von Richard Schaukal erschienen.
Österreichische Literaturschaffende übersetzten auch Lyrik aus früheren Epochen. In chronologischer Folge der Ausgangstexte steht am Anfang die Villon-Übersetzung (1937) des wegen seiner Opposition zum Nationalsozialismus als Universitätsbibliothekar entlassenen (und nach Ende des Kriegs als deren Direktor in Graz wieder eingesetzten) Wolfgang Benndorf. Das 16. Jahrhundert ist eine Blütezeit der französischen Lyrik: Bekannt, aber von Seiten der Philologie kritisch bewertet, ist Rilkes Nachdichtung der Sonette der „schönen Seilerin“ Louise Labé, der der 1938 aus Österreich vertriebene Volksbildner Anton Pariser[6] 1931 seine Version entgegensetzte. Auch mit Pierre de Ronsard, dem größten französischen Dichter der Renaissance, beschäftigte er sich; als Exil-Österreicher stellte er in Frankreich 1961 eine Anthologie mit Übersetzungen von Gedichten aus fünf Jahrhunderten zusammen, die in Wien bei Bergland erschien. Auch Irene Kafka[7], die in allen Gattungen versiert war, setzte sich mit Ronsard in Form seiner Sonnets pour Hélène auseinander. Schon einige Jahre früher dichtete sie die vier „Nacht“-Gedichte (Les Nuits) des Romantikers Alfred de Musset nach. In angesehenen Wiener Zeitungen publizierte sie ferner Gedichte großer zeitgenössischer französischer Autoren. Ihre journalistische Tätigkeit wurde ihr zum Verhängnis: 1942 kam sie im KZ Ravensbrück um. Berta Zuckerkandl, die Österreich 1938 Richtung Paris verließ, übersetzte Gedichte von Paul Géraldy (L’amour, 1929) und sorgte für die Publikation bei Zsolnay (So ist die Liebe, 1930). Einer der ganz wenigen hier zu nennenden Übersetzer, die sich mit dem Regime gut arrangiert haben, ist der primär auf Lyrik spezialisierte Otto Hauser[8], der mit einer Gesamtübersetzung von Baudelaires Blumen des Bösen in Konkurrenz zu vielen anderen Versionen trat, aber für sich in Anspruch nehmen kann, erster und mehr als ein Jahrhundert lang einziger deutschsprachiger Übersetzer der Gedichtsammlung Émaux et Camées (Emaillen und Kameen, 1919) des l’art pour l’art-Proponenten Théophile Gautier gewesen zu sein. Josef Weinheber, anfangs auch ein Sympathisant der nationalsozialistischen Ideologie, übersetzte 1939 die französischen Gedichte Rilkes ins Deutsche.
Theater

Obwohl das 17. Jahrhundert die Blütezeit des französischen Theaters ist, wurde in der Zwischenkriegszeit von österreichischer Seite nichts aus dem Grand Siècle (neu)übersetzt, und auch das reichhaltige Theater der Romantik hinterlässt keine übersetzerischen Spuren. Mit Ausnahme der Bearbeitung einiger Textbücher zu Operetten von Jacques Offenbach durch Karl Kraus und in einem Fall durch Egon Friedell[9] sowie der Übersetzung des einaktigen Lustspiels Le Passant (1869) von François Coppée durch Otto Hauser (Der Wanderer, 1921) war der österreichische Anteil an Übersetzungen von Bühnenwerken beschränkt. Auch die Zahl der Übersetzerinnen und Übersetzer ist sehr überschaubar. Stefan Zweig brachte das Stück Le temps viendra (1903) von Romain Rolland, dem im deutschen Sprachraum seit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises damals wohl meistbeachteten französischen Gegenwartsautor, im Tal-Verlag heraus (Die Zeit wird kommen, 1920). Franz Blei übersetzte die Komödie Étienne des Dramatikers und Regisseurs Jacques Deval noch im Jahr des Erscheinens des französischen Originals (1930). Als Schriftsteller heute vergessen, aber als Übersetzer neu zu entdecken und zu würdigen ist der vielfach im Umfeld von Stefan Zweig tätige, 1938 über Frankreich nach Tunesien geflohene Erwin Rieger[10]. Er war der fleißigste Vermittler von Romain Rolland: Zwischen 1925 und 1929 übersetzte er zwei Stücke aus dessen früher Schaffensperiode (Aert, 1897; Le triomphe de la raison, 1899) und drei unmittelbar nach der Veröffentlichung des Originals (Le jeu de l’amour et de la mort, 1924; Pâques fleuries, 1926; Les Léonides, 1928). Außerdem stehen noch ein Drama von Georges Duhamel und ein „Mysterium“ von Jules Romains auf seiner Werkliste. Politisch und kulturjournalistisch in den 1920er Jahren aktiv, ist die vielseitige Kulturagentin Berta Zuckerkandl auch als Vermittlerin des zeitgenössischen französischen (Boulevard-)Theaters von Bedeutung. Die mit vier bzw. fünf Stücken starke Präsenz von Paul Géraldy (Hochzeitstage, Aimée, Robert und Marianne, Liebling) und Henri-René Lenormand (Die Namenlosen, Stimmen aus dem Dunkel, Der Feigling, Magische Liebe, Asien) auf den Wiener Bühnen (Theater in der Josefstadt, Volkstheater, Burgtheater) ist Zuckerkandl zuzuschreiben; sie übersetzt außerdem auch Jean Anouilh (Le Voyageur sans bagages; Passagier ohne Gepäck, 1937) und, gemeinsam mit Annette Kolb, 1936 Es kommt nicht zum Krieg von Jean Giraudoux (La Guerre de Troie n’aura pas lieu, 1935) sowie mehrere heute vergessene Dramatiker, u.a. Jean-Jacques Bernard, Édouard Bourdet, Jacques Natanson, Alfred Savoir.
Erzählprosa
Was die Übersetzung erzählender Literatur in der Zwischenkriegszeit betrifft, so sind vor dem 19. Jahrhundert erschienene Werke nur in Spurenelementen vertreten. Und für die jüngere Zeit sind nur wenige größere Projekte oder erkennbare Spezialisierungen auszumachen. Wer dem Übersetzen als Gelegenheitsbeschäftigung nachgeht, folgt seinen Vorlieben, wer es als Brotberuf hat, übernimmt die Aufträge, die der Markt anbietet.
Da für Werke aus dem Mittelalter philologische Kenntnisse älterer Sprachstufen erforderlich sind und die österreichische Universitätsromanistik wenig Interesse an der Popularisierung alt- und mittelfranzösischer Werke zeigte, sind aus der Frühzeit der französischen Literatur nur wenige Titel zu nennen. Von den Heldenepen ist lediglich das berühmteste, das Rolandslied (aus der Zeit um 1100), in einer Übersetzung von Otto Hauser zu erwähnen. Und die rührende Liebesgeschichte von Aucassin und Nicolette, ein Prosimetrum aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wurde von Erwin Rieger auf Deutsch erzählt. Auch die frühe Neuzeit bis zur Französischen Revolution blieb weitgehend Brachland. Als einziger Text aus der Renaissance ist Das Leben der galanten Damen von Pierre de Bourdeille, Abbé de Brantôme, in der Übersetzung des enorm produktiven Edmund Theodor Kauer zu nennen. Übersetzt wurden auch nur einige wenige Texte aus dem 18. Jahrhundert: Diderots La Religieuse (Die Nonne, 1928) und Manon Lescaut des Abbé Prévost (Die Geschichte der Manon Lescaut und des Chevalier des Grieux, 1930), beide wiederum übersetzt von Kauer, sowie Monsieur Nicolas von Rétif de la Bretonne (Irrwege des Herzens, 1924) in der Version des ebenfalls ungemein aktiven Erwin Rieger.
Selbst die Romantik ist noch nicht stark repräsentiert, sowohl was Autoren als auch was die Übersetzer betrifft. Wieder ist es Edmund Th. Kauer, der die einzige namhafte Übersetzung eines Werks von Victor Hugo beisteuerte (Die Elenden, 1929), aber vor allem auf die Verkaufsschlager von Alexandre Dumas père setzte (Der Graf von Monte Christo, 1929; Die drei Musketiere, 1929; Das Halsband der Königin, 1929; Zehn Jahre später, 1936; u.a.). Charles Nodier war dank Erwin Rieger (Drei Erzählungen, 1921) in Österreich präsent.

Erst die Autoren, die sich von der Romantik distanzierten, bestücken die österreichische Übersetzungsgeschichte dichter. Novellen von Prosper Mérimée wurden von Richard Schaukal und Erwin Rieger übersetzt; Letzterer legte einen der großen Romane Stendhals mit dem italianisierenden Titel Die Certosa von Parma (1921) vor, Karl Federn dessen Hauptwerk (Rot und Schwarz, 1925), Franz Blei rundete mit drei Novellenbänden ab. Ein Lieblingserzähler von Verlegern, Übersetzern und Publikum war Honoré de Balzac: Emil Rheinhardt (Die tödlichen Wünsche, 1921, Übersetzung von La Peau de chagrin; Glanz und Elend der Kurtisanen, 1925) erweiterte das im gesamtdeutschen Sprachraum schon sehr schwer überschaubare Angebot. Bei Flaubert kehrten nicht nur schon bekannte Titel wieder; im Fall der Erzählung Bibliomanie stehen einem Ausgangstext gleich zwei Übersetzungen gegenüber: Richard Schaukal (Bücherwahn) und Erwin Rieger (Der Büchernarr). Otto Hausers Version der Legende von Sankt Julian dem Gastfreundlichen datierte schon von 1917. Den umfangreichen Roman L’Éducation sentimentale nahm sich Emil Rheinhardt vor (Die Erziehung des Herzens, 1926). Als Erzähler wurde Théophile Gautier nur von Friderike Maria Zweig, der Gattin des berühmten Schriftstellers, wahrgenommen (Spirita, 1926). Der Exotismus von Pierre Loti wiederum schien lediglich Irene Kafka (Auf fernen Meeren, 1924) herauszufordern. Auch Francis Jammes trat in der Zwischenkriegszeit nur mit Emil Rheinhardts Übersetzung des Roman du lièvre in Erscheinung (Das Paradies. Geschichten und Betrachtungen, 1919). Auguste de Villiers de l’Isle-Adam wurde von Erwin Rieger mit einem von ihm zusammengestellten Band vorgestellt (Visionen aus dem Osten, 1921).
Abgelaufen ist auch die große Zeit des Naturalismus. Alphonse Daudets[11] Tartarin wurde der deutschen Leserschaft u.a. durch Edmund Th. Kauer bekannt (Reisen und Abenteuer des Tartarin aus Tarascon in Afrika und in den Alpen, 1928). Ebenfalls von Kauer übersetzt wurde Edmond de Goncourts Roman La fille Elisa (Die Dirne Elisa, 1930), obwohl schon mehr als eine auflagenstarke Konkurrenzversion existierte. Für eine autorisierte Gesamtausgabe des Rougon-Macquart-Zyklus von Zola (1923–1925 bei Kurt Wolff in München) übersetzten Max und Else Brod La Curée (Die Jagdbeute, 1923) und Franz Blei L’Assommoir (Der Totschläger, 1923). Leopold Rosenzweigs Übersetzungen von Zolas letzten Romanen Arbeit und Wahrheit wurden 1930 von Knaur neuaufgelegt. Guy de Maupassant kam mit vier Neuerscheinungen auf den Markt. Otto Hauser übersetzte die Novelle Boule de suif mit Buffchen (1920), Paul Amann[12] verdeutschte Mademoiselle Fifi (Fräulein Fifi. Novellen, 1924) und den Roman Une vie (Ein Leben, 1924), Ernst Weiss ließ Pierre et Jean als Die Brüder. Roman (1924) erscheinen.
Auf Vollständigkeit ausgelegte Übersetzungsbibliographien wie die von Hans Fromm weisen für die Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ende der Ersten Republik zahlreiche französische Werke aus, die kurz die Aufmerksamkeit des Kulturbetriebs auf sich gezogen, aber nie Eingang in die Literaturgeschichten und auch nicht in selektivere Bibliographien wie die von Jurt / Ebel / Erzgräber (1989) gefunden haben. Auch wenn die Übersetzungen kurzfristiger Verkaufserfolge von renommierten Übersetzerinnen und Übersetzern stammen (wie zum Beispiel die des Romans Le Tour de souffrance [1925] von André Reuze durch Fred Antoine Angermayer unter dem Titel Giganten der Landstraße. Ein Rennfahrer-Roman [Berlin 1928] oder Irene Kafkas Übersetzung von Francis de Miomandres L’aventure de Thérèse Beauchamps [1925] als Das Herz und der Chinese [Wien 1929]), werden sie hier übergangen.

Etablierte Literaturschaffende suchten sich auch als Übersetzerinnen und Übersetzer Texte, von deren literarischer oder gesellschaftspolitischer Relevanz sie überzeugt waren. Daher erscheinen auf der Liste von Stefan Zweigs Übersetzungen die Namen Romain Rolland (Clérambault. Geschichte eines freien Gewissens im Kriege, 1922), André Suarès (Cressida, zusammen mit Erwin Rieger, 1920) oder Henri Barbusse (Die Schutzflehenden. Roman einer Vorkriegsjugend, 1932). Gemeinsam mit seiner Frau Friderike Maria übersetzte er den Roman Femme der linksintellektuellen Friedensaktivistin Magdeleine Paz (Weib, 1920). Und auch die Mehrzahl der Werke, die Friderike Maria Zweig in Eigenregie übersetzte, werden nach wie vor verschiedentlich erwähnt (René Arcos, Das Gemeinsame, 1921; Medardus, 1930; Anatole France, Das Leben der heiligen Johanna, 1926; Edmond Jaloux, Dich hätte ich geliebt, 1928). Besonders hervorzuheben, weil bis zu ihrer Würdigung durch Elisabeth Edl (2023) völlig vergessen, ist die von den Nationalsozialisten in den Selbstmord getriebene Erna Redtenbacher[13], denn sie war die Stimme Colettes[14] im deutschen Sprachraum (Mitsou, 1927/28; Die Fessel, 1928; Tagesanbruch, 1928; Mein Elternhaus [= La Maison de Claudine], 1929; Die Andere, 1930), sekundiert von Rosa Breuer-Lucka (Renée Néré. Das Schicksal einer Frau [= La Vagabonde], 1927). Ganz unbekannt wäre deutschsprachigen Leser:innen auch der Dichter der Bohème Francis Carco geblieben, wenn nicht Fred Antoine Angermayer drei Bände von ihm übersetzt hätte (Jésus-la-Caille. Roman vom Montmartre, 1922; Der Gehetzte, 1924; An Straßenecken, 1925). Gleich mehrere Autoren als Übersetzer begleitete der in Prag geborene Paul Amann (1884–1958), studierter Germanist und Romanist und danach Gymnasialprofessor für Deutsch und Französisch. 1911 übersiedelte er nach Wien und trat in Kontakt zur dortigen Literaturszene. In den Zwanzigerjahren ist es vor allem Romain Rolland, in dessen Werke er seine Arbeitskraft investierte (Peter und Lutz, 1921; Annette und Sylvia, 1924; Sommer, 1925) und mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Danach konzentrierte er sich auf den heute unbekannten Maurice Léon Martin, parallel und bis 1933, als auch bei Zsolnay jüdische Autoren kaum mehr verlegt werden konnten, auf Jean-Richard Bloch (Kurdische Nacht, 1927; Auf einem Frachtdampfer nach Afrika, 1929; … & Co. Roman aus der Welt der Industrie, 1930; Vom Sinn unseres Jahrhunderts, 1932; Sybilla, 1933). 1937 erschien Die Mädchen von Henry de Montherlant. 1937 wurde Amann für seine Verdienste um die französische Literatur zum Offizier der Académie Française ernannt. Im Jahr darauf flüchtete er nach Frankreich, 1941 weiter in die USA.[15]
Einige prominente Namen, die die französische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmten, begannen am Horizont zu erscheinen und die Übersetzerzunft im deutschen Sprachraum zu beschäftigen. Von Marcel Proust sind Mitte der Zwanzigerjahre nur mehr die Rechte für „Nebenwerke“ zu vergeben; Ernst Weiss wurde mit der Übersetzung von Les Plaisirs et les Jours beauftragt (Tage der Freuden. Erzählungen, 1926). Erwin Rieger sicherte sich Prinz Dschaffar (1926) von Georges Duhamel, Rosa Breuer-Lucka vom selben Autor Les Hommes abandonnés (aufgesplittet in Die Gottverlassenen, 1925 und Menschen der Straße, 1926). Auch den noch ganz jungen Julien Green nahm sie in ihr Portfolio auf (Mont-Cinère, 1928), zeitgleich mit Irene Kafka (Adrienne Mesurat, 1928). Der Vielschreiber André Maurois wurde auch viel übersetzt, in einem Fall auch von Erwin Rieger (Le Peseur d’âmes / Die Seelenwaage, 1931). Eine Sonderstellung als Verleger und Übersetzer nahm Jakob Hegner ein. Er übersetzte Francis Jammes (Der Roman der drei Mädchen – Klara, 1921; Marie, 1926; Röslein, 1929), er verlegte eine Reihe eigener Übersetzungen des im deutschen Raum wenig beachteten Marcel Schwob (Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe, 1925; Die Gabe an die Unterwelt, 1926) und er machte Georges Bernanos auf Deutsch bekannt (Ein Verbrechen, 1935; Der heilige Dominikus, 1935; Tagebuch eines Landpfarrers, 1936; Die Geschichte der Mouchette, 1937).
Sachbücher
Der Fächer nicht-fiktionalen Schrifttums, das auf österreichische Übersetzerinnen und Übersetzer zurückgeht, erstreckt sich von historischen über (kultur)politische bis zu kunsttheoretischen Themen. Wo Politik im Zentrum steht, geht es meist um die unmittelbare Gegenwart. Romain Rolland lancierte von der Schweiz aus einen pazifistischen Appell, den Stefan Zweig in deutscher Sprache unter dem Titel Den hingeschlachteten Völkern bei Rascher in Zürich erscheinen ließ. Paul Baudisch[16] übersetzte zeitnah die Eindrücke, die Henri Barbusse bei seiner Reise durch den Kaukasus gemacht hat (Georgien, 1930). Pierre Pascal, Zeitzeuge der Oktoberrevolution und zeitlebens Vermittler russischer Kultur, fand in Hermynia Zur Mühlen[17] noch im Jahr des Erscheinens seiner Abhandlung Les résultats moraux de l’État soviétiste (1921) eine Übersetzerin (Die ethischen Ergebnisse der russischen Sowjetmacht). Weiter zurück in die Geschichte führte Georges Maurice Paléologue: Dem Heros der Einigung Italiens widmete er eine Biographie, die wiederum von Paul Baudisch auf Deutsch publiziert wurde (Cavour, ein großer Realist, 1929). Ein Kapitel französischer Geschichte präsentierte Henri Sanson mit der makabren Revue Sept générations d’exécuteurs, 1688–1847, die von Edmund Th. Kauer ins Deutsche gebracht wurde (Die Henker von Paris, 1926). Persönliche Erinnerungen aus dem Hochadel teilte der Comte Horace de Viel-Castel in seinen Mémoires sur le règne de Napoléon III (1851–1864) mit, denen Max Adler in seiner Übersetzung den appellativen Titel Der Karneval des zweiten Kaiserreichs. Memoiren aus der Welt der Kaiserin Eugénie (1922) gab. Eine sozial entgegengesetzte Perspektive nahm Albert Jamet in La guerre vue par un paysan ein, von Hermynia Zur Mühlen als Der unbekannte Soldat spricht (1932) übersetzt. Reportagen von Jean-Richard Bloch – u.a. von einer Afrikareise – brachte Paul Amann bei seinem Stammverlag Zsolnay heraus.
Ein Glanzlicht der französischen Literaturkritik machte Stefan Zweig der deutschen Leserschaft zugänglich, indem er Portraits namhafter französischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller des Literaturpapsts des 19. Jahrhunderts Charles-Augustin de Sainte-Beuve von Fachkundigen in seinem Umfeld (Erwin Rieger, Raoul Auernheimer, Friderike Maria Zweig u.a.) übersetzen ließ und in Form einer Anthologie (Literarische Portraits: aus dem Frankreich des XVII.–XIX. Jahrhunderts, Frankfurt 1923) herausgab. Franz Blei verdeutschte die Dostojewski-Monographie (1921) von André Suarès. Der kunsttheoretische Dialog Eupalinos ou l’architecte von Paul Valéry ist in der Übersetzung von Rilke ein Klassiker geworden. Fred Antoine Angermayer, als Jugendlicher in Paris sozialisiert, übersetzte als freischaffender Literat in den Zwanzigerjahren auch Bücher über Kunst; so etwa Du cubisme von Albert Gleizes (Vom Kubismus. Die Mittel zu seinem Verständnis, 1922) oder Les vieilles tapisseries françaises von Florent Feld (Die altfranzösischen Bildteppiche, 1923). In eine psychologisch-spirituelle Richtung orientierte sich Paul Amann, der mehrere Werke über den Couéismus, die auf den Apotheker Émile Coué zurückgehende therapeutische Methode der Autosuggestion, übersetzte, wobei die deutsche Version von Coués Lehrbuch (Die Selbstbemeisterung durch bewußte Autosuggestion, 1923) ein absoluter Bestseller wurde. Beachtung fand auch die Übersetzung von Romain Rollands La vie de Ramakrishna, die beim Schweizer Rotapfel-Verlag erschien.
Die Nachfrage nach Schrifttum aus Frankreich wurde ab Mitte der Dreißigerjahre immer schwächer. In der Zeit, in der Österreich gar nicht existierte, fand auch so gut wie kein geistiger Austausch statt. Der Aufholbedarf nach 1945 wird insgesamt nur langsam in Gang kommen.
Die Zweite Republik (1945–)
Die Besatzungszeit (1945–1955)

Nach der wiedererlangten Staatlichkeit Österreichs im April 1945 galt es – zunächst vielfach im Zusammenwirken mit Vertretern der Siegermacht Frankreich –, sich mit künstlerischen Entwicklungen, von denen man fast ein Jahrzehnt abgeschnitten war, vertraut zu machen und sie den Landsleuten zu vermitteln. Die französisch kontrollierte Besatzungszone, also die westlichsten Bundesländer Vorarlberg und Tirol sowie ein Sektor der Bundeshauptstadt Wien, nahm in den allerersten Nachkriegsjahren naturgemäß eine Vorrangstellung im französisch-österreichischen Kulturkontakt ein. So wurden etwa in Innsbrucker Kleinverlagen (meist mit einem zweiten Standort in Wien) mehrere Übersetzungen französischer Werke herausgebracht. Erwähnenswert ist hier die bei Rohrer (Innsbruck/Wien) 1947 verlegte Verdeutschung der als wichtiges Zeugnis der deutsch-französischen Versöhnung verstandenen Novelle Le Silence de la mer von Vercors (= Jean Bruller) mit dem lapidaren Titel Das Schweigen durch Josef Ziwutschka, der auch für eine Reihe anderer Übersetzungen verantwortlich zeichnete, namentlich für André Gides bei den Wiener Amandus-Editions 1947 publizierte Erzählung Der Liebesversuch (frz. La Tentative amoureuse). Charakteristisch für das stark vom französischen Renouveau catholique geprägte intellektuelle Klima im Österreich der Nachkriegsjahre ist das Erscheinen einer Reihe von Übersetzungen religionshistorischer Werke des auf diesem Sektor ungemein produktiven und im deutschen Sprachraum generell breit rezipierten Autors Daniel-Rops in der Abendländischen Verlagsanstalt (Innsbruck/Wien). Auch in der Belletristik der von österreichischen Verlagen herausgebrachten Übersetzungen aus dem Französischen dominierte eine konservative metaphysisch-religiöse Tendenz. Sie ist etwa in der von Werner Riemerschmid übersetzten Novellensammlung Le Voyageur sur la terre von Julien Green, auf Deutsch Pilger auf Erden (Wien: Herder 1948), in Henri Queffélecs Chemin de terre, übersetzt von dem Wiener Romanisten Georg Rabuse mit Unter leerem Himmel. Roman eines gottlosen Dorfes (Graz/Wien: Styria 1953), oder auch in François Mauriacs Le mal, deutsch Die Sünde (übersetzt von Lilly Sauter, Wien: Amandus 1953) spürbar.
Die Kulturszene wurde aber auch von Persönlichkeiten belebt, die sich um eine breitere Öffnung des Horizonts bemühten. An prominenter Stelle ist hier die in Innsbruck wirkende Kunsthistorikerin Lilly Sauter zu nennen, die die ambitionierte Kulturzeitschrift Wort und Tat in der kurzen Zeit ihres Bestehens (1946–1948) mitherausgab, sie auch mit zahlreichen Übersetzungen von Artikeln über diverse Aspekte französischer Kultur und Wissenschaft versorgte und sich alsbald auch als Übersetzerin von Romanen bedeutender Autoren wie Romain Gary (Die Wurzeln des Himmels, 1957; Erste Liebe – letzte Liebe, 1961) oder Joseph Kessel (Brunnen der Parzen, 1961), von Biographien (André Maurois: Mme de La Fayette; Luc Estang: Antoine de Saint-Exupéry), des ersten Teils der Autobiographie von Albert Cohen sowie des literaturkritischen Klassikers Panorama der modernen Literatur von Gaëtan Picon profilierte, die allerdings nach 1955 alle in bundesdeutschen Verlagen erschienen. Hervorzuheben ist der österreichische Anteil an frühen Übersetzungen von Werken Antoine de Saint-Exupérys. Grete und Josef Leitgeb machten sich um den Kleinen Prinzen verdient, der Diplomat und Schriftsteller Paul Thun Hohenstein um den Kurzroman Südkurier (beide bei Rauch in Boppard).
Nicht nur die neuere, sondern auch die französische Lyrik generell weckte in der Besatzungszeit nur mäßiges Interesse. Sporadisch wurden einzelne übersetzte Gedichte (Lilly Sauter: Aragon) oder Nachdichtungen (Otto Basil: Paul Éluards Belle) publiziert. Duschan Derndarsky veröffentlichte, was sich im Lauf der Zeit in seinem Schreibtisch angesammelt hatte, verstreut im Jahr 1947; es handelte sich dabei überwiegend um Übersetzungen älterer Lyrik (Charles Baudelaire, José-Maria de Heredia, Henri de Régnier, Paul Valéry).
Auf dem Theatersektor war in den unmittelbaren Nachkriegsjahren als Übersetzer aus dem Französischen lediglich Fritz Habeck auf Wiener Theatern bzw. in Theaterverlagen präsent: 1945 mit Kranke Liebe (Marcel Achard, Nous irons à Valparaiso), 1947 mit Der Doppeladler (Jean Cocteau, L’Aigle à deux têtes) und Don Juan geht vorbei (Claude-André Puget, Échec à Don Juan). In der Abendländischen Verlagsanstalt in Innsbruck erschien 1949 eine Ausgabe mit vier von Jean Salvard ins Deutsche übersetzten Stücken von Jean Anouilh (Antigone, Medea, Das Weib Jesebel, Romeo und Jeannette).
Die Wirtschaftswunderzeit (1955–1973)
Die im Jahr 1955 gewonnene Unabhängigkeit Österreichs hatte wenig unmittelbare Auswirkungen auf das österreichische Übersetzungswesen. Dieses blieb auch unberührt von dem Umstand, dass mittlerweile drei akademische Ausbildungsstätten für Übersetzen und Dolmetschen (an den Universitäten Wien, Graz und Innsbruck) gegründet worden waren, denn diese Einrichtungen waren nicht auf das literarische oder wissenschaftliche Publikationswesen hin orientiert. Die Übersetzerinnen und Übersetzer hatten also durchwegs autodidaktischen Hintergrund und betrieben das Übersetzen in der Regel als intellektuell herausfordernde Nebenbeschäftigung, bisweilen als Berufung. An Universitäten beschäftigte Romanistinnen und Romanisten traten in Österreich – im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, wo auch hochqualifizierte Professorinnen und Professoren Weltliteratur in Übersetzung vermittelten – kaum als Übersetzerinnen und Übersetzer in Erscheinung.
Die schwache verlegerische Infrastruktur hatte zur Folge, dass die von Frankreich ausgehenden wirkmächtigen literarischen Innovationen – namentlich der Existentialismus, der Nouveau Roman, das Absurde Theater – im deutschen Sprachraum primär durch bundesdeutsche Großverlage, die renommierte Übersetzerinnen und Übersetzer engagierten, verbreitet wurden. Von österreichischer Seite wurden kaum bahnbrechende Werke auf den Markt gebracht. Dem ab 1938 in Schweden ansässigen, seit Jahrzehnten als Übersetzer aktiven Paul Baudisch wurde Simone de Beauvoirs dritter Memoirenband (La Force des choses, dt. Der Lauf der Dinge, 1966) anvertraut. Der vom Verwaltungsbeamten zum Theaterpublizisten mutierte Kurt Klinger steuerte mit der Übersetzung von Fernando Arrabals Et il passèrent des menottes aux fleurs aus dem Jahr 1969 (dt. Und sie legen den Blumen Handschellen an, 1984) einen relativ späten Beitrag zur Kenntnis des Absurden Theaters bei.
Indes darf behauptet werden, dass insbesondere durch den ursprünglich als Juristen tätigen Grazer Max Hölzer ein gewisser Nachholbedarf auf dem Gebiet des Surrealismus gedeckt wurde. Er übersetzte André Bretons Roman Nadja (1960), machte Georges Batailles philosophische Abhandlung L’érotisme (Der heilige Eros, 1963) und seinen Roman L’Abbé C (1966) auf Deutsch zugänglich und widmete sich Gedichten von Paul Éluard (Die öffentliche Rose, 1963), übersetzte mit Nathalie Sarrautes Erstling Tropismes (1939) aber auch ein Stück experimenteller Prosa, das dem „Anti-Roman“ in Frankreich den Weg bereitet hatte (Tropismen, 1959).
Während prominente französische Autorinnen und Autoren oft ihre deutschen Stammübersetzerinnen und -übersetzer sowie ihre Stammverlage hatten, gab es in Österreich für diese Konstellation nur wenige Beispiele. Eines davon ist Helga Treichl[18], Enkelin des Verlagsgründers Leopold Ullstein, die dem 1952 neu etablierten Verlagshaus mit einem Standort in Wien als Übersetzerin von Françoise Sagans Erstling Bonjour tristesse 1955 einen großen kommerziellen Erfolg bescherte und auch die nächsten Werke der französischen Autorin, angefangen mit den Romanen … ein gewisses Lächeln (1956), In einem Monat, in einem Jahr (1958), Lieben Sie Brahms? (1959) und Die wunderbaren Wolken (1961) bis zu den Komödien Ein Schloß in Schweden (1961) und Valentine (1964) übersetzte und dem Verlag die Rechte sicherte. Einen völlig anderen biographischen Weg schlug der gebürtige Linzer Eduard Zak[19] ein. Er siedelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostberlin an und wurde dort, ideologisch streng überwacht, u.a. mit Übersetzungen der Werke des französischen Romanciers Robert Merle beauftragt; Die Insel (1964), Moncada: Fidel Castros erste Schlacht (1968), Ein vernunftbegabtes Tier (1969) und Malevil (1975) erschienen alle im Aufbau-Verlag.
Nicht unerwähnt bleiben soll auch eine überschaubare Anzahl von Übersetzerinnen und Übersetzern, deren Namen oft in einschlägigen Bibliographien erscheinen, ohne dass sich ein klares Profil ihrer bevorzugten Ausrichtung ablesen lassen würde. In gewisser Weise gilt das sogar für Paul Celan, der nicht nur moderne Lyriker wie Henri Michaux, Jules Supervielle, René Char und André Du Bouchet (der seinerseits Celans Gedichte ins Französische brachte) übersetzte, sondern auch Jean Cocteaus subjektive kulturkomparatistische Studie Lettre aux Américains (dt. Der goldene Vorhang. Brief an die Amerikaner, 1949) und den Roman L’espace d’une nuit von dem mehrere Jahre im KZ Mauthausen inhaftierten Schriftsteller Jean Cayrol sowie zwei Bände aus Georges Simenons Maigret-Serie.
Zumindest am Rande zu erinnern ist auch an eine kleine Anzahl ungemein produktiver Übersetzerinnen und Übersetzer, die nur kurzfristig beachtete Ausgangstexte oder generell marginale Publikationen auf ihrer Werkliste stehen haben. Entsprechend seiner beruflichen Ausrichtung auf Romane mit historischer Thematik spezialisiert war Hermann Schreiber[20], der auch im Umfeld von Lilly Sauter an der Vermittlung französischer Kultur wirkte. Mit einer treffenden, wenn auch nicht sehr schmeichelhaften Bemerkung charakterisierte Marcel Reich-Ranicki das Œuvre – und damit auch dessen übersetzerischen Anteil – des unter dem Pseudonym N.O. Scarpi[21] publizierenden österreichisch-schweizerischen Kulturschaffenden Fritz Bondy, wenn er von ihm sagte, er hinterlasse „als Lebenswerk ein riesiges Werk von lauter Kleinigkeiten“, denn unter den Übersetzungen figurieren Texte verschiedenster Gattungen aus unterschiedlichen Epochen, es sind aber keine Titel mit großer Strahlkraft darunter.
Gegenwart

Etwa ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts richtete sich das Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Literaturwissenschaft vermehrt auf Übersetzungen prominenter Vertreterinnen und Vertreter des Kulturbetriebs. Die Aufmerksamkeit wird dabei zweifellos von der Erwartung genährt, dass literarisch erfahrene Übersetzerinnen und Übersetzer kreative Ideen in ihre Arbeiten einfließen lassen, die das Lesepublikum überraschen und der Philologie Anlässe zu Reflexionen und Diskussionen bieten. Auch wenn das Anwachsen der einschlägigen Sekundärliteratur nicht als spektakulär zu bezeichnen ist, so bleiben zumindest originelle und ambitionierte Produkte selten unbeachtet.
Während beispielsweise einzelne Übersetzungen des französischen Unterhaltungstheaters bestenfalls von der journalistischen Kritik en passant kommentiert wurden, wurde die siebenbändige Ausgabe der Komödien Molières von Hans Weigel[22] aus dem Jahr 1975 durchaus auch von der universitären Übersetzungskritik wahrgenommen.[23] Das übersetzerische Œuvre von H.C. Artmann, das u.a. einen repräsentativen Querschnitt durch die französische Komödienliteratur (Molière, Marivaux, Beaumarchais, Musset, Labiche, Feydeau, Giraudoux) umfasst, wurde eher global gewürdigt, einzelne Übersetzungen (z.B. Jarrys Ubu) sind aber auch Gegenstand ausführlicherer Analysen geworden.[24] Eine stattliche Bibliographie gibt es indes mittlerweile zu den Übersetzungen Peter Handkes.[25] Die übersetzten Werke gehören verschiedenen Gattungen an: Lyrik (Francis Ponge, René Char), Farce (Jean Genet), Erzählung (Marguerite Duras), Roman (Emmanuel Bove, Julien Green, Georges-Arthur Goldschmidt, Parick Modiano, Bruno Bayen).
Wenn Österreicherinnen und Österreicher ihr Heimatland verlassen und sich als Übersetzerinnen und Übersetzer dauerhaft in Frankreich niederlassen, bleibt ihre Zielsprache im Allgemeinen ihre Muttersprache. Im Fall von Heinz Schwarzinger ist die Übersetzungsrichtung Französisch-Deutsch aber die Ausnahme, die er für die Verdeutschung des (fünfteiligen) Ubu-Komplexes machte, während er sich sonst vor allem für österreichisches Theater im frankophonen Sprachraum engagiert.
Auf ihr Ansehen als verantwortungsbewusste Sachwalter des literarischen Erbes bedachte Verlage bereichern ihre Ausgaben in jüngster Zeit bisweilen nicht nur durch Vor- oder Nachworte kompetenter (und nach Möglichkeit prominenter) Persönlichkeiten aus Wissenschaft oder Kultur, sondern auch durch Paratexte, die Auskunft über Entstehung und Rezeption des Werks, über die für die Übersetzung maßgeblichen Orientierungslinien, über Lesarten sowie über für den Großteil der Leserschaft erklärungsbedürftige Details (Realien, kulturelle Konventionen, sprachliche Ausdrücke etc.) geben. Nur wenige Übersetzerinnen vermögen dies in Personalunion so souverän zu leisten wie die aus der Südsteiermark gebürtige, an der Universität Graz in Germanistik und Romanistik ausgebildete und seit Jahrzehnten vorwiegend für den Münchner Hanser-Verlag tätige Elisabeth Edl, deren Werkliste zahlreiche ausführlich kommentierte Titel der französischen Höhenkammliteratur des 19. Jahrhunderts (besonders von Stendhal und Flaubert) umfasst. Edl zeichnet aber auch für viele weniger aufwändig begleitete Übersetzungen von Werken neuerer Autoren wie Julien Green und Philippe Jaccottet oder zeitgenössischer Romanciers wie des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano verantwortlich.
Jenseits der klassischen literarischen Gattungen spielen in der modernen Welt auch neue Arten von Texten eine Rolle. Im Bereich der Textmusik kann die Oper heutzutage vernachlässigt werden, da in der Regel Übertitelung angeboten wird; dagegen werden Chansons vielfach übersetzt: Punktuell als Verständnishilfe wie in der legendären, vom österreichischen Rundfunk 1969–1999 ausgestrahlten, von Heinz-Christian Sauer betreuten Sendung La Chanson, oder aber, seltener, um in deutscher Sprache gesungen werden zu können, wofür etwa das Suhrkamp-Bändchen Ich bitte nicht um deine Hand von Peter Blaikner (1989), der die deutschen Fassungen der Georges-Brassens-Stücke auch selbst auf CD interpretiert, ein frühes Beispiel ist.
Vernachlässigt wird in Statistiken übersetzter Belletristik meist die Kinder- und Jugendliteratur, obwohl ihr Anteil gerade in dieser Kategorie keine quantité négligeable ist.[26] Ein außergewöhnlicher, leider kommerziell auf längere Sicht gescheiterter Versuch ist die Übersetzung der Bände der Serie Les P’tites Poules von Christian Jolibois und Christian Heinrich in österreichisches Deutsch durch Martina Ebmer.[27]

Während die französische Literaturszene im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts etwas an Faszination verloren hat, etablierte sich Frankreich als Zentrum des intellektuellen Diskurses der westlichen Welt. In diesem Kontext nahmen mehrere österreichische Fachgelehrte und Verlage eine wichtige Vermittlerrolle ein. Zwei Bestseller aus dem Bereich der Politologie starteten ihren Erfolgslauf von Wien aus. In der Übersetzung von Zita Maria Störck und Margarete Venjakob erschien die prophetische Bestandsaufnahme Wenn sich China erhebt … erzittert die Welt des in vielen politischen Funktionen aktiven Gaullisten Alain Peyrefitte 1974 bei Zsolnay. 1980 kam im Europa-Verlag das Plädoyer für einen Dialog der Zivilisationen des in seinen politischen Haltungen zeitlebens sehr wandelbaren Roger Garaudy, übersetzt von Margarete Venjakob in Alleinregie, heraus.
Wenn man von einigen Tandem-Übersetzungen absieht, hat das Monopol auf das im Deutschen existierende Œuvre von Michel Foucault der österreichische Philosoph Walter Seitter[28] inne. Von ihm kamen bei verschiedenen bundesdeutschen Verlagen Übersetzungen der wichtigsten Werke des französischen Denkers heraus: Die Geburt der Klinik: eine Archäologie des ärztlichen Blicks (1973, Hanser); Von der Subversion des Wissens (1974, Hanser); Das ist keine Pfeife (1974, Hanser); Überwachen und strafen: die Geburt des Gefängnisses (1976, Suhrkamp); Sexualität und Wahrheit (1977–1986, zusammen mit Ulrich Raulff, Suhrkamp); Was ist Kritik (1992, Merve); Das Leben der infamen Menschen (2001, Merve); Gilles Deleuze / Michel Foucault: Der Faden ist gerissen (1977, Merve).
Ein Schlüsseltext der französischen Philosophie, La condition postmoderne. Rapport sur le savoir von Jean-François Lyotard, liegt in der Übersetzung des an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales lehrenden Juristen Otto Pfersmann[29] unter dem Titel Das postmoderne Wissen: ein Bericht vor (Graz / Wien: Böhlau 1986, ab der 2. Auflage im Wiener Passagen-Verlag, aktuell 10. Auflage 2025).
Vor allem kleine Texte und aufgezeichnete Gespräche von und rund um Jacques Derrida, aber auch andere postmoderne Philosophen, erscheinen seit 1987 im Wiener Passagen-Verlag; sein Gründer Peter Engelmann fungiert durchwegs als Herausgeber der von verschiedensten Übersetzerinnen und Übersetzern erstellten Texte. In gewissem Sinn komplementär positioniert sich der Verlag Turia + Kant (Wien / Berlin), der ebenfalls zahlreiche Texte der französischen Postmoderne sowie französischer Schulen der Psychoanalyse im Programm hat.
Quellen und externe Links
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- ↑ Hall / Renöckl 2024
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/E._P._Tal_%26_Co._Verlag
- ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_R/Rieger_Erwin_1889_1940.xml
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- ↑ http://www.dichterinnen.de/Colette/
- ↑ ÖBL
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- ↑ https://austria forum.org/af/AustriaWiki/N._O._Scarpi
- ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Hans_Weigel
- ↑ cf. Fröhlich 1991
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- ↑ cf. Handkeonline
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Spezielle Titel
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- Edl, Elisabeth: Von Wien in die Emigration – Erna Redtenbacher, Erinnerung an eine vergessene Übersetzerin. 2023. https://uelex.de/uebersetzer/redtenbacher-erna/.
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- Hall, Murray G.: Österreichische Verlagsgeschichte 1918–1938. Band I: Geschichte des österreichischen Verlagswesens. Wien–Köln–Graz: Böhlau 1985.
- Hall, Murray G. / Renöckl, Georg: Welt in Wien: der Paul Zsolnay Verlag 1924 bis 2024. Wien: Zsolnay 2024.
- Kotte, Claudia: Bibliographie des Übersetzers Franz Blei. In: UeLex. https://uelex.de/bibliographie/blei-franz-bib/
- Mayer, Martina: La petite poule polyglotte: un exemple de transfert culturel France > Autriche (> Allemagne) à travers la traduction d’un livre d’enfants. In: Irène Cagneau / Sylvie Grimm-Hamen / Marc Lacheny (Hg.): Les traducteurs, passeurs culturels entre la France et l’Autriche. Berlin: Frank & Timme 2020, S. 231–243.
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- Scheichl, Sigurd Paul / Zieger, Karl (Hg.): Österreichisch-französische Kulturbeziehungen 1867–1938 / France – Autriche: leurs relations culturelles de 1867 à 1938. Innsbruck / Valenciennes (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft) 2012.
- Wolf, Michaela: Die vielsprachige Seele Kakaniens. Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918. Wien–Köln–Weimar: Böhlau 2012.
Autor
Wolfgang Pöckl
Onlinestellung: 06/05/2026
