Österreichische Literatur in Frankreich seit 1945: Unterschied zwischen den Versionen

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Auch wenn die französische Germanistik in den letzten zwei Jahrzehnten über mangelnden Nachwuchs klagt, ist ihre Vermittlerrolle in der Rezeption von österreichischer Literatur und Kultur von Bedeutung. Die verhältnismäßig zahlreichen Österreich-Spezialisten unter den französischen Germanist:innen halten Seminare und Vorlesungen zur österreichischen Literatur, verfassen Besprechungen, sind (leitende) Redakteur:innen von Fachzeitschriften und treten als Vortragende bei einschlägigen Tagungen, aber auch als Übersetzer:innen hervor, und bilden somit die nächste Germanisten-Generation aus.
Auch wenn die französische Germanistik in den letzten zwei Jahrzehnten über mangelnden Nachwuchs klagt, ist ihre Vermittlerrolle in der Rezeption von österreichischer Literatur und Kultur von Bedeutung. Die verhältnismäßig zahlreichen Österreich-Spezialisten unter den französischen Germanist:innen halten Seminare und Vorlesungen zur österreichischen Literatur, verfassen Besprechungen, sind (leitende) Redakteur:innen von Fachzeitschriften und treten als Vortragende bei einschlägigen Tagungen, aber auch als Übersetzer:innen hervor, und bilden somit die nächste Germanisten-Generation aus.


So wie im deutschen Sprachraum die Französischlernenden immer weniger werden, nimmt auch in Frankreich die Anzahl der Deutschlernenden und Deutschlehrenden ab. Innerhalb der französischen Germanistik spielen jedoch nach wie vor die national organisierten Wettbewerbsprüfungen für das Lehramt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auf dem Prüfungsprogramm der ''agrégation d’allemand'' standen in den letzten Jahrzehnten neben Werken von Kafka, Rilke, Hofmannsthal, Zweig, Musil, [[Georg Trakl|Trakl]] auch zeitgenössische österreichische Autor:innen: Bachmann, Canetti, Handke, Bernhard, Ransmayr<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Christoph_Ransmayr</ref>, Haushofer. Auf dem Programm 2026/27 stehen sowohl für die ''agrégation d’allemand'' als auch für die ''agrégation de lettres modernes'' (Prüfung in vergleichender Literaturwissenschaft) Theaterstücke von Thomas Bernhard (''Heldenplatz bzw. Minetti''). Es ist seit Jahrzehnten üblich, eine meist mit einer Publikation verbundene Tagung an mehreren Universitäten zum österreichischen Concours-Thema zu organisieren. Diese universitäre Sensibilisierung für österreichische Literatur trägt ab den 1980er Jahren zunehmend Früchte in der französischen Literaturwissenschaft in Form von Doktorarbeiten oder Beiträgen in französischen Fachzeitschriften. Nach der französischen Datenbank ''theses.fr'' gebührt die akademische Palme mit jeweils 25 Dissertationen Musil und Kafka, deren Werke in Frankreich interdisziplinär in philosophische und ästhetische Diskussionen hineinwirken; statistisch folgen mit jeweils 20 Doktorarbeiten Rilke, Hofmannsthal, [[Paul Celan]] und Thomas Bernhard, der die Liste der zeitgenössischen Literatur anführt; weiters registriert die Datenbank Dissertationen über Zweig und Handke (15), Schnitzler (12), Canetti (11) und Bachmann (12), Jelinek (10), J. Roth (9), Karl Kraus (6), Trakl (5), Werfel (3), [[Heimito von Doderer|Doderer]] (3). Auch über [[Franz Grillparzer|Grillparzer]], Nestroy, [[Ferdinand Raimund|Raimund]], Stifter (jeweils 2), Rosegger<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118602667.html#ndbcontent</ref>, Nabl<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586092.html#ndbcontent</ref>, Fussenegger<ref>https://austria-forum.org/af/Biographien/Fussenegger%2C_Gertrud</ref>, K.E. Franzos<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Karl_Emil_Franzos</ref> und [[H.C. Artmann]] wurde in Frankreich bisher dissertiert.
So wie im deutschen Sprachraum die Französischlernenden immer weniger werden, nimmt auch in Frankreich die Anzahl der Deutschlernenden und Deutschlehrenden ab. Innerhalb der französischen Germanistik spielen jedoch nach wie vor die national organisierten Wettbewerbsprüfungen für das Lehramt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auf dem Prüfungsprogramm der ''agrégation d’allemand'' standen in den letzten Jahrzehnten neben Werken von Kafka, Rilke, Hofmannsthal, Zweig, Musil, [[Georg Trakl|Trakl]] auch zeitgenössische österreichische Autor:innen: Bachmann, Canetti, Handke, Bernhard, Ransmayr<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Christoph_Ransmayr</ref>, Haushofer. Auf dem Programm 2026/27 stehen sowohl für die ''agrégation d’allemand'' als auch für die ''agrégation de lettres modernes'' (Prüfung in vergleichender Literaturwissenschaft) Theaterstücke von Thomas Bernhard ([[Heldenplatz / Place des héros (Thomas Bernhard)|''Heldenplatz'']] bzw. ''Minetti''). Es ist seit Jahrzehnten üblich, eine meist mit einer Publikation verbundene Tagung an mehreren Universitäten zum österreichischen Concours-Thema zu organisieren. Diese universitäre Sensibilisierung für österreichische Literatur trägt ab den 1980er Jahren zunehmend Früchte in der französischen Literaturwissenschaft in Form von Doktorarbeiten oder Beiträgen in französischen Fachzeitschriften. Nach der französischen Datenbank ''theses.fr'' gebührt die akademische Palme mit jeweils 25 Dissertationen Musil und Kafka, deren Werke in Frankreich interdisziplinär in philosophische und ästhetische Diskussionen hineinwirken; statistisch folgen mit jeweils 20 Doktorarbeiten Rilke, Hofmannsthal, [[Paul Celan]] und Thomas Bernhard, der die Liste der zeitgenössischen Literatur anführt; weiters registriert die Datenbank Dissertationen über Zweig und Handke (15), Schnitzler (12), Canetti (11) und Bachmann (12), Jelinek (10), J. Roth (9), Karl Kraus (6), Trakl (5), Werfel (3), [[Heimito von Doderer|Doderer]] (3). Auch über [[Franz Grillparzer|Grillparzer]], Nestroy, [[Ferdinand Raimund|Raimund]], Stifter (jeweils 2), Rosegger<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118602667.html#ndbcontent</ref>, Nabl<ref>https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586092.html#ndbcontent</ref>, Fussenegger<ref>https://austria-forum.org/af/Biographien/Fussenegger%2C_Gertrud</ref>, K.E. Franzos<ref>https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Karl_Emil_Franzos</ref> und [[H.C. Artmann]] wurde in Frankreich bisher dissertiert.


==Zeitschriften und einschlägige Reihen==
==Zeitschriften und einschlägige Reihen==

Aktuelle Version vom 23. September 2026, 08:27 Uhr

Eingangs sei bemerkt, dass auf die im deutschen Sprachraum, allen voran in Österreich, geführten Debatten um das Spezifische, das Eigenständige der österreichischen Literatur in diesem Rahmen nicht eingegangen werden kann.[1] Es stellt sich allerdings die Frage, inwiefern und ab welchem Zeitpunkt in Frankreich literarische Werke aus Österreich als aus einem besonderen kulturellen, sozialen und politischen Milieu kommende, von den anderen deutschsprachigen Literaturen abzugrenzende, eben als „österreichisch“ wahrgenommen werden. Mehrere Untersuchungen zur französischen Rezeption österreichischer Schriftsteller:innen haben ergeben, dass die Rezeption der österreichischen als besonderer Teil der deutschsprachigen Literatur bei einem breiteren französischen Lesepublikum erst Ende der 1970er–Anfang der 1980er Jahre einsetzt. Auch noch das in allen französischen Bibliotheken vorhandene Nachschlagewerk Histoire de la littérature de langue allemande[2] widmet sich ‚österreichischen‘ Autor:innen nur in Unterkapiteln.[3] Das 1977 in der Reihe „Que-sais-je“ bei den PUF publizierte, niemals aktualisierte und längst vergriffene Büchlein La littérature autrichienne stellt eine Ausnahme dar – und das von Jean-Marie Valentin und Gerald Stieg in den 1990er Jahren geleitete Projekt einer Littérature autrichienne, das bei dem großen Verlag Fayard erscheinen sollte, ist trotz bereits unterzeichnetem Vertrag gescheitert.

Schon vor 1900 wird jedoch in französischsprachigen kultur- und literaturhistorischen Werken auf Unterschiede zwischen österreichischen und norddeutschen (preußischen) Autoren hingewiesen, die sich aus den unterschiedlichen Verflechtungen von Literaturgeschichte und politischer Geschichte ergeben.[4] Der durch den verlorenen Krieg, die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles 1871 und die Annexion von Elsass-Lothringen geschürte Preußen-Hass erfasst nämlich auch Literaturkritiker und -historiker, die erstmals die österreichische Literatur gegenüber der deutschen, sprich preußischen, positiv hervorzuheben suchen: Etwa in Les poètes lyriques de l’Autriche (1880) schreibt Alfred Marchand von den „von der preußischen Kritik ignorierten, herabgesetzten oder einfach annektierten österreichischen Dichter[n]“, die sich im Gegensatz zu den deutschen Dichtern, die durch strenge Dialektik, trockene Wissenschaft, unfehlbare Methode und kaltes Kalkül charakterisiert werden, durch Kunst und Poesie, lebhafte Fantasie, fröhliche Bonhomie, Gefühl, Wärme des Herzens und Anmut auszeichnen. Während der Zwischenkriegszeit, in der die Frage des ,Anschlusses‘ an Deutschland von politischer Brisanz war, fordern die Franzosen nicht nur politische Unabhängigkeit für Österreich, sondern bekämpfen den „Anschluß“ auch in der Literatur, indem die kulturelle und literarische Eigenständigkeit und Originalität gegen eine deutsche Einvernahme der österreichischen Literatur betont wird. In dem Buch L’Autriche (1921) betont Marcel Dunan nicht nur den Einfluss des Theaters und der Musik, sondern auch die Wirkung der österreichischen Landschaft auf die literarische Produktion. In dem Buch La nouvelle Autriche (1927) von Léon Riotor ist vom Zusammenwirken der drei großen europäischen – der romanischen, der germanischen und der slawischen – Kulturen die Rede, das die Entfaltung eines von Deutschland unabhängigen literarischen Lebens im Vielvölkerstaat ermöglicht habe. Bemerkenswert bezüglich des französisch-österreichischen Kulturaustausches ist die Tatsache, dass wiederholt die „Latinität“ der österreichischen Autoren und deren Empfänglichkeit für französische Einflüsse, ja die Verwandtschaft der beiden Kulturen, unterstrichen wird.[5] Im Gegensatz zu den Preußen seien die österreichischen Dichter keine Denker, dafür aber wahre Künstler.[6] Anmut, Sensibilität und der Sinn für das Schöne kennzeichne sie, aber auch die Neigung zum Ästhetizismus und ein Mangel an Tiefe. Diese Beschreibungsversuche erinnern stark an das ‚Schema‘ Preuße und Österreicher (1917) von Hugo von Hofmannsthal.

Das Hauptaugenmerk richtet sich in diesem Überblick auf die Rezeption der österreichischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei in erster Linie Literaturbesprechungen und Theaterkritiken in Betracht gezogen wurden. Auf einige Verlage und Fachzeitschriften, wie auch auf die französische Germanistik als Vermittlungsinstanzen wird ebenfalls verwiesen.

Österreichische Literatur in der Kulturjournalistik nach 1945

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wird im französischen Feuilleton dem literarischen Entstehungskontext der Texte aus den verschiedenen deutschsprachigen Ländern praktisch keine Beachtung geschenkt. Der französische Kulturbetrieb öffnet sich erst in den 1950er Jahren allmählich für die deutschsprachige Literatur, insbesondere für das Werk Franz Kafkas, das Brecht’sche Theater und die engagierte Literatur der BRD. Was die Literatur aus Österreich betrifft, werden ausschließlich die der Wiener Moderne zugeordneten Dichter Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig als „österreichisch“ kategorisiert, während Kafka, Rilke und Musil als ‚universelle‘ Dichter keiner Zuordnung unterliegen. Die wenigen Übersetzungen zeitgenössischer Autor:innen, u.a. von Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Peter Handke oder Thomas Bernhard, erringen zwar einen Achtungserfolg im Feuilleton, werden aber kaum gelesen; ein Grund für die geringe Rezeption der zeitgenössischen Literatur aus Österreich ist sicherlich auch die sprachliche Komponente, denn die Dichte und Komplexität der häufig anspruchsvollen Schreibweisen scheinen sowohl die französische Verlage wie auch die Übersetzer und das Lesepublikum zu überfordern. Immerhin aber inszeniert Peter Brook bereits Anfang der 1970er Jahre im kleinen Rahmen Kaspar von Peter Handke; und Thomas Bernhards Frost (1963) erscheint bereits 1967 in französischer Übersetzung bei Gallimard. Die prekäre Situation des österreichischen Verlagswesens, die junge Autor:innen zu renommierten bundesdeutschen Verlagen abwandern lässt, hat auch zur Folge, dass etwa Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann und Peter Handke über die BRD und die Gruppe 47 international bekannt wurden, aber nicht als österreichische Autor:innen rezipiert werden. Zudem wird in den ersten Nachkriegsjahrzehnten der „Export“ der jungen, neuartigen, schwerer zugänglichen und österreichkritischen Literatur von Seiten einer konservativen österreichischen Kulturpolitik nicht gefördert. Im Gegenteil, das offizielle Österreich pflegt ein rückwärtsgewandtes harmonisierendes Österreich-Image, indem der Habsburgische Mythos bzw. „la nostalgie monarchique“ bedient werden. Allen voran werden nun die der Wiener „jüdischen“ Literatur zugeordneten Schriftsteller, die in der Zwischenkriegszeit missachtet und in der Nazizeit verfolgt wurden, und die sogenannten „Grenzfälle“ (Rilke und Kafka) zu kulturpolitischen Aushängeschildern.

In den 1970er Jahren beginnt allmählich ein kleiner Kreis von französischen Literaturkritikern, sich für die österreichische Gegenwartsliteratur zu interessieren, und stellt die österreichische Avantgarde (Wiener Gruppe, Bachmann, Handke und Bernhard) deren Suche nach neuen Ausdrucksformen, deren Gesellschaftskritik durch Sprachkritik dem plakativ engagierten, traditionell erzählenden, literarischen „Establishment“ der BRD (Martin Walser, Heinrich Böll, Günter Grass, etc.) gegenüber. Im Zuge der steigenden Aufmerksamkeit für das Wiener Fin-de-Siècle als Wiege der Moderne, als Ausgangspunkt für bedeutende philosophische und wissenschaftliche Errungenschaften und künstlerische Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts, wird in den 1980er Jahren eine breitere französische Leserschaft auf die Besonderheit der österreichischen Literatur aufmerksam. Als ein Auslöser dieses Interesses fungiert die von dem Philosophen Jacques Bouveresse herausgegebene Nummer 339–340 der Zeitschrift Critique „Vienne 1900“ von 1975 – mit mehreren Neuauflagen. Die massive Rezeption des Kontinents „Wien 1900“ beruht unter anderem auf einem in Frankreich veränderten politischen und intellektuellen Klima, dem Niedergang der Ideologien und der Wiederaufwertung des Subjekts in der Literatur: In der Figur des Ulrich aus Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften wird der Prototyp des modernen Menschen erkannt. Dem Wien-Mythos entsprechend verbindet man nun allgemein die Literatur aus Österreich mit Begriffen wie morbid, Melancholie, Endzeitstimmung, fröhliche Apokalypse, Ende einer Kultur, Diagnose einer sterbenden Welt. Unter dem Eindruck dieses Wien-Kults erscheint Arthur Schnitzlers 1984 von Robert Dumont erstmals ins Französische übersetzter Roman Der Weg ins Freie unter dem Titel Vienne au crépuscule (Wien in der Dämmerung) – was vom deutschen Titel weit entfernt ist. Der außergewöhnliche Erfolg der Ausstellung „Vienne – naissance d’un siècle“ im Centre Georges Pompidou im Frühjahr 1986, verbunden mit einer ausführlichen Kulturberichtserstattung, hat zur Folge, dass österreichische Autor:innen so intensiv wie niemals zuvor in Frankreich übersetzt, veröffentlicht und auch gelesen werden. Werke von Joseph Roth, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Stefan Zweig, Hermann Broch werden neu übersetzt, wieder aufgelegt, in Taschenbuchausgaben veröffentlicht oder auf dem Theater dem französischen Publikum nahegebracht. Andere, bis dahin weniger bekannte Autoren wie Karl Kraus, Ödön von Horváth und Jura Soyfer[7], aber auch die deutschsprachigen Prager Schriftsteller Leo Perutz, Hermann Ungar[8], Ernst Weiß[9], Johannes Urzidil[10] werden teilweise neu oder erstmals übersetzt. Die Wienbegeisterung – im Französischen als viennomanie (Wien-Wahn) bezeichnet – lenkt darüber hinaus zunehmend die Aufmerksamkeit auf die österreichische Gegenwartsliteratur, die jedoch in dieser Periode, dem Habsburg- und Wien-Mythos entsprechend, durch die Fin-de-siècle-Brille wahrgenommen wird: Galt Thomas Bernhard in den 1970er Jahren der französischen Kritik als „geistiger Sohn Wittgensteins“, der mit seiner musikalischen „kreisend-verstörenden“ repetitiven, ja avantgardistischen Schreibweise beeindruckt, so wird er einige Jahre später als melancholischer, an sich selbst und der Epoche leidender „Erbe des Goldenen Zeitalters“ oder auch als „Samuel Beckett aus Mitteleuropa“ bezeichnet. Autor:innen wie Elfriede Jelinek, Peter Turrini[11] oder Josef Winkler und Werner Kofler, die nicht in diese Lesart passen, bleiben in Frankreich weiterhin unbeachtet.

Das Jahr 1986 stellt einen radikalen Wendepunkt für das Österreichbild im Ausland dar, der auch maßgeblich die Rezeption der österreichischen Literatur in Frankreich beeinflusst. Kurz nach dem Ausstellungsende im Centre Pompidou im Frühjahr 1986, also auf dem Höhepunkt des positiv besetzten kulturell-touristischen Images, kippt das Image Österreichs im Zuge der „Waldheim-Affäre“ und angesichts des Aufstiegs der FPÖ Jörg Haiders in ein extrem negativ besetztes Bild der österreichischen Politik und der österreichischen Gesellschaft. Mit der Regierungsbildung durch ÖVP und FPÖ 2000 und den folgenden Sanktionen durch die EU wird der Schaden noch verstärkt. Doch diese Entwicklung lenkt auch die Aufmerksamkeit auf die literarische Österreichkritik und somit auf die literarischen „Störenfriede“ und „Nestbeschmutzer“ unter den österreichischen Autor:innen wie Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Franz Innerhofer[12], Gernot Wolfgruber[13], Josef Winkler, Norbert Gstrein[14], Erich Hackl[15], Werner Kofler, Werner Schwab[16]. Symptomatisch für diese Tendenz Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre ist die intensive Rezeption von Thomas Bernhard, in dessen Texten die französische Kritik zunehmend das österreichkritische Potenzial hervorkehrt. Sogar die politische Berichterstattung in Frankreich bedient sich Bernhard’scher Formulierungen aus seinem Werk, um die politische Wirklichkeit in Österreich zu illustrieren und zu verdeutlichen. Thomas Bernhard verkörpert mit Elfriede Jelinek, Peter Handke und anderen sozusagen das Gewissen des Landes, und die von Kulturschaffenden an Österreich geübte Kritik gilt nun „als subversiver Widerstand“, um einen Essay von Felix Kreissler[17] aus dem Jahre 1996 zu zitieren.

Mit der Beruhigung bzw. der Banalisierung der politischen Lage in Österreich und der Rückkehr zum „klassischen“ Erzählen, das nicht nur französische Autor:innen seit Échenoz, Quignard und Modiano und zahlreiche gegenwärtig Schreibende kennzeichnet, werden wieder stärker literarische Maßstäbe angelegt. Aus französischer Perspektive konzediert man heutzutage den österreichischen Autorinnen und Autoren, deren Bücher in Frankreich erscheinen, ein besonderes Sprachbewusstsein und eine damit verbundene sprachliche Komplexität, Musikalität, eine überwiegend pessimistische Weltanschauung bzw. eine spezielle österreichische Morbidität, die Ablehnung eines traditionellen Erzählens und ein konfliktgeladenes und kritisches Verhältnis zum eignen Land, eine Hassliebe zu Österreich. Die Medienpräsenz der zeitgenössischen österreichischen Literatur in Frankreich beschränkt sich (wieder) auf das Feuilleton. Eine Differenzierung ist bei literarischen Werken aus dem deutschen Sprachraum in den letzten Jahrzehnten in Frankreich üblich geworden, indem bei Übersetzungen aus dem Deutschen angemerkt wird, ob es sich um Autor:innen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz handelt: „traduit de l’allemand (Autriche)“.

Französische Verlagshäuser, Germanistik und Zeitschriften als Vermittler der österreichischen Literatur

Der Österreich-Hype und die gewissermaßen überproportionale Aufmerksamkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts für Österreich in den französischen Literaturrubriken gehören sicherlich der Vergangenheit an. Die Literatur aus Österreich wird dennoch von einigen französischen Verlagshäusern weiterhin mit Interesse verfolgt. Sie orientieren sich einerseits an den erfolgreichen Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt; andererseits sind Übersetzungen häufig auf das persönliche Engagement von französischen Übersetzern und Österreich-Spezialisten zurückzuführen, die in der universitären Germanistik oder bei Verlagen tätig sind. Zahlreiche Neuauflagen und Neuübersetzungen der österreichischen „klassischen Moderne“ (Rilke, Kafka, Musil, Zweig, Roth) erscheinen bei großen Verlagshäusern wie Seuil, Grasset, Stock, Albin Michel und nicht zuletzt bei Gallimard. Rilke, Kafka und Zweig existieren in zahlreichen Übersetzungen und zählen zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, die in die renommierte und kostbare „Bibliothèque de la Pléiade“ von Gallimard aufgenommen wurden.

Erwähnt seien hier einige Verlage, die sich als Vermittler der österreichischen, insbesondere der zeitgenössischen Literatur verdient machten und machen. Die 1931 geschaffene Reihe für moderne ausländische Literatur „du monde entier“ des renommierten und alteingesessenen Hauses Gallimard entdeckt ab den 1960er Jahren Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard, Elias Canetti (der nach einem Zerwürfnis zu Albin Michel wechselte) und betreut neben Peter Handke auch Norbert Gstrein, Arno Geiger[18] und neuerdings Reinhard Kaiser-Mühlecker[19]; in der Taschenbuchreihe „Folio“ von Gallimard werden nicht nur eigene, sondern auch bei anderen Verlagen erschienene und/oder von Urheberrechten freie Autor:innen verlegt.

Zahlreiche zeitgenössische Schriftstellerinnen aus Österreich, wie etwa Elfriede Jelinek, Clemens Setz[20], Daniel Kehlmann[21], Michael Köhlmeier[22], Peter Stephan Jungk[23], Marlen Haushofer, Katharina Winkler[24], aber auch Jean Améry[25] und Adalbert Stifter haben bei dem seit 1978 in Arles angesiedelten Verlag Actes Sud „ihr“ französisches Verlagshaus gefunden, insbesondere in der Reihe „Jacqueline Chambon“, die auf dem 1987 von Jacqueline Chambon gegründeten und 2001 mit Actes Sud fusionierten Verlag bzw. dessen Fonds basiert.

Das 1979 ebenfalls in Südfrankreich gegründete Verlagshaus Verdier publiziert in einer ausschließlich der deutschsprachigen Literatur gewidmeten, von Jean-Yves Masson (Komparatist und Übersetzer) geleiteten Reihe „Der Doppelgänger“ zum Großteil Autor:innen aus Österreich (15 von 26) wie Josef Winkler, Robert Menasse[26], Gerd Jonke[27], die Prosa von Elfriede Jelinek, aber auch Leopold (von) Andrian, Franz Michael Felder[28] und einige Texte von Hugo von Hofmannsthal. Im eher kleinen, auf südamerikanische Literatur spezialisierten Verlag Métailié publizieren Vladimir Vertlib[29], Maja Haderlap[30] und Raphaela Edelbauer[31]. Ob der Einsatz von Jacques Lajarrige für Gregor von Rezzori[32] bei L’Olivier oder für Ferdinand von Saar[33] durch Jacques Le Rider bei Bartillat Früchte trägt und die Autoren wirklich ein französisches Lesepublikum finden, sei dahingestellt. Bemerkenswert ist das Bemühen des Verlags Agone um das Werk von Karl Kraus. Nach der 1986 erschienenen, für eine französische Bühne verfassten, szenischen Kurzversion der Letzten Tage der Menschheit wurden auf Betreiben von Jacques Bouveresse und Gerald Stieg einige wichtige Texte von Karl Kraus ins Französische übersetzt: Die letzten Tage der Menschheit in der Vollversion und Dritte Walpurgisnacht, mit einer Neuauflage 2026.

Dramatische Texte aus der österreichischen Literatur verlegt allen voran der Theater-Verlag L’Arche, der mit seiner Theateragentur die Aufführungsrechte für fast alle ins Französische übersetzten Dramatiker:innen besitzt. Der 1949 gegründete Verlag ist seit 1954, mit dem Beginn der Herausgabe von Brechts Theaterstücken und der Herausgabe der Theaterzeitschrift Théâtre populaire (1954–1963), auf dramatische Texte spezialisiert. L’Arche ediert Theaterautor:innen des 19.–21. Jahrhunderts, darunter seit Mitte der 1980er Jahre das dramatische Werk von Thomas Bernhard (zum Großteil von Claude Porcell übersetzt) und Peter Handke (bereits 1968 Publikumsbeschimpfung, 1971 Kaspar), von Horváth (übersetzt von Henri Christophe/Heinz Schwarzinger), Canetti, Jelinek, Turrini, Werner Schwab.

Was österreichische Theatertexte betrifft, gebührt dem 2023 gegründeten, auf englisch- und deutschsprachiges Theater spezialisierten, und auf einer privaten Liebhaberinitiative beruhenden Verlag Les Éditions du Brigadier (Lille) eine besondere Hervorhebung. Der Katalog – mit bisher 133 Titeln – enthält mehr als zwei Drittel dramatische Texte aus dem deutschsprachigen Raum, vorwiegend aus Österreich: angefangen vom Wiener Vorstadttheater (5 Theaterstücke von Ferdinand Raimund und 10 von Nestroy), über Neuübersetzungen von Schnitzler (Cabale à l’hôpital, La Ronde), Horváth (7), Canetti (Comédie des vanités, Noces, Humains à durée limitée), Werfel (Jacobovski et le Colonel), Karl Schönherr[34] (Le Diable fait femme), von den jüngeren Theaterautoren sind Ferdinand Schmalz[35] (4) und Daniel Kehlmann (5) im Katalog.

Einen bemerkenswerten Beitrag zur Entdeckung und, in der Folge, für die Rezeption von dramatischen Texten aus Österreich leistet Heinz Schwarzinger, der als Übersetzer und Theatermacher (Regie, Schauspiel, Dramaturgie) unermüdlichen Einsatz zeigt, um – vor allem – das zeitgenössische österreichische Theater in Frankreich und das französische Theater in Österreich bekannt zu machen: Die „Semaines du théâtre autrichien“, von 1986 bis 2005, dann bis 2020 als „Journées du théâtre autrichien“ weitergeführt, und andererseits die „Französischsprachigen Theatertage in Wien“, von 1991 bis 2012, waren Anstoß für zahlreiche Übersetzungen und Veröffentlichungen.

Germanistik

Auch wenn die französische Germanistik in den letzten zwei Jahrzehnten über mangelnden Nachwuchs klagt, ist ihre Vermittlerrolle in der Rezeption von österreichischer Literatur und Kultur von Bedeutung. Die verhältnismäßig zahlreichen Österreich-Spezialisten unter den französischen Germanist:innen halten Seminare und Vorlesungen zur österreichischen Literatur, verfassen Besprechungen, sind (leitende) Redakteur:innen von Fachzeitschriften und treten als Vortragende bei einschlägigen Tagungen, aber auch als Übersetzer:innen hervor, und bilden somit die nächste Germanisten-Generation aus.

So wie im deutschen Sprachraum die Französischlernenden immer weniger werden, nimmt auch in Frankreich die Anzahl der Deutschlernenden und Deutschlehrenden ab. Innerhalb der französischen Germanistik spielen jedoch nach wie vor die national organisierten Wettbewerbsprüfungen für das Lehramt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auf dem Prüfungsprogramm der agrégation d’allemand standen in den letzten Jahrzehnten neben Werken von Kafka, Rilke, Hofmannsthal, Zweig, Musil, Trakl auch zeitgenössische österreichische Autor:innen: Bachmann, Canetti, Handke, Bernhard, Ransmayr[36], Haushofer. Auf dem Programm 2026/27 stehen sowohl für die agrégation d’allemand als auch für die agrégation de lettres modernes (Prüfung in vergleichender Literaturwissenschaft) Theaterstücke von Thomas Bernhard (Heldenplatz bzw. Minetti). Es ist seit Jahrzehnten üblich, eine meist mit einer Publikation verbundene Tagung an mehreren Universitäten zum österreichischen Concours-Thema zu organisieren. Diese universitäre Sensibilisierung für österreichische Literatur trägt ab den 1980er Jahren zunehmend Früchte in der französischen Literaturwissenschaft in Form von Doktorarbeiten oder Beiträgen in französischen Fachzeitschriften. Nach der französischen Datenbank theses.fr gebührt die akademische Palme mit jeweils 25 Dissertationen Musil und Kafka, deren Werke in Frankreich interdisziplinär in philosophische und ästhetische Diskussionen hineinwirken; statistisch folgen mit jeweils 20 Doktorarbeiten Rilke, Hofmannsthal, Paul Celan und Thomas Bernhard, der die Liste der zeitgenössischen Literatur anführt; weiters registriert die Datenbank Dissertationen über Zweig und Handke (15), Schnitzler (12), Canetti (11) und Bachmann (12), Jelinek (10), J. Roth (9), Karl Kraus (6), Trakl (5), Werfel (3), Doderer (3). Auch über Grillparzer, Nestroy, Raimund, Stifter (jeweils 2), Rosegger[37], Nabl[38], Fussenegger[39], K.E. Franzos[40] und H.C. Artmann wurde in Frankreich bisher dissertiert.

Zeitschriften und einschlägige Reihen

Analysen zu österreichischen Themen und Autoren finden naturgemäß auch Eingang in einschlägige Zeitschriften, von denen an erster Stelle Austriaca. Cahiers universitaires d’information sur l’Autriche zu nennen ist, die seit 1975 zweimal jährlich erscheint. Die von Felix Kreissler an der Universität Rouen gegründete, pluridisziplinäre Zeitschrift (editorisches Grundprinzip ist eine Alternanz zwischen Geschichte, Politik, Ökonomie, Kultur und Literatur), mit dem Ziel, ein möglichst umfassendes Bild des modernen Österreich zu vermitteln, hat in ihrem 50-jährigen Bestehen mehr als ein Drittel (38) der Themenhefte dem – vor allem deutschsprachigen – literarischen Schaffen in Österreich (Kaiserreich, Donaumonarchie, Republik) gewidmet; im Rezensionsteil wird sowohl Primär- als auch Sekundärliteratur zur österreichischen Literatur besprochen.[41] Über Kanonfragen lässt sich trefflich streiten: Die literarischen Nummern sind mehrheitlich auf Tagungsakte von österreichischen Autorinnen und Autoren gewidmeten, in Frankreich durchgeführten Symposien zurückzuführen. Die Themenwahl ist auch der Aktualität des Literaturbetriebs (Nobelpreise: Hefte zu Jelinek und Handke) oder dem Spezialgebiet eines der Mitglieder des Redaktionskomitees geschuldet. Im Katalog finden sich jeweils zwei Themenhefte zu Kraus, Handke, Canetti, Trakl. Andere Autor:innen wie etwa Thomas Bernhard warten noch auf eine ihnen gewidmete Austriaca-Nummer; was sich bezüglich Bernhard bald ändern könnte, da er (wie bereits 1988 mit Korrektur) mit zwei Stücken (Heldenplatz, Minetti) auf dem Programm der concours steht.

In den anderen germanistischen Zeitschriften werden punktuell Themenhefte und Beiträge zur österreichischen Literatur veröffentlicht. Die seit 1946 erscheinende, an die Germanistik der Sorbonne angebundene Zeitschrift Études Germaniques, wurde über lange Zeit hinweg von Spezialisten für Literatur aus Österreich geleitet (Claude David, Jean-Marie Valentin und Bernard Banoun): An die 240 Beiträge behandeln im weitesten Sinne österreichische Literatur, wobei Kafka (37) und Rilke (27) die Statistik anführen. Im Sinne des universitär ausgerichteten Konzepts folgen Hofmannsthal (21 Beiträge), Grillparzer (17), Stifter (13). Bisher sind 14 Themenhefte österreichischen Autor:innen gewidmet – beginnend mit Grillparzer, Rilke, Kafka, Hofmannsthal und Stifter; erst ab 2015 wird der zeitgenössischen Literatur zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt mit Themenheften zu Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Josef Winkler, oder auch Karl Kraus, Paul Celan; zudem erschienen einige substanzielle, übergreifende Beiträge zur österreichischen Literatur in dieser Revue.[42]

Drei weitere auf Literatur und Geistesgeschichte der deutschsprachigen Länder spezialisierte Fachzeitschriften verdienen einen Hinweis. Zum Redaktionskomitee der seit 1987 zweimal jährlich an der Universität Lille publizierten Revue Germanica gehören bedeutende französische Austriazisten, die nicht nur federführend bei den, österreichischen Autoren gewidmeten, Themenheften waren (Horváth, Schnitzler, Celan), sondern immer wieder profunde Analysen zur österreichischen Literatur verfassen bzw. veranlassen, wie etwa in den Nummern zur Autobiografie (Nr. 20/1997) oder zu Philosophie und Literatur (Nr. 26/2000).

In der transdisziplinären Zeitschrift Cahiers d’études germaniques, die seit 1972 in Zusammenarbeit der Universitäten südlich der Loire (Aix-Marseille, Lyon, Montpellier, Toulouse) erscheint, finden sich einerseits Beiträge zu Österreichs Kultur- und Geistesgeschichte und andererseits der österreichischen Literatur gewidmete Sammelbände: Hermann Broch (1989), Wien – Berlin. Deux sites de la modernité – Zwei Metropolen der Moderne (1993). Und schließlich veröffentlichten die an der Universität von Straßburg von 1986–2019 herausgegebenen, speziell mit Habsburg-Forschung befassten Études danubiennes ebenfalls vereinzelt Beiträge zur österreichischen Literatur (Schnitzler, Hofmannsthal, Rosegger, Fussenegger).

Von den für eine breitere, literarisch interessierte Leserschaft angelegten Zeitschriften und Reihen sollen zwei hervorgehoben werden: Die 1923 von Romain Rolland gegründete Zeitschrift Europe hat seit 1976 vierzehn Sammelbände über Literatur aus Österreich in Form von Analysen zu und Texten von verschiedenen Autor:innen – darunter die Nummer 886–887 (Juni–Juli 2001) Littérature d’Autriche –; in den renommierten Cahiers de l’Herne, die seit 1963 Kunstformaten ähnelnde monographische Sammelbände zu Philosophen, Intellektuellen und Schriftsteller:innen publizieren, findet man immerhin acht Vertreter der österreichischen Literatur – die „Grenzfälle“ eingeschlossen: darunter Karl Kraus (1974, wiederaufgelegt und aktualisiert 2024), Gustav Meyrink[43] (1976), Robert Musil (1982), erst zwei Jahrzehnte danach Franz Kafka (2014), Joseph Roth und Sigmund Freud (2015), Paul Celan (2020), Thomas Bernhard (2021), wobei nach Aussage des Verlags das Bernhard-Cahier unter den nicht französischen Autor:innen den besten Absatz verzeichnen kann.

Dieser notgedrungen fragmentarische Überblick lässt sich mit diversen weiterführenden DECAF-Einträgen vertiefen.

Wenn man aktuell auf der Suche nach Buchtipps zur österreichischen Literatur auf französischen Webseiten[44] „blättert“, fällt ein von Eklektizismus geprägtes, chronologisches und qualitatives Durcheinander auf: Von Rilke und Zweig über Glattauer[45] zu Vicki Baum, von Canetti und Bernhard über Ransmayr, Jelinek, Haushofer, Winkler, Handke zu Seethaler[46], Hans Lebert[47] und Wolf Haas[48]. Der aktuell am meisten gelesene Autor scheint wohl Robert Seethaler zu sein, dessen Romane bald nach Erscheinen in französischer Übersetzung (beim kleinen Verlag Sabine Wespieser) in den Taschenbuchverlag Folio von Gallimard übernommen werden und damit eine große Leserschaft erreichen. Ansonsten erfreuen sich nach wie vor Stefan Zweig, Arthur Schnitzler und Joseph Roth größter Beliebtheit. Thomas Bernhards Stücke und Prosa-Adaptationen gehören – neben jenen von Schnitzler, Horváth und Adaptationen von Zweigs Prosa – auf französischen Bühnen zum „klassischen“ modernen Repertoire; Peter Handke und Elfriede Jelinek, einerseits als skandalumwittert und unbequem bekannt, andererseits in den Schlagzeilen als Nobelpreisträger, sind wohl weiterhin die bekanntesten Vertreter zeitgenössischer österreichischer Literatur am Beginn des 21. Jahrhunderts in Frankreich.

Quellen und externe Links

  1. ↑ Ein guter Überblick über die Debatten findet sich bei Klaus Amann: ich ich sein wer sein? Statt eines Vorworts. In: „ich ich sein – wer sein?“ Zur österreichischen Literatur. Klagenfurt: Ritter Verlag 2025, S. 9–28; Gerald Stieg: „Grenzfälle“ ou qui appartient à la littérature autrichienne?. In Études Germaniques 2010/2, Nr. 258, S. 307–318.
  2. ↑ Chassard/Weil 1981
  3. ↑ So etwa „Critique de la société autrichienne et la République d’après 1918“ (u.a. Musil, Broch Roth); „Les courants surréalistes et le roman expérimental“ (von dreizehn Autoren werden acht österreichische behandelt: von Bernhard bis Jonke und Scharang).
  4. ↑ Ravy 1998
  5. ↑ In La littérature allemande d’aujourd’hui (1909) sieht Maurice Muret in Arthur Schnitzler ein Bindeglied zwischen Raabe und den französischen Novellisten wie Maupassant.
  6. ↑ Tibal 1936
  7. ↑ https://www.soyfer.at
  8. ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_U/Ungar_Hermann_1893_1929.xml
  9. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118630458.html#ndbcontent
  10. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118763938.html#ndbcontent
  11. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Peter_Turrini
  12. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Innerhofer%2C_Franz
  13. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Wolfgruber%2C_Gernot
  14. ↑ https://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:2:::::P2_TYP_ID:
  15. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Hackl%2C_Erich
  16. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd119355221.html#ndbcontent
  17. ↑ Kreissler 1996
  18. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Geiger%2C_Arno
  19. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/136900666
  20. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Setz%2C_Clemens
  21. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Kehlmann%2C_Daniel
  22. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Michael_K%C3%B6hlmeier
  23. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/120204614
  24. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/1081399937
  25. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jean_Am%C3%A9ry
  26. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Robert_Menasse
  27. ↑ https://www.onb.ac.at/sammlungen/literaturarchiv/bestaende/personen/jonke-gert-f-1946-2009
  28. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118532367.html#ndbcontent
  29. ↑ https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Vladimir_Vertlib
  30. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Haderlap%2C_Maja
  31. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/1136992030
  32. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600109.html#ndbcontent
  33. ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Saar_Ferdinand_1833_1906.xml
  34. ↑ https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Schoenherr_Karl_1867_1943.xml
  35. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Schmatz%2C_Ferdinand
  36. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Christoph_Ransmayr
  37. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118602667.html#ndbcontent
  38. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586092.html#ndbcontent
  39. ↑ https://austria-forum.org/af/Biographien/Fussenegger%2C_Gertrud
  40. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Karl_Emil_Franzos
  41. ↑ Die praktisch parallel dazu gegründete Reihe „France-Autriche“ veröffentlichte seit 1976 14 Bände, die bis auf zwei Ausnahmen der österreichischen Literatur gewidmet sind. Der erste Band D’Aichinger à Zweig von Christiane und Gilbert Ravy ist eine sehr dienstvolle Bibliografie zur österreichischen Literatur in französischer Übersetzung, die 1987 und 1996 aktualisiert neu aufgelegt wurde – vor den Zeiten der allgemeinen Internetbenutzung. Ebenfalls erwähnenswert ist die seit 2014 von J. Lajarrige und H. Mitterbauer herausgegebenen Reihe „Forum Österreich mit 3 französischsprachigen Bänden: Théâtre populaire viennois, Raoul Schrott und Übersetzer als Kulturvermittler.
  42. ↑ « L’Autriche après 1945. La renaissance de la vie littéraire et artistique » (1995/2), « Espaces multiculturels » (2007/1) mit 7 Texten zu Habsburg-Österreich, « La littérature autrichienne et l’État » (2010/2) mit dem eingangs erwähnten Artikel von Gerald Stieg « Qui appartient à la littérature autrichienne? ».
  43. ↑ https://biographien.ac.at/oebl/oebl_M/Meyrink_Gustav_1869_1932.xml
  44. ↑ Z.B.: https://www.bibliosurf.com/litteratureautrichienne.html,
    https://etsionbouquinait.com/2022/12/04/les-feuilles-allemandes,
    https://www.leslibraires.fr/dossiers/auteurs-d-autriche/,
    https://www.leslibraires.fr/dossiers/auteurs-d-autriche/.
  45. ↑ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Daniel_Glattauer
  46. ↑ https://explore.gnd.network/gnd/131400029
  47. ↑ https://www.deutsche-biographie.de/gnd119524686.html#dbocontent
  48. ↑ https://kulturlexikon.info/index.php?title=Wolf_Haas

Bibliographie

  • De Daran, Valérie: Traduit de l’allemand (Autriche): étude d’un transfert littéraire. Bern: Peter Lang 2010.
  • Hornig, Dieter: La littérature autrichienne en France. In: Documents. Revue des questions allemandes, 1985/2, S. 81–89.
  • Koja, Friedrich / Pfersmann, Otto (Hrsg.): Frankreich - Österreich. Wechselseitige Wahrnehmung und wechselseitiger Einfluß seit 1918. Wien: Böhlau 1994.
  • Kreissler, Felix: Kultur als subversiver Widerstand, Ein Essay zur österreichischen. Identität. München–Salzburg–Rom: edition Kappa 1996.
  • Ravy, Christiane et Gilbert: D’Aichinger à Zweig. Traductions françaises d’écrivains autrichiens, 2e édition. Université de Rouen 1987 (= Reihe France-Autriche).
  • Ravy, Gilbert: Die Spezifizität der österreichischen Literatur aus französischer Sicht. Ein Rückblick. In: Jura Soyfer, Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften Nr. 2/1998, S. 5–8.
  • Sandbichler, Bernhard: Österreichische Literatur in Frankreich (1982-1992. Dokumentation – Analyse – Information, Geisteswissenschaftliche Dissertation. Universität Innsbruck 1996.
  • Stieg, Gerald: Austriazistik in der französischen Germanistik. In: Jura Soyfer, Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften Nr. 2/1998, S. 3–5.
  • Weinmann, Ute: Österreichische Literatur in Frankreich. In: Nicole Colin / Corine Defrance Ulrich Pfeil / Joachim Umlauf (Hrsg.): Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945. Tübingen: Narr 2013, S. 355–357.
  • Tibal, André: L’Autrichien, essai sur la formation d’une individualité nationale (du XVIe au XVIIIe siècle). Paris: Berger-Levrault 1936.
  • Zeyringer, Klaus: Von Frankreich aus. In: Franz Haas / Hermann Schlösser / Klaus Zeyringer (Hrsg.): Blicke von außen – österreichische Literatur im internationalen Kontext. Innsbruck: Haymon 2003, S. 99–142.

Autorin

Ute Weinmann

Onlinestellung: 22/09/2026